, und ihn konnte sie anblicken. Was er sagte, gefiel ihr, aber das war auch alles. Doch was Ferdinand nach Hadems Rede zu ihr sagte, machte einen dauernden, unauslöschlichen Eindruck, und nie konnte sie sich in das Zaubergelispel ihrer Töne verlieren, in süssen Klagen der Liebe oder in feierlichen, erhabnen Gefühlen an ihrem Klavier, auf ihrer Laute ergiessen, ohne dass Ferdinands Worte in ihrem Herzen ertönten, seine Blicke in ihren Geist drangen und das Geschehene mit den kleinsten Umständen in ihrer Seele lebendig machten. So schloss die Musik durch die zu frühe, zu gefährliche Aufregung der Sinnlichkeit, der Einbildungskraft und durch die immer zurückkehrende Erinnerung eines unvergesslichen Augenblicks sie in einen Zauberkreis, aus dem sie nie mehr treten konnte, den ihr Herz und ihre Phantasie, auch wider ihren Willen, erschufen.
Zu ihrem Glücke zwangen häusliche Umstände den Italiener zur Rückkehr in sein Vaterland. Der Vater selbst fühlte, sie sei für ihre Jahre in dieser Kunst zu weit gegangen, und dachte nun auf bestimmtere Ausbildung ihres Geistes. Ein vortrefflicher Mann ward ihr Lehrer. Ihr Herz, das durch die feinen Gefühle der Musik vorbereitet war, nahm leicht die schöne und edle Stimmung an, die ihr Lehrer ihm zu geben suchte, und ihr Verstand bemeisterte sich der Phantasie, der allzu sehr gereizten Sinnlichkeit. Hohe Gesinnungen und eine besondre Kraft schienen sie nun vor jeder Gefahr zu sichern.
Als sie aber Ernsten zum erstenmal wieder erblickte, stand Ferdinand so vor ihr, als habe die Zeit bisher stille gestanden.
7.
Ferdinand strebte seit der Unterredung zwischen ihm und Renot nach Licht über die Zweifel, die sein Herz und seinen Geist so rastlos beschäftigten und quälten. Er benutzte das erste, ruhige Gespräch mit Ernsten über die Angelegenheiten des Tages, um dessen Gesinnungen über diesen ihm nun so wichtigen Punkt zu hören. Er wusste, dass Ernst ihm nichts verbergen konnte, dass er selbst aus Schonung für ihn keine Lüge sagen und höchstens seine Ausdrücke mässigen würde. Da aber Ferdinand immer mit Wut von diesem gegenstand sprach und alles, was geschah, nur in dem Lichte seiner leidenschaft betrachtete, so schwieg Ernst gewöhnlich und suchte das Gespräch auf andere Gegenstände zu leiten. Jetzt bemerkte Ferdinand dieses mit verdriesslicher Laune, und Ernst erwiderte:
"Ich schweige, weil ich diese begebenheiten, die uns in einem so kurzen Zeitraume alles vor die Augen stellen, was die Menschen, seitdem sie die Erde bewohnen und verwüsten, in diesem Sinne mögen unternommen haben, aus einem andern Gesichtspunkte ansehe als du. Da unser Herz bei diesen Erscheinungen ohne Unterlass empört oder von Zweifeln geängstigt wird und da das Interesse, die Vorurteile der Menschen einander hierbei so sehr durchkreuzen, so wundert es mich nicht, dass man die Quellen dieser Erscheinungen übersieht und weder gerecht verfährt, noch verfahren kann. Dir vergebe ich es umso mehr; denn wer kann von dir fordern, dass du vergessen sollst, was du durch diese begebenheiten erlitten und verloren hast! Es ist menschlich, dass du alles, was dort geschah und geschieht, als Zerstörung deines Glückes, als Vernichtung deiner letzten Hoffnung ansiehst; aber eben darum ist dein Urteil auch so parteiisch, weil es aus Leidenschaften, aus Rücksichten auf dich selbst entspringt.
Du siehst mich unwillig an. – Ferdinand, ich bitte dich, vergiss dich einen Augenblick. Dir kann ich ja wohl sagen, was ich denke, du wirst meine Worte nicht missdeuten und auch hier deinen Freund nicht verkennen, der sich dir jetzt anvertrauen muss. Längst merkte ich, dass du dies erwartetest; denn leider können in dieser unglücklichen Zeit weder Menschen noch Freunde zusammenleben, ohne sich über diesen Punkt zu verständigen, und dieses ist nicht die kleinste der bösen Folgen für uns und unser Vaterland.
Du hast lange in Frankreich gelebt. Sage mir aufrichtig, hast du etwas anderes von dem Augenblick erwartet, da dieses Volk das morsche, lockre Band zerriss, das es nur noch zusammenzuhalten schien? Hatten seine Vorsteher und Führer nicht schon längst durch ihren an ihm geheim und öffentlich ausgeübten Frevel allen Glauben an Tugend und moralischen Wert in dem Herzen dieses Volkes aufgelöst? es durch ihre Taten zu diesem Unglauben, dieser Verzweiflung an allem Guten gezwungen? Konnten da die Folgen anders sein? Kannten ihre Führer andre Götzen als das Interesse, die Befriedigung ihrer Torheit und ihrer unersättlichen Begierden, die sie öffentlich, ohne alle Scheu und Scham, und immer auf Kosten derer befriedigten, die sie unterdrückten? Ward die den Menschen erniedrigende Lehre der Sinnlichkeit, des Nutzens nicht öffentlich in Systemen aufgestellt? diesem zerdrückten volk vorgelegt, damit es bei seinem physischen Elende auch die moralischen Quellen desselben kennenlernte und sich fest überzeugte, es sei nun keine Hoffnung der Rettung mehr? Übte man an diesem gutmütigen, seinem Könige so treu ergebenen volk in dessen mächtigem Namen nicht alle Verbrechen solange aus, bis man das Vertrauen zu dem Könige und alle Keime des Guten in dem volk erstickt, alles Gefühl der Gerechtigkeit vertilgt hatte? Kann der gerecht sein, gegen den man immer ungerecht war? Und warum schreibst du nun alles das, was Böses geschehen ist, diesem volk allein zu? Musste es nicht endlich an seinem Lehrmeister, da dessen Macht und Ansehen verschwunden war, das ausüben, was es von ihm gelernt und erfahren hatte?"
FERDINAND: Musste, Ernst! musste!
ERNST: Halte dich nicht an ein Wort, dessen Sinn zum Zergliedern viel zu schrecklich ist. Mein Herz verwirft ihn; und glaubte