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womit man Ihr Herz bedrohte? Wär ich dann der Mann gewesen, der sein Glück, den schönsten Wert seines Daseins in Ihnen blühen und reifen sah? Sollte eine rauhe Hand dies alles erschüttern, vielleicht zerstören? Entschied nicht hier die notwendigkeit, und gebot sie nicht gewaltig? Ja, es war ein erschrecklicher Augenblick für mich; ich sah voraus, dass durch meine Entfernung und die Veranlassung dazu das schöne Ideal Ihres Sinnes Gefahr lief, entweder verdunkelt zu werden oder dass Sie seine Grenzen überschreiten würden. Das erste fürchtete ich weniger, da ich mich allein dem Unwillen Ihres Oheims aussetzte und durch meine Abreise Schonung für Sie erwarten konnte. Um so mehr fürchtete ich das letzte; und aus dieser Furcht entsprangen die Worte, die Ihnen so vielen Kummer verursacht haben. Möchten Sie nie in den Fall kommen, sich ihrer erinnern zu müssen; aber wenn Sie mit dem geist, der Sie belebt, unter den Menschen tätig sein wollen, so bewaffnen Sie sich mit Mut, Geduld und Stärke. Erwägen Sie das, was die Menschen ertragen können! Erwägen Sie, dass diese, von Stolz, Eitelkeit und andern niedrigen Leidenschaften angetrieben, unsern Handlungen selten reinere Bewegungsgründe zuschreiben! Vergessen Sie nie, dass der Geist, der Sie beseelt, den groben Sinnen des Haufens nicht fasslich ist, dass die Menschen von Gott und der von ihm ausgehenden Tugend am meisten reden, weil sie beide in ihrer erhabenen Reinheit am allerwenigsten denken und ahnden; und dann, dass den Tugendhaften wie den wahren seltnen Dichter, die einander beide in einem so edlen Sinne gleichen, hier gewöhnlich ein und dasselbe Schicksal erwartet.

Mag jede Ihrer Handlungen ganz und rein aus Ihrem Herzen, wie Ihre Göttin aus Jupiters haupt, entspringen; aber bedenken Sie vor der Ausführung, dass eine gute, für den Zweck erspriessliche Handlung in dem Verhältnisse mit den Menschen, zu deren Bestem sie geschehen soll, freilich das Schönste, aber auch das Schwerste ist, was der Mensch bewirken kann. Eine zu rasch, zu schonungslos betriebene Tat bringt uns leicht um die vielen Früchte, die uns die Zukunft noch aufspart. Wir leben nicht mehr in den zeiten grosser, kühner Taten, wo ein Tag, eine Stunde über den grossen Wert des Lebens entscheiden kann, wo wir in einem Tage den Kranz des Ruhms erwerben. Wir müssen ihn nun unbemerkt, aus stillen, prunk- und geräuschlosen Taten bilden und ihn im inneren unsers Herzens der Tugend weihen, um durch unsern Schmuck das Auge der Menschen nicht zu reizen. Und lieben Sie nicht die stille Tugend? Werden Sie sich über unser Los beklagen? Besonders, Geliebter, hüten Sie sich vor den Folgen des Misslingens guter Absichten auf Ihr Herz! Dieses ist der gefährlichste Felsen, der unter den Fluten des Lebens verborgen liegt; nicht selten scheitert der Edle an ihm. Aber hat Ihnen Ihr Führer, dem ich Sie übergab, dieses nicht alles schöner und stärker gesagt?

Für Ferdinand fürchtete ich immer; und nun stört er meine Ruhe, mich überfällt eine unbeschreibliche Angst, wenn ich lebhaft an ihn denke. Sein Verstand ist der Sklav seiner Sinne, und sein Herz ist zu leicht für den Sturm der kühnen Leidenschaften, die in seinen Adern toben, das fühl ich; und was wird aus ihm werden?

Jetzt, Geliebter, einiges von mir. Aus öffentlichen Nachrichten werden Sie wissen, dass der kleine Überrest des Regiments, bei dem ich angestellt war, in Gefangenschaft geriet. Ich wurde mit fortgeführt, ohne den Sterbenden den letzten Dienst leisten zu können. Was für Elend, was für Jammer habe ich erlebt und angesehen! Und liegt nicht schon alles in dem Gedanken begriffen: die deutschen wurden für Geld nach Amerika verkauft? Ihre Verkäufer hätten sie sehen sollen, verschmachtend, den blick nach ihrem vaterland, ihren Eltern, Weibern, Kindern, dann zum Himmel, dann auf die fremde Erde richtend, die sich ihnen zum grab öffnete! – Ich ward von den Gefangenen getrennt, eine Kolonie Teutscher an den Grenzen der Wilden bemächtigte sich meiner. Seit Jahren hatten sich diese Leute, weil ihnen ein Prediger fehlte, nicht zum Gottesdienste versammeln können. Sie trugen mir dies feierliche Geschäft auf, und es ward mir leicht, ihr Zutrauen, ihre Liebe in dieser Wildnis zu erlangen. Eilig baueten sie mir ein Haus und richteten es so bequem ein als es ihre Lage erlaubte. Ich lebte dem Berufe, den sie mir gaben, mit völliger Ergebung. Als aber der Friede geschlossen war und ich zu Ihnen zurückkehren wollte, nahm die Liebe die Gestalt eines sehr verzeihlichen Eigennutzes an. Sie wollten mich nicht entlassen; und da sie mein Recht nicht bestreiten konnten, so forderten sie Ersatz für den Aufwand, den sie um meinetwillen gemacht hatten. Sie wussten, dass er von meiner Seite unmöglich war. Als ich ihnen nun ihr Unrecht und ihre Undankbarkeit sanft verwies, erkannten sie alles; aber sie hoben ihre hände zum Himmel empor und riefen: "Er wird uns das Unrecht verzeihen, das wir an Ihnen tun. Er weiss, warum wir es tun! Er hat Sie zu uns gesandt, und Sie selbst werden zu ihm für uns beten, dass er uns verzeihe, was wir an Ihnen Böses tun."

So bin ich nun gefesselt durch Pflicht und Gewissen. Ich schrieb an den edlen Franklin, und er nahm es auf sich, der Kolonie einen Prediger aus Teutschland zu verschreiben. Sobald dieser kommt, eile ich