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verdient. Hätte mir die natur den Sinn für Ruhe und Beschränkteit gegeben, ich würde jetzt nur dieses fühlen; aber ich habe den Zauberbecher der Welt gekostet, er ward mir von den Lippen gerissen, als ich den brennenden Durst ganz stillen konnte; und alles, was mir übrigblieb, ist das peinliche, endlose Verlangen."

So brachte Ferdinand die erste Nacht unter dem dach seines Freundes zu, der sich unterdessen glücklich pries, ihn gerettet zu sehen, der nur auf Mittel sann, ihm durch gefälligkeit und Freundschaft und durch alles, was er vermochte, seinen Verlust aus den Gedanken zu bringen und zu ersetzen.

Mit solchen Gesinnungen erwartete ihn Ernst beim Frühstück. Er empfing Ferdinanden mit einer Zärtlichkeit, dass dieser dem milden blick nicht widerstehen konnte und ihm, in seine arme sinkend, zurief:

"Hier finde ich Ruhe und Zufriedenheit oder nirgends mehr in dieser Welt. Lass mich von dir lernen, dass das Glück in dieser Geistesruhe besteht, und ich bin geheilt. Du kennst meinen Feind, hilf mir diesen bändigender ist es, welcher unsre düstre Höhle mit Helden bevölkerte und nun mit Hohnlachen hinter mich getreten ist. Und doch, Ernst, doch habe ich nicht geschwärmtdoch war es kein Traum!"

ERNST: So lass dir die erprobte Kraft zum Trost gereichen und geniesse nun, was das Schicksal dir nicht nehmen kann. Und noch ist dir die Bahn des Ruhms nicht verschlossen. Der sprengt sie leicht wieder auf, der das von sich sagen kann, was du von dir sagst.

FERDINAND: In Teutschland gelten nur stille Tugenden

ERNST: Und der Krieg?

FERDINAND: In diesem fecht ich nicht

ERNST: Deine Feinde sind auch Teutschlands Feinde.

FERDINAND: Und doch fechte ich nicht gegen sie; ich hasse sie ...

In diesem Augenblicke trat Amalie mit Franz in das Zimmer. Da der leichte Morgenanzug mehr das reizende Weib als die feierliche erhabne Göttin sichtbar machte und diese vielmehr im nachlässigen Gewände nur zu verhüllen schien, so konnte Ferdinand sich ihr mit freiern Sinnen nahen. Sein blick ward sanfter, sein Wesen ungezwungener, und der natürliche Zug seines Herzens, vor Weibern nur angenehm und liebenswürdig zu sein, wirkte ohne weiteres Bemühen. Amalien, die ihn den Abend vorher so düster und leidenschaftlich gesehen hatte, schien dieser Ton zu gefallen, und sie konnte jetzt den Freund ihres Mannes ruhiger betrachten. Nur wenn das kühne Feuer in seinen Augen plötzlich erglühte und er dann seinen blick auf sie heftete, sank der ihrige; und schlug sie die Augen wieder auf, so fühlte Ferdinand, was er damals empfunden hatte.

6.

Ferdinand machte bald Besuche. Der Präsident nahm ihn gut auf, schimpfte wütend auf die Franzosen, spielte boshaft auf Ernsten an und fragte ihn, ob er Renot schon gesehen hätte. Als Ferdinand dieses mit Nein beantwortete, sagte er:

"Versäumen Sie ja nicht, ihn zu besuchen. Der Fürst, dem ich ihn gegeben habe, beehrt ihn mit seinem Zutrauen. Er kann, und noch mehr, er wird Ihnen gerne sehr nützlich sein, ja er war es Ihnen schon, und mein Narr von Neffe wäre gewiss besser gefahren, wenn er die Lehren des klugen Mannes besser befolgt hätte. Halten Sie sich an ihn. Wir müssen nun Ihren Verlust auf eine oder die andre Art zu ersetzen suchen. Denn ein Mann wie Sie muss nicht von der Gnade eines andern leben. Dieses kann man nur von Fürsten."

Renot empfing Ferdinand mit Entzücken, mit Bedauern, mit einem Strome von Klagen über sein hartes, unverdientes Schicksal.

"Schade! Schade!" rief er einigemal aus, "ich weiss, wie Ihnen alles geglückt ist; und ohne diese Ungeheuer würden Sie gewissen Leuten gezeigt haben, was ein Mann von Ihrem geist, Ihrem Mute, durch mich gebildet, vermag. Ich bedaure Sie jetzt umso mehr, da Sie von den wütenden Demagogen das Schrecklichste erfahren haben und nun bei einem Demagogen Schutz gegen das Elend suchen und Ihre Gesinnungen, Ihr Leiden verbergen müssen."

FERDINAND: Wie verstehen Sie das?

RENOT: Wie? Sie sind schon einige Tage in dem haus eines Mannes, der in ganz Teutschland als ein Demagoge bekannt ist, und fragen mich?

FERDINAND: Ich habe noch kein Wort über diesen Gegenstand von ihm gehört.

RENOT: Er schweigt, weil er heimlich wirkt, er schweigt, weil er billigt, weil er fürchtet, weil er sein Spiel verbergen will. Dieses sind gerade die Gefährlichsten. Er hat uns Proben genug davon gegeben, der Adel und die Bürger werden Ihnen davon zu erzählen haben! Es tut mir leid, dass Sie bei ihm haben abtreten müssen, dass Sie wegen Ihrer alten Verhältnisse mit ihm nicht anders konnten, denn seine Freunde finden hier keine Freunde; und Freunde brauchen Sie doch in Ihrer Lage. Sie erstaunen? Sie werden noch mehr erstaunen. Sehen Sie, so weit hat es der Mann gebracht, der seine Schimären der Klugheit vorzog, die ich ihn lehren wollte! Wie hat er Sie denn aufgenommen?

FERDINAND: Ich kann nicht ohne Rührung daran denken.

RENOT: Ich glaube es wohl. Der von allen Verlassne, der allen Verhasste nimmt den Unglücklichen freudig auf, das Schicksal des Unglücklichen sagt ihm ja: dieser bedarf meiner; er wird, er muss es mit mir halten.

FERDINAND: Sie haben Ernsten immer verkannt, und nie mehr als in diesem Augenblick.