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meine Sängerin! Und Sie wären dadurch nicht glücklich? Sie wären glücklicher ohne die Kraft, dieses auf uns wirken zu können? fragen Sie nur unsern Franz. Wie oft schleicht er zu mir und sagt mir leise ins Ohr: "Kommen Sie geschwind, Papa! die Mama spielt ohne Noten!" Ahndet der Knabe nicht, dass nun die Dichterin ihre Schöpfungskraft gebraucht?

So schien sich immer ein Rätsel in dem Augenblick

aufzulösen, in welchem es sich noch mehr verwickelte.

3.

Trotz dem allen hätte Ernst ohne die Ereignisse, die jetzt so plötzlich unsern Weltteil erschütterten, durch seine Geduld, seine gefälligkeit, seine Sanftmut dennoch den Neid und die Bosheit der Menschen besiegt, vielleicht gar selbst seinen heissesten Wunsch, seinem vaterland einen so wesentlichen Dienst zu leisten, durchgesetzt. Aber die wunderbaren, grossen und schrecklichen begebenheiten, die nun in einem so kurzen Zeitraume sich aufeinander drängten und die alles zu entalten schienen, was die Menschen in einer Reihe von Jahrtausenden Grosses und Ungeheures mögen getan haben, sollte auch über Ernstens Schicksal wie über das Schicksal so vieler tausend Unschuldiger entscheiden.

Der unglückliche Zeitpunkt war gekommen, wo die ruhigen, friedlichen, treuen Bürger Teutschlands, welche die Wörter "Aufruhr" und "Empörung" nur als eine Schreckenssage aus vergangenen zeiten kannten, plötzlich in Parteien zerfielen, wo in jedem haus Zwietracht herrschte, die Familien sich trennten, der Freund den alten, erprobten Freund als Feind verliess und man nichts mehr vernahm als den bittern Zwist über politische Meinungen, vor dem alle Freude und alles Zutrauen aus dem gesellschaftlichen Kreise verschwanden. Alle Gefühle der Menschheit schienen in diesem wilden, schonungslosen Kriege über Meinungen, die niemand kalt prüfte, auf einmal zu verstummen; denn keiner fragte den andern: was bist du mir und dem vaterland? sondern: wie denkst du über die Ereignisse des Tages? Selbst das Mitgefühl, das Mitleiden, die bestimmtesten Gefühle der natur, arteten aus; man beklagte nur das Unglück derer, die unsrer Meinung waren, verwendete sich nur für sie. Wissenschaften, Religion, Recht und Gesetz sollten sich nach neuen Formen bequemen; und die Verblendung ging so weit, dass man die Lehren, welche die Schreckensposten so laut ankündigten, weder vernahm noch nutzte. Die Fürsten traueten ihren Völkern nicht mehr, Völker traueten ihren Fürsten nicht mehr; und beide Teile schienen recht zu haben, denn jeden rissen Furcht und andere Leidenschaften über das Ziel. Ein wilder, bisher unbekannter Fanatismus hatte alle ergriffen, alle in einen Zauberkreis gebannt, in welchem rastlose Neugierde, gespannte Hoffnung, steigende Furcht, Angst und Hass sie gegen- und voneinander trieben. Ja, der Teutsche schien sogar seine alte väterliche Sprache mit seiner alten Treue zu verlieren und seine denkart gegen neue Ausdrücke auszutauschen, die nur seine gereizten Leidenschaften dolmetschten.

Aber als der Feind den deutschen Boden betrat und verwüstete, als das Blut der deutschen die väterlichen Felder fruchtlos düngte, als der Teutsche besiegt ward und der kühne Feind immer vorwärts drang, da wütete die Zwietracht und zeigte dem Feinde die ferneren grössren Siege.

Brauche ich zu sagen, von welcher Zeit ich rede? Hat sie nicht, zur Schande der getrennten deutschen, ein schmähliches unvergessliches Denkmal aufgestellt? Steht das jetzige Geschlecht nicht mit gebeugtem, überwundenem Nacken davor? und werden die künftigen bei seinem Anblicke glauben, dass ihre Väter Teutsche waren?

In der Stadt, wo Ernst wohnte, pries man anfangs alles, was in Frankreich geschah, und rechtfertigte es mit den alten Missbräuchen, die dort so lange geherrscht hatten. Ernst, der diese Nation kannte, erlaubte sich bei ihren zu raschen Taten manche Bemerkungen und Zweifel. Man nahm ihm dieses sehr übel und hielt ihn für einen Fürstensklaven, welcher der Gunst des Hofes selbst seine vorige denkart aufopfere. Als aber die so laut gepriesene Sache wirklich die Wendung nahm, die er verkündigt hatte, und alle schrien und er jetzt bei dem wilden Geschrei aus Ursachen schwieg, die der grosse Haufe nicht erraten konnte, so glaubte man sich berechtiget, sein Schweigen für Billigung alles dessen zu erklären, was Schreckliches geschah. Seine Feinde wussten dieses von ihnen ausgestreute Vorurteil zu benutzen, und Ernst musste als ein bekannter Feind der alten bürgerlichen Ordnung für einen entschiedenen gönner der gefährlichen französischen Grundsätze gelten. Wo er sich jetzt befand, in welche Gesellschaft er trat, hörte er nur von den greulichen begebenheiten des Tages reden, und immer mit Verwünschungen aller Neuerer und aller derer, die solche Gesinnungen billigten und begünstigten. Er, der alles, was vorging, aus einem den Schreiern ganz unbekannten Gesichtspunkt ansah und sich von diesen schrecklichen begebenheiten wie von einem finstern, bösen Dämon begleitet fühlte, konnte die wilde, sinnlose und wahnsinnige Art, wie diese Menschen davon redeten, nicht ertragen. Sein Geist ward düster unter ihnen, sein Herz litt; er floh und suchte freie Luft; und sowie er den rücken wendete, fiel man über ihn her.

Erst jetzt vertrauete Renot dem Präsidenten, warum er nicht auf Ernsten so habe wirken können, wie er gewünscht hätte. Rousseaus Schriften, die nun in Frankreich den Aufruhr entzündet hätten, wären schuld daran. Hadem habe ihm vor seiner Abreise dieselben heimlich zugeschickt und Ernst von der Zeit an nichts anderes gelesen. Und eben dieser Rousseau, dessen Geist jetzt Frankreich verheere, habe seines Neffen Gemüt von lange her auf diese Neuerungen vorbereitet; man müsse sich also nicht über sein Schweigen wundern. "Hat er nicht", fügte Renot hinzu