1798_Klinger_060_59.txt

das Gelispel der Geister ertönten und der Knabe bei dem hohen Gesange ihn starr, bei dem sanften wieder freundlich anblickte, da malten sich seine Jugendträume wieder lebend vor seinen Augen, und der erhabene Gedanke, der diese Träume erzeugt hatte, sauste durch seinen Geist. Er fühlte, sein Glück sei ausser der Gewalt der Menschen, solange ihm dieser Gedanke, dieses Weib und dieser Knabe blieben. Amalie hatte seine Bewegungen bemerkt; sie nahte sich ihm nun, und er teilte ihr mit, was er empfand. Aber da sie bald nachher auf dem Klavier zu phantasieren anfing und ihre Klagetöne die Dolmetscher ihrer geheimen Schwermut wurden, die er solange bemerkt hatte, und ihre Blicke aufwärts flogen, als suche ihr Geist in der Ferne die Erfüllung ihrer Wünsche, da drangen leise Tränen in seine Augen, und er küsste den Knaben, um sie zu verbergen. Er fühlte sich von seiner Seite glücklich, aber zwischen ihm und Amalien hatte sich seit ihrer Verbindung ein seltsames Verhältnis entsponnen. Er zeigte ihr die zärtlichste Liebe, das grenzenloseste Vertrauen, und sein Tun, sein Betragen, seine Worte bewiesen ihr, dass er sie mit aller Kraft seiner hohen Seele liebte, dass er sich durch sie so glücklich fühlte als es nur ein Sterblicher werden kann. Sie fühlte dieses; sie sah, wie sie ihn durch ihren Geist, durch ihre Musik bezauberte, sie empfand, wie der Knabe sein ganzes Dasein mit dem ihrigen aufs innigste verbunden hatte, und immer blieb sie in ihrer ernsten Feierlichkeit, in ihrem sonderbaren, unnatürlich scheinenden Schwunge des Geistes. Immer sich gleich, bezeugte sie ihm für alles, was er tat und sagte, jene achtung, jene Bewunderung, die nur Personen von dem zartesten Herzen, dem ausgebildetsten, edelsten geist zu empfinden und auszudrücken fähig sind. Er sprach in sanftem Entzücken von seiner Liebe und seinem Glücke; sie von dem Werte der Tugenden ihres Gemahls, aber nie überliess sie sich einer völligen Ergiessung des Herzens, nie einer innigen Zärtlichkeit, immer schien eine Scheidewand zwischen ihm und ihr zu stehen. Es genügte ihm lange; denn da er diese reine Stimmung am meisten achtete, auf sie vorzüglich sein Glück bauete und Amalien hauptsächlich um dieses hohen Sinnes willen gewählt hatte, so glaubte er, es müsse so sein und sein Glück sei um so sichrer. Aber da er sie seit einiger Zeit oft einsam und in Gedanken verloren überraschte und ihre Musik, ihr Gesang, womit sie ihn sonst emporhob und aufheiterte, immer klagender wurden, in ihren Blicken sich etwas bisher von ihm unbemerktes Düstere, Sehnende zeigte und sie seine fragen nur mit Lächeln beantwortete und er mit der zärtlichsten Hingebung, der herzlichsten Aufforderung keine andere Antwort erhalten konnte als höchstens: "Kann ein Mann wie Sie an dem Glücke seiner Gattin zweifeln? Wer sollte sich dann auf Erden trauen!" – und sie sich in weiter nichts einliess und immer in dieser Stimmung verharrte, so vermutete er geheimen Kummer, schrieb sich die Ursache zu und spannte alle seine Aufmerksamkeit an, ihr zu gefallen. Sie bemerkte es und gab ihm die rührendsten Beweise davon, dass sie es bemerkte. Seine Zärtlichkeit überraschte sie oft; und wenn sie dieselbe nicht mit der Wärme erwiderte, wie sie aus seinen Blicken sprach, so sagte sie:

"Ich bin zu ernstaft, ich muss die Musik lassen, sie zieht mich mit unwiderstehlicher Gewalt von dieser Erde nach dem land, von welchem Sie mir so oft gesprochen haben. Wirklich, ich muss die Musik lassen, sie spannt meine Phantasie über ihr Vermögen, sie macht mich zu weich, zu schwärmerisch. Ich glaube, es geht mir wie den Dichtern, von denen man sagt, sie vermissten immer etwas, sie möchten sein, wo sie wollten. Denn sie sehen, sagt man, alles mit den Augen ihres Geistes an, der sich mehr im Schaffen, im Hervorbringen als in dem Geniessen gefällt, der das Geschaffene, um nie müssig zu sein, wenigstens mit den Farben seiner Träume schmückt."

Ernst lächelte bei dieser Äusserung.

AMALIE: Lächeln Sie nicht! Ich glaube wirklich, dass ich ohne Musik viel glücklicher wäre; ich würde mehr bei mir und viel beschränkter sein, und Franz würde mir dann nicht so oft sagen:

"Du liebst mich nicht, Mutter, du spielst nicht mit mir, du spielst nur mit dem Klavier. Und doch liebt dich das Klavier nicht, wie ich dich liebe."

ERNST: Und doch küsst er mit mir die hände, die diese saiten so süss beleben, und den Mund, dessen Töne seinen Vater mit sanften Schwingen in jenes Land tragen, aus dem seine Mutter, mit dieser Harmonie begabt, herabstieg. Sie vergassen oder wollten vergessen, dass es der Dichter allein ist, dessen Geist Welten und Schöpfungen sieht, die wir ohne ihn nur dunkel ahnden würden, dass er uns durch seine Schöpfungen von andern Welten ein Glück darbeut, welches uns diese hier nie gewähren kann. Dank sei diesen Lieblingen der Gotteit gesagt, auf denen der Geist der Schöpfung so sichtbar und wirksam ruht, in denen sich die Schöpfung so fasslich und hinreissend für andere abspiegelt! Sie erwecken durch ihre schaffende Kraft, durch die hohe Darstellung ihres inneren Sinnes den schlafenden Funken in unsrer Brust und beweisen uns durch seine Entzündung unsre Abstammung aus jenem land und unsre Wiederkehr dahin. Ohne sie würde sich der Mensch nie über das Irdische erhoben haben. Und dieses sind Sie mir! Dieses ist mir