Wenn er hier gehasst ist, so verdient er es gewiss ebenso wenig als er es zu fühlen scheint. Wenigstens stört es seine Ruhe nicht. Ich habe nie einen edlern, nie einen gutmütigern Menschen gesehen, und ist einer unter uns abhängig, so muss er es von mir sein, denn seit der Zeit, dass ich sein Haus betreten habe, ist er nur um mich besorgt und sein Bestreben geht nur dahin, mich ruhig und zufrieden zu machen und mir angenehme Aussichten zu eröffnen. Und seine Gemahlin –
RENOT: Der Stolze! – Freilich, er, der nur Schimären liebkoset, er ist glücklich, aber – sie ist es nicht.
FERDINAND: Was sagen Sie! Sie ist es nicht? Nun, so ist das Herz des Weibes das unerforschlichste Geheimnis, so genügt ihm nichts!
RENOT: Das weiss ich nicht, und es kann wohl so sein; aber dieses weiss ich, dass sie nicht glücklich ist. Wie? Sie sinnen nach? Und Sie sollten es nicht bemerkt haben, da wir es, ob wir sie gleich nur in Gesellschaften sehen, wo man sich doch zusammennimmt, schon so lange bemerken? – Ich sage Ihnen, es nagt Gram an ihrem Herzen, und aus diesem geheimen Gram entspringt das ernste, feierliche Wesen, wodurch sie jetzt einer tragischen Muse gleicht. Sinnen Sie nur nach, und dann will ich Ihnen ein Geheimnis sagen. – Sie liebt Ernsten nicht. – Ferdinand sprang zurück:
"Renot, schweigen Sie! Sie empören mich."
RENOT: Was ich noch keinem sagte, sage ich Ihnen: Sie liebt den ruhigen, erhabenen Mann nicht. Nur dieses weiss ich – warum, das weiss ich nicht, aber von der Zeit an, da sie mit ihm verbunden war, nahm sie dieses düstre, feierliche, unnatürliche Wesen an. Seit jener Zeit schweben ihre Blicke über dieser Erde weg, als suchten sie in der hohen Ferne einen ihrem Herzen verwandtern Gegenstand.
FERDINAND: Es ist nicht möglich! Wie könnte er sonst so glücklich sein?
RENOT: kennen Sie denn den Träumer nicht? Ihn macht nicht sie, ihn macht nur das Ideal glücklich, das er in ihr träumt, das kalte Bild der Tugend, das er in ihr sieht; und nicht das schönste, reizendste Weib der Erde. Wie, wenn nun diesem weib ohnegleichen das Ideal der kalten Tugend in ihm nicht genügte? In dem hohen, verstiegenen Sinne, worin er schwärmt, vermisst er die weibliche, süsse Zärtlichkeit nicht; wenn nun sie von ihrer Seite etwas an ihm vermisste? Wenn sie nun ein Ideal heisserer, glücklicherer Liebe träumte? Ich habe mir oft den Kopf über dieses sonderbare Verhältnis, über dieses sonderbare Weib zerbrochen und kann es nicht ergründen. Sie müssen mir dieses Rätsel lösen; denn Ihnen kann das Geheimnis nicht lange verborgen bleiben. Hier waltet etwas ob, das sich aufklären muss. Ich erinnere mich genau, wie diese Amalie, die damals die jüngste der Grazien zu sein schien, auf Ihre feurige Einbildungskraft gewirkt hat und was Sie mir von ihr erzählten. Wie fanden Sie nun die erhabene, ernste Göttin? Das hätte sie nicht werden müssen. Diese Erhabenheit zerstört das Weib – er zerstörte es in ihr, und was er darauf pflanzte, ist von zweideutigem Gehalte. Sie haben doch den Zug des stillen Kummers bemerkt?
FERDINAND: Ja, ich bemerkte ihn.
RENOT: Das glaube ich wohl. – Nun, suchen Sie nur, dem Demagogen nicht zu missfallen. Freilich bei dem Fürsten vermag er viel, doch was vermag der Fürst gegen alle? Sie müssen nun einmal bei ihm bleiben, aber lassen Sie sich von der Klugheit raten. Werfen Sie sich nicht zum Kämpfer für ihn auf; denn hier sieht jeder nur einen Feind in ihm, den Feind der alten Ordnung, und diese ist in dem gegenwärtigen bedenklichen Zeitpunkte natürlich die wichtigste Angelegenheit der Menschen. Ich bedaure Ihren Freund; doch so will er es, nur so gefällt es ihm.
Renot sprach nun von gleichgültigen Dingen und führte Ferdinand auf sein Leben in Frankreich zurück. Er reizte dadurch dessen Eitelkeit, und Ferdinand vertrauete ihm eine geschichte, die er freilich Ernsten nicht so hätte mitteilen dürfen. Ferdinand war so nahe an den Grenzen des Verbrechens vorübergegangen, dass man Renots Grundsätze haben musste, um nicht bei seinem Wagestücke zu schaudern.
Renot hörte ihm mit zunehmendem Erstaunen zu; und als Ferdinand geendigt hatte, rief er:
"Und dieser kühne Mann, den die natur als einen Liebling, mit Gestalt, Geist und Mut ausgerüstet, dem Glücke übergab, als wollten sie beide einmal vereint arbeiten – der soll nun von der Gnade eines Mannes leben, welcher mit denen im Bunde steht, die sein Gebäude zusammenstürzten? Oh, dass es Ihnen nicht ganz gelang! dass der Schwärmer nicht erfahren konnte, was Renots Schüler vermag! – Haben Sie ihm Ihre geschichte anvertrauet?"
FERDINAND: Nein.
RENOT: Tun Sie es ja nicht! Der Träumer ist nicht fähig, Männertat und -werk zu beurteilen. Sein Spiel ist das sogenannte Glück des Pöbels, der das Ihrige dort zerstörte. Nutzen Sie ihn; denn nur dazu sind solche Phantasten gut.
FERDINAND: Renot, so weit entfernt auch meine denkart von der seinigen ist – bei Gott! wenn ich mich auf diesem elenden Gefühl ertappte, ich würde mein undankbares Herz mit grimmiger Faust zerdrükken. Alles, was Sie sagen, hat nur