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Sinn, wenn Sie von Menschen reden, wie ich sie habe kennenlernen; sprechen Sie so von ihm, so ist es Lästerung.

RENOT: Ich sehe, die teutsche Luft wirkt auf Sie, oder Sie fangen schon an, sich zu bequemen. Freilich, hier werden Sie keine Rolle spielen, wie Sie dort auf dem Wege zu spielen waren, und darum ist es vielleicht gut, dass Sie es jetzt mit den Träumen Ihres Freundes halten. Ich wünsche Ihnen Glück dazu, doch lassen Sie sich ja nicht so weit von ihm anstecken, dass Sie die feierliche, erhabne Miene annähmen, die seine Gemahlin ihm verdankt; sie beweist die Täuschung. Und um so zufrieden mit diesem Spiel zu sein, muss man gleich ihm mehr Phantasie als Verstand besitzen.

Ferdinand fühlte jetzt Abscheu vor Renot. Er wollte gehen, blieb aber immer, hatte noch immer etwas zu fragen, schien immer noch auf etwas zu warten. In diesem Augenblicke glich er einem mann, der einem Pestkranken ein Geheimnis abzufragen hat, das über sein Schicksal entscheiden soll: Furcht vor dem tod hält seinen Fuss zurück, die Begierde, das wichtige Geheimnis zu wissen, spornt ihn vorwärts.

Renot sagte ihm endlich:

"Lassen Sie sich nur bald dem Fürsten vorstellen. Er liebt Leute von Mut und Geist, und ich will ihn schon vorbereiten. Ich freue mich, wenn ich Sie ansehe; ja, so gebauet, lohnt es der Mühe zu leben. Wie mag sich nun neben Ihnen Ernst ausnehmen, der das kalte Bild einer antiken Tugend ganz erträglich vorstellt! Sagen Sie, gleicht er nicht einer marmornen Säule, die der Kenner, weil an ihr die Regeln der Kunst genau beobachtet sind, bewundert, bei der aber das Herz eiskalt bleibt und die die Einbildungskraft eher tötet als belebt? Hier ist lebendige Kraft, hier ist Ausdruck der leidenschaft, die mit Blitzen wie mit Wasserblasen spielt!"

Ferdinand ging betäubt. Zwei Empfindungen wühlten in seinem Busen. Ernst ein Demagoge! aber diese versank unter der andern: Sie liebt ihn nicht! Ein Schauder ergriff ihn bei dem Gedanken: Und wenn sie ihn nicht liebt, wen könnte sie lieben? Und aus dem Schauder entsprang ein so wildes, leidenschaftliches Gefühl, dass seine Seele erbebte. "Ich muss dieses Geheimnis erforschen", rief er; "hier liegt etwas Unbegreifliches."

Und mit dem tiefsten Schmerz muss ich es nun sagen: Renot hatte recht. In Amaliens Herzen lag ein Geheimnis vergraben, ein Geheimnis, von dessen Entdeckung Ernstens und ihr Schicksal abhing. Ich muss es dem Leser mitteilen, ich muss es los werden; denn es drückt so schrecklich auf mich, dass es den gang dieser Erzählung zu hindern droht. Hätt ich mit der Entüllung nur alles abgetan, ich wollt es andeuten und dann schweigen. Aber die Pflicht fordert, dass ich das peinliche Unternehmen fortsetze.

Schon früh entdeckte Amaliens Vater die keimenden Talente, das Zarte, Weiche und harmonisch Gestimmte ihres Geistes. Als sie kaum zu blühen anfing, bemerkte er schon die starke Gewalt der Musik über sie. Er liess sie anfangs von einem Frauenzimmer auf dem Klavier und der Harfe unterrichten; aber bald übertraf die Schülerin die Lehrerin darin. Ihr Vater sah sich nun nach einem vollendeten Musikus um, und diesen fand er in einem Italiener, welcher der Kapelle des Fürsten vorstand. Es war ein junger, gefälliger, schöner Mann, der für seine Kunst schwärmte, unbescholtne Sitten hatte und die zärtlichsten Ergiessungen der italienischen Dichter, der Lieblinge zweier Musen, mit allem Zauber sang und vorlas. Alle menschliche Gefühle, alle Bilder der natur löste seine Phantasie in Töne auf, und seine sanfte, begeisterte Gesichtsbildung findet man nur in Gemälden seines Landsmannes Guido. Dieser Musikus nun führte die junge Amalie in die Geheimnisse dieser bezaubernden Kunst ein und wusste ihr, da er ihr Herz und ihren Geist nur zu berühren brauchte, das Schwere so leicht und fasslich zu machen, dass er bald selbst über das, was er sah, erstaunte. Der Schwärmer ward nun von seinem eignen Werke bezaubert, und sein Entzücken war eine fortdauernde Begeisterung. Unter diesen Schwärmereien, dem Gefühle der Fortschritte, den Entzückungen des begeisterten Lehrers ward Amaliens ganzes Dasein Musik, und die Einbildungskraft, die feine Sinnlichkeit wurde durch die Musik in dem zarten Mädchen zu einem solchen Grade gespannt und entwickelt, dass ihr Geist und ihr Herz im beständigen Genusse unbeschreiblicher Wonne sich immer nach neuer, noch höherer sehnten. Ihr Lehrer setzte für sie die süssesten Laute, die feinsten Empfindungen, die zartesten Bilder seiner Dichter in Noten, machte ihr die ganze Musik nur zu einer Empfindung, das schöne Glück, die süssen Schmerzen, die sanften Klagen und die hohe Begeisterung der Liebe auszudrücken. Zugleich unterrichtete er sie in der italienischen Sprache, und sie las bald sehr fertig die Lieblinge dieses gefährlichen Schwärmers. So erfüllte er Amaliens Phantasie und Seele mit Bildern, die nie erloschen, und reizte durch Musik ihre Sinnlichkeit und ihre Einbildungskraft, ehe noch ihr Geist sich entwikkelt hatte.

Um diese Zeit hörte sie Ferdinands kühne Äusserung. Gleich einem Blitze zündeten seine Worte in ihrer Seele, und seine kühnen Blicke, seine schlanke, schöne und heroische Gestalt, sein mutiges, kraftvolles Wesen wirkten so auf sie, dass sie die Augen niederschlug. Es schien ihr, als stellte er plötzlich alle schwankenden Träume, alle zerstreuten Bilder lebendig, vereinigt ihrer Phantasie dar. Als Ernst sprach, konnte sie die Augen wieder aufheben