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als die meisten Anwesenden auf das Recht ihres Adels pochten und geradezu erklärten, der Fürst könne Privilegien nicht antasten, die von ihren Ureltern auf sie vererbt wären, die sie als des Reiches Ritterstand von alten zeiten her genössen, und als sie ihn als den Schöpfer dieses Plans geradezu angriffen, da erkannte er, wie sehr er sich geirrt hatte, da sah er ein, dass die Menschen noch eher wirklichem Vorteil entsagen als dem eingebildeten des Stolzes und des Wahns. Diese sich ihm jetzt aufdrängende Meinung verbarg ihm auch noch in diesem Augenblick, dass der Hass gegen ihn vorzüglich die Haupttriebfeder seiner Gegner war. Aber sein Oheim öffnete ihm bald die Augen; denn er sagte ihm geradezu: "Neffe, meine Prophezeiung geht nun in Erfüllung. Sie sind nun endlich geworden, was Sie so lange und so eifrig zu werden gesucht haben: der Gegenstand des Hasses aller Vernünftigen; und wenn dieses Ihren Stolz befriedigen, wenn Ihre Schimäre Sie dafür trösten kann, so haben Sie wirklich die höchste Stufe des so sehnlich gesuchten Glückes erreicht."

Ernst antwortete:

"Es sei! Auf dem Wege, auf welchem ich es erreicht habe, werde ich gleichwohl verbleiben, und eben darum kann ich von der errungenen Höhe niemals fallen. Noch wohnt Ruhe in meinem Herzen; auch war ich auf das, was Sie mir nun ankündigen, nicht so unvorbereitet. Ich rechnete auf Undank, Unbilligkeit und Ungerechtigkeit, doch nicht auf Hass, wenigstens nicht von Ihrer Seite; und, Oheim, am wenigsten auf den Wahnsinn, der sich diesen Morgen bei einer Sache offenbarte, wobei die am meisten gewannen, die am heftigsten dagegen schrien."

PRÄSIDENT: Dieses kommt alles daher, lieber Neffe, dass Sie nur dem Namen nach ein Edelmann sind; sonst würden Sie mit dem Kleinode, in welchem unsre Ehre und durch sie unser Dasein besteht, nicht so verwegen spielen. Ja, lächeln Sie nur. Aber vergessen Sie nicht, dass wir für dieses Kleinod alles zu wagen fähig sind, was Sie allenfalls um Ihrer Schimäre willen wagen könnten. Ich schenke Ihnen alle Weisheit, die Sie mir jetzt vortragen möchtenwozu? Mir soll der Neffe immer willkommen sein, aber nie der Staatsmann; denn als Staatsmänner sind wir Feinde, in offnem Kriege. Ich weiss wohl, dass Sie dieses nicht abschrecken wird; der Mut wächst Leuten Ihrer Art beim Widerstande. Dem Sieger bleibt am Ende doch das Feld. Wir wollen nun sehen, was der von Ihren Träumen verblendete Fürst weiter unternimmt; für jetzt scheint er Ihren Plan schon auf bessere zeiten auszusetzen. Wir danken ihm für den Aufschub und wissen, woher es ihm kommt. Wie wohl hätten Sie getan, lieber Neffe, wenn Sie ein wenig mehr auf den klugen Renot gehorcht hätten als auf Ihren Pedanten! Freilich, solchen Leuten und Leuten, wie die sind, mit denen Sie zu Rate sassen, die keinen Fussbreit Lands besitzen und als von geborgtem Glanze übertünchte Bettler nichts zu verlieren habendenen mag ein solcher Plan ganz wohlgefallen. Sie verstehen hoffentlich, wen ich meine; und sollten Sie nicht, so fragen Sie mich nur!

Ernst erglühte. Zum erstenmal schwellte heftiger Unwille sein Herz, zum erstenmal faltete sich seine Stirn in Grimm, zum erstenmal verzog sich sein Mund, um den sonst nur Weisheit und Güte so sanft sich zeigten. Er sagte nach langem Kampfe:

"Lieben konnte ich Sie nie, Oheim; es war nicht meine Schuld. Von diesem Augenblick an kann ich Sie nicht mehr achten; und auch dieses ist nicht meine Schuld. Sein Sie mein Feind, das Sie schon lange mehr als Mensch denn als Staatsmann sind; als Staatsmann könnten Sie es ja nicht sein, wenn Sie nicht Mensch in dem Sinne wären, in welchem Sie sich mir immer zeigten. Da ich dies aber am wenigsten fürchte und eigentlich nichts mehr fürchte als ebenso tief zu sinken, so steh ich ganz offen und ohne allen Schutz dadas Ziel Ihres Hasses und des Hasses aller derer, die mich wie Sie verkennen. Ich habe viel von Ihnen ertragen, aber die Lästerung des edlen Hadem und des Mannes, bei dessen Bezeichnung Sie sich nur erniedrigten, konnte ich nicht ertragen, denn in diesen lästerten Sie Tugenden, für die Sie keinen Sinn haben."

Er ging. Sein Oheim wütete, und in seiner Wut rief er: "Er hat Galle, er hat es gezeigt; und davon lässt sich etwas erwarten."

2.

Nur als Ernst seinen einzigen Sohn sah und dieser ihm freudig entgegensprang, besänftigte sich der Unwille in seiner Brust. Es war die erste Empörung, die erste starke widrige Empfindung, welche Menschen in ihm erzeugt hatten. Er schauderte selbst vor der wirkung der Erschütterung, er drückte seinen Liebling an das Herz und küsste die unschuldigen Augen, deren blick die Finsternis erhellte, die jetzt seinen Geist umringte. Der kleine Franz schmiegte sich an ihn, und er hob ihn gegen den Himmel: "Du hast ihn mir gegeben! Und jene! ich bin ja noch, was ich vor einer Stunde war!"

Sein blick fiel auf Amaliens Zimmer.

Sie kam, weil sie seine Worte vernommen hatte. Er bat sie um Musik, und während sie spielte, hielt er den Knaben auf dem Schosse. Der Knabe lauschte auf die stimme seiner Mutter, auf die Blicke seines Vaters; und als nun ihr Gesang in das Besänftigende, das Feierliche überging und ihre saiten wie