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werdest ihm Rosen auf den dornichten Weg des Lebens streuen und ihn dem Ziele entgegenführen, das er so scharf und männlich in das Auge gefasst hat. Nun erwäge! Für diesen Mann bedarf es keiner Bitten und keiner Überredung; er selbst besteht seinen Wert. Ich kann dir sogar verzeihen, wenn du ihn ausschlägst, weil der Gedanke mir empörend ist, dass er durch dich nicht glücklich werden könnte.

AMALIE: Ist Ihre Tochter so plötzlich und so sehr in Ihrer Meinung gefallen?

MINISTER: Das sage ich noch nicht, werde es auch vielleicht später nicht sagen; aber, Amalie, ich bin kein Fremdling in deinem Herzen und kenne dein Geschlecht. Ich las Verwirrung in deinen Blicken undsoll ich es sagen? – ich erwartete auf deinen Wangen nur die Rosen der jungfräulichen schüchternen Freude, die wir aus gefälligkeit Scham nennen, weil sie ihr so ähnlich sieht, weil die Liebe sich so gern unter diesem Schleier verbirgt. Aber dein Mund erklärte die Ursache der Verwirrung.

AMALIE: Wie, mein Vater!

MINISTER: War nicht deine Eitelkeit beleidigt, dass er ganz in dem Sinne handelte, in welchem er dich betrachtet? Du wolltest, dass er dich auf dem Wege der Romane suchen sollte; und dies ist nicht der seinige.

AMALIE: Warum deuten Sie es so? Konnte nicht das Erstaunen, das Unvermutete diese Verwirrung erzeugen? Wenn ich nun gar nicht hoffte, dass dieser edle, seltne Mann je in dieser Rücksicht an Ihre Tochter denken könnte! Wenn mir nun meine Bescheidenheit diesen Vorwurf von Ihnen zugezogen hätte! Was konnte, was sollte mich veranlassen, da Liebe zu vermuten, wo ich nur achtung, feierliche, sonderbare Bewunderung wahrnahm? Und nur dieses fühl ich auch in seiner Gegenwarteine Verehrung wie für ein Wesen höherer, besserer Art; und ich glaube beinahe, eben dieses heisst in dem Sinne lieben, wie er geliebt sein will. Das Band, das ihn an mich zu fesseln scheint, mein Vater, ist, aus so geistigem Stoffe es auch gewebt sein mag, doch meinen Sinnen sichtbar, so weiblich Sie dieselben sich immer denken mögen. Er ist der edelste Mann, den Ihre Tochter je gesehen hat.

Der Minister umarmte seine Tochter:

"Ich höre meine Amalie wieder, erkenne sieerkenne die feine Künstlerin, die durch zarte Wendungen so gern überrascht. Darf ich ihm das schöne Geheimnis vertrauen?"

AMALIE: Ich habe es längst getan, aber dieser Mann hat so wenig Eitelkeit, ist so wenig mit sich selbst beschäftiget, dass er diese leise Sprache eines Mädchens, für die unsre Junker so scharfe Ohren haben, weder vernimmt noch versteht. Sie mögen es ihm sagen, wenn Sie nicht glauben, dass es mir besser gelingen würde, es ihm vernehmlich zuzuflistern.

MINISTER: So gescheh es heute.

Es geschah. Ernst fühlte die Hand des Wesens seines Jugendtraums in der seinigen und hoffte nun, an dessen Seite alle Gefahren des Lebens zu besiegen, die ihn auf der einmal betretnen Bahn überfallen möchten.

12.

Um die schönsten Tage seines Lebens zu verherrlichen, erhielt er um eben diese Zeit einen Brief von Hadem, mit einer kleinen Zuschrift von Franklin, welcher ihm meldete, er habe den jungen deutschen Mann auch in Amerika nicht vergessen, seinen Auftrag erfüllt und sende ihm hiermit einen Beweis davon.

Hadem an Ernst

Dass ich Ihnen, lieber Ernst, noch so schreibe, als wäre seit unsrer Trennung keine Zeit verflossen, dazu berechtigt mich Glücklichen der Geist Ihres Briefes, der Glaube, das feste Vertrauen auf diesen Geist. Nach der Durchlesung Ihres Briefes und Ihrer Beilagen fürchte ich nichts mehr für Sie. Der mutig bestandne Kampf des Jünglings lässt mich auf die Siege des Mannes hoffen. Ich wusste, wem ich Sie anvertraute; ich wusste, wen ich ihm anvertraute! Gesegnet sei die Asche des Mannes, dem ich Sie in jener Bedrängnis übergeben konnte! Gesegnet sei der Augenblick, dass er mir, dem so sehr Bekümmerten, damals erschien und mir zulispelte: "Übergib mir den Liebling deines Herzens; ich will ihn dir erhalten, wie du mir ihn übergibst." Sie haben ihn verstanden, ihn richtig verstanden, Ihr rein gestimmter Geist musste seine Sprache bei dem ersten Laute verstehen, das erwartete ich. Er schloss Ihnen ganz den Tempel der natur, der Menschheit und der Wahrheit auf, zwar plötzlicher, als ich es zu tun willens war (denn ich wollte Sie von Stufe zu Stufe ihm zuführen und Ihrem zarten geist nur langsam das merkbar machen, was ihn dem Auge der Menschen verbirgt), aber die unerwarteten Ereignisse, die nur ein Jüngling wie Sie veranlassen und so veranlassen konnte, zerrissen meinen Plan. Es ist wahr, sie haben durch einen starken Schlag auf Sie gewirkt; aber eben dadurch, dass sie dieses taten und das noch weit Entfernte so plötzlich und grell Ihrem geist aufdrangen, gaben sie Ihnen auch gelegenheit zu dem schönen, dem mutigen Kampfe. Und, Geliebter, die Deutung, die Sie nun meinen letzten Worten geben, ist so schön, dass ich jetzt mit Ruhe, mit Wohlgefallen auf die Begebenheit sehen kann, die sie veranlasst hat. Doch das, was Sie von meiner Seite ein Opfer nennen, verdient nur durch das, was ich dabei litt, diese Benennung; denn ich durfte, ich konnte nicht anders handeln. Konnte ich Sie in diesem Alter, mit diesen über Ihr Alter weit erhabenen Gesinnungen dem Schlage aussetzen,