1798_Klinger_060_64.txt

erreichen hoffte. Einmal muss ich es dir doch erzählen; so sei es jetzt. Und möchte ich dann die Erinnerung so tief in meinem Herzen vergraben können, als alle meine Hoffnung darin gesunken ist!

Er verfiel in Nachsinnen. "Nein, es ist unmöglich!" sagte er mit dem Ausdruck der innigsten Empörung. "Ich muss schweigen. Das Wagestück, welches ich unternahm, wäre nur dann des Erzählens wert, wenn ein besserer Erfolg es gekrönt hätte. Jetzt würdest du nur einen Verwegenen in mir sehen. Ich hatte alles getan, was menschliche Kraft und Kühnheit vermögen, und glaubte nun das Glück zu verdienen, das ich dem Schicksal mit so vieler Anstrengung abgezwungen hatte. Da fühlte ich, was die Helden empfanden, mit deren Denkmälern ich in unsrer Kindheit unsre Höhle ausschmückte. Aber die Menschen, die das blühendste Reich der Erde zerstörten, das geistreichste, beste Volk zu Ungeheuern machten und alles vernichteten, die vernichteten auch mein Glück. Mir bleibt nun nichts übrig als die qualvolle Erinnerung daran und der Wunsch, im Gefühle meiner Kraft in dem Ringen nah am Ziele gefallen zu sein. Wenn der Zauber deiner Gemahlin machen kann, dass ich dieses vergesse, so will ich es dir einst wie eine alte tragische Fabel erzählen. Der Held der Fabel bestieg, zum Unglück für sich, den Olymp in dem Augenblick, da ein neuer Glaube ihn und die auf ihm wohnenden Götter stürzte."

Ernst schwieg; er erriet, da er Ferdinand kannte, den Inhalt seiner geschichte. Amalie nahm das Gespräch wieder auf, lenkte es auf die begebenheiten des Tages und fragte ihn, wie er sich gerettet hätte.

Ferdinands Stirne ward düster:

"Soll ich Ihnen auf lange Ihren Schlaf rauben? und das die erste Nacht, die ich in Ihrem haus zubringe?"

Ferdinand sagte alles mit einem so leidenschaftlichen Tone, einer so wilden Stimmung des Geistes und begleitete jedes Wort mit solchen düstern Blicken, dass Ernst Amalien winkte, sie nach ihrer Harfe leitete und sie bat, seinem Freunde etwas von ihrer kummerstillenden Arzenei zu geben.

Aber sie nahm die Laute. Ernst setzte sich mit Ferdinand auf den Sofa, und Amalie sang einige ihrer sanftesten italienischen Lieder. Ferdinands Hand zuckte in der Hand seines Freundes, und als Amalie endigte, stand er auf und sagte zu Ernsten: "Alles, alles hat dir das Schicksal gegeben; und alles, wie du es verdienst!"

ERNST: Du fehltest mir noch. Und wenn nun noch einer kämeich hoffe, Ferdinand, du hast ihn nicht vergessen.

FERDINAND: Du meinst Hadem! So komme er, und wir Darbenden sitzen an der Tafel des Reichen, und wir Unglücklichen werden glücklich durch sein Glück. Lass mich nur erst fühlen, wo ich bin, lass mich nur erst inne werden, dass ich mich gewiss aus der Höhle des Mordes gerettet habe. Sie, die alles zerstören, mordeten auch meinen frohen, heitern Sinn, meine Munterkeit. Ich werde sie wiederfinden; denn sonst wäre ich ein lästiger Gast. Aber ich kenne deine Nachsicht und wage es, auf die Nachsicht deiner Gemahlin zu rechnen. Ich hoffe, das Vergangene zu vergessen und in diesem Elysium zu erwachen.

Ernst führte ihn nach dem für ihn bestimmten Zimmer.

Ferdinand war von dem Augenblick, da er Ernsten in seinem häuslichen Verhältnisse gesehen hatte, mehr mit seines Freundes Glück als mit ihm selbst beschäftiget. Diese Vorstellung überfiel ihn in der Einsamkeit umso stärker, da Amaliens Bild einen so blendenden Glanz auf dieses Glück warf. Sie hatte wie eine Erscheinung aus einer andern Welt auf ihn gewirkt, und er gestand sich laut, nie Schönheit mit diesem Ausdruck, mit dieser Würde, von dieser sanften, melancholischen Erhabenheit begleitet, gesehen zu haben. In dieses Beschauen ganz verloren, sah er weder die Seelenruhe, die reine Herzensgüte, die schöne Einfachheit seines Freundes noch dessen Beharren in grundsätzen und Gesinnungen, die schon seine Jugend geleitet hatten. Er sah in ihm nur den Glücklichen, den stillen Glücklichen, den reichen Mann, der ausser allen Schätzen des Glücks noch den grössten und seltensten besass, der je einem Sterblichen zuteil ward: ein Weib ohnegleichen. Die Erinnerung jenes Augenblicks, der seine inneren, noch schweigenden Empfindungen zum erstenmale so mächtig belebte, drang sich ihm nun immer stärker auf. Er hörte jedes ihrer Worte, sah jeden ihrer Blicke, und sein ganzes damaliges Gefühl glühte in seinem Busen. Ihre plötzliche Verwirrung, ihr leiser Schrei deutete ihm nun an, auch sie habe sich jenes Augenblicks erinnert und ihn eben darum bei seinem Eintritt so schnell erkannt als er sie.

"Ihm ist alles gelungen", seufzte er; "sogar der Traum seiner Kindheit. Phantastisch sah er an den fernen Wolken eine Gotteit schweben, die er Tugend nannte; sie stieg zu ihm herunter, und die geträumte Göttin, schöner als seine schwärmerische Einbildungskraft sie schaffen konnte, wird seine Gattin. Ich aber, der ich mit Gefahr des Lebens, mit der Gefahr, noch mehr als das Leben zu verlieren, einen Weg betrat, bei dessen blosser Vorstellung mir nun schwindelt, ich werde in dem Augenblick, da ich das Ziel erstiegen hatte, wieder herabgeschleudert. Und nun sitze ich hier, ein Bettler an dieser Tafel der Götter! Sind sie das nicht beide, durch ihre ruhige, feierliche Erhabenheit? Nun sitze ich da, ein Zeuge seines Glücks, und kann weiter nichts dazu sagen als: er hat es