und den andern Laffen doch noch sagen, dass ein teutscher Edelmann jetzt mehr zu tun hat als auf die Franzosen zu schimpfen, die stillen Bürger zu verleumden und Männer deines Sinns verdächtig zu machen. Diesen Vorsatz erfüllte er auch redlich und auf eine Art, dass wenig zu antworten übrigblieb, besonders da er es durch seine Tat bewies. Man zuckte die Achseln, lächelte und wünschte ihm Glück. Diese Antwort hätte er in allen Kreisen Teutschlands erhalten, wenn er so darin aufgetreten wäre.
Einige, und nicht die Dümmsten, sagten:
"Wir verlieren immer, sind immer die Geschlagenen, die Fehde ende, wie sie wolle."
Andere meinten, sein Eifer sei zu loben, indes geschehe ja alles, was die Reichsverfassung mit sich bringe. Und wenn jeder Reichsstand seine Pflicht erfülle, so tue er genug, besonders da die meisten Reichsfürsten kein Interesse bei der Sache hätten.
5.
Ernst hatte lange nichts von Ferdinand gehört. Alle seine Bemühungen um Nachricht von ihm waren fruchtlos, und schon fürchtete er, auch sein Freund sei ein Opfer seines aufrührerischen Regiments geworden, als dieser ihn eines Abends plötzlich überraschte. Alle Gefühle ihrer jugendlichen Verbindung erwachten in Ernstens Brust.
Als er sprechen konnte, sagte er zu Ferdinand:
"Du hast mir viele Sorgen gemacht; doch diese Sorgen machen nun deine Anwesenheit umso süsser. Wie dank ich dem Schicksal, dass es dich mir sendet, jetzt, da ich eines Freundes so sehr bedarf, da soeben mein Vater mich verlassen hat!" Ferdinand weinte an seinem Halse.
"Freund, ich habe alles verloren – alle Aussichten – alle Hoffnungen – alles Glück."
ERNST: Du hast nichts Wesentliches verloren, das du hier nicht wiederfändest. Mich findest du, wie du mich gekannt hast, als wir noch als Knaben Hand in Hand gingen; und ich hoffe, auch dich werde ich wieder so finden. Sei gutes Muts! Ich errate dein Unglück, aber du bist gerettet, du stehst unter dem dach deines Freundes, der gerne mit dir teilt. War dies nicht unser Bund? Nur dein Zutrauen, nur deine Freundschaft, derer ich so sehr bedarf.
FERDINAND: Könnt ich mein Unglück vergessen, es wäre geschehen, als ich dich erblickte. Mildern, besänftigen kannst du es; heilen nie. Du hast dich nicht verändert, aber ich habe mich verändert, in allem verändert, nur nicht in meiner Liebe zu dir. Du kennst mich, du weisst, wornach ich strebte; und nun ist alles um mich her zerfallen.
ERNST: Du wirst dich hier wiederfinden. Komm, ich muss meiner Amalie meinen Jugendfreund vorstellen. Er führte ihn in das Zimmer seiner Gemahlin und sagte: "Hier, Liebe, ist Ferdinand, um den Sie mich so bekümmert sahen. Er ist glücklich der Gefahr entgangen, und es muss nun unsre sorge sein, ihn sein Unglück vergessen zu machen."
Ferdinands schwarze, feurige Augen waren voll Tränen, als er in das Zimmer trat. Sie erstarrten in seinen Augen, als er Amalien erblickte. Amalie erkannte ihn – ein leiser Schrei des Erstaunens entfuhr ihr – der feurige, kühne blick, womit er nun auf sie sah, stellte plötzlich die lang vergangene Szene lebendig vor ihren Geist, sie schien aus einem Traume zu erwachen, sie hörte seine damaligen Worte, sah seinen kühnen Wink auf das Fenster hin, und alles wurde ihr gegenwärtig.
Ernst verliess beide mit den Worten: "Ich muss dir gleich meinen ganzen Reichtum zeigen."
Kaum vermochte jetzt Amalie, einige Worte des Bewillkommens zu sagen. Ferdinand stand sprachlos vor ihr und hielt seine Augen immer auf sie geheftet. Sein Geist schien im Vergangenen zu forschen, um das Gegenwärtige begreifen zu können. Und als Amalie die Augen niedersenkte und Röte auf ihre Wangen schoss, erwachte auch in seinem Herzen jener Augenblick in seiner vollen Gewalt, und beider Seelen hatten nur einen Gedanken, beider Herzen trafen nur in einem Gefühle zusammen.
Ernst unterbrach die stumme Szene, als er den kleinen Franz hereinbrachte. Dieser war schon ausgekleidet; als aber sein Vater ihm sagte: "Der Offizier ist da, von dem ich dir so oft erzählt habe", wollte er noch nicht zu Bette gehen.
Franz hängte sich an Ferdinand. Dieser küsste ihn und sagte zu Ernst: "Dein lebendes Bild! So warst du, als man mich zu deinem Vater brachte. Lass mich zu mir kommen. Ich fühle, dass mich in diesem Kreise das Gefühl meines Unglücks einen Augenblick verlassen kann."
Als sie sich dann zu Tische setzten und Amalie ihm ein Glas Wein zum Willkommen einschenkte, erinnerte er sich an das kummerstillende Getränk, welches Helena im Homer ihren Gästen reicht.
Amalie lächelte, und Ernst sagte:
"So sei es dir dieser Trank! Und lerne du nur erst die Zauberkraft meiner Amalie recht kennen! Wer ihr widersteht, der ist unheilbar. Ferdinand, und widerstände auch dein Gram unserer zärtlichen sorge der Freundschaft, so würde doch ihre Musik ihn besiegen. Hier siehst du den Traum meiner Jugend, in allem Reiz der körperlichen Schönheit und des Geistes, in seiner ganzen Wirklichkeit erfüllt; sie ist die Göttin, die so früh mir vorschwebte."
FERDINAND: Du hast erreicht, was du verdientest. Der Traum, dem ich nachlief, betrog mich; ich erwachte schrecklich, und umso schrecklicher, da ich dem Ziele nahe war, das ich nur in meinen kühnsten Augenblicken zu