Glück, da jedes andere, wie ich täglich mehr einsehe, von so vielen Gefahren bedrohet ist. Sie haben mir jetzt Mut gemacht; es ist Zeit, dass ich mich dieses Glückes versichre, bevor die Stürme nahen. Denn sagen Sie mir, was kann Ihr Neffe Gutes von andern hoffen, da er von Ihnen so verkannt wird, da Sie seine schönsten Aussichten so verfinstern, seine besten Empfindungen so schonungslos zertreten?"
PRÄSIDENT: Ich wünsche dem Neffen Glück; der Oheim hat seine Pflicht getan. Beim Erwachen wird man sich meiner erinnern. Jetzt fehlt weiter nichts, als dass Sie mit meinen Feinden ein Bündnis gegen mich schliessen. Doch ich bin darauf gefasst und habe den Verteidigungskrieg schon von langen zeiten her gelernt.
In diesen letzten Worten vernahm Ernst den ganzen Grund von der düstern Weissagung seines Oheims. Er entfloh schnell und eilte zu seinem Vater, den er aber nicht antraf. Er durchwandelte den lachenden Schauplatz seiner Kindheit, und sein Herz besänftigte sich. Er ging nach der Höhle und sass nachsinnend vor dem Kranze seines Bundes. Gehüllt in den Morgentraum seiner Jugend, trat Amalie herein, und der Glanz des Gesichts erfüllte die düstre Höhle; der Kranz schimmerte in dem Lichte einer andern Welt. An ihrer Hand malte sich der Begeisterte die Tage seines Lebens aus, und in allem, was sie umgab, was sie tat und sagte, in ihren Bewegungen, ihren Blicken, ihrem Gesange lag, was sein reines Herz hier träumte. Jeder Zweifel, jeder aufsteigende Gedanke, der dieses erhabne Bild in ein andres Licht zu setzen drohte, schien ihm eine Lästerung der natur in ihrem schönsten Werke. Und wer sah, wer hörte Amalien, ohne dass sich ihm dieses Gefühl aufdrang!
Ernst trat voll Begeisterung, voll Liebe und Zutrauen an das Licht des Tages.
Sein Vater hörte seine Wahl mit Freuden; und als er vernahm, dass Ernst sich noch nicht erklärt hatte, dass er es ohne Einwilligung des Vaters auch nicht wagen wollte, versprach er, den folgenden Tag zu dem Minister zu fahren. Er tat es, und der Minister gestand Ernstens Vater, dass dieses sein einziger Gedanke und Wunsch gewesen wäre, seitdem er seinen Sohn kennte. An der Einwilligung seiner Tochter zweifle er nicht; dafür stehe ihm der Wert des Mannes, der um sie anhielte.
Hierauf sprach er von seiner Lage: dass seine Tochter von ihm nichts zu erwarten hätte und dass ihre Bildung die einzige Aussteuer wäre, die er ihr mitgeben könnte.
11.
Amalie schien über Ernstens plötzlichen Antrag durch ihren Vater verlegen und verwirrt; sie sagte einigemale: "Das ist doch sonderbar! höchst sonderbar!"
MINISTER: Und wodurch, Amalie?
AMALIE: Dass er sich an Sie wendete – so gerade – ohne vorher mein Herz zu fragen, ohne mir auch nur durch ein Wort die wirkung, die ich auf sein Herz gemacht habe, anzudeuten.
MINISTER: Sieh, so fremd scheint uns die Handlungsart edler Männer! Es wundert dich, dass dieser deinen Vater und dich in deinem Vater ehrt. Amalie, von dir hätte ich diese Bemerkung am wenigsten erwartet.
AMALIE: Vielleicht kommt dieses daher, lieber Vater, dass wir einander in diesem Punkte alle gleichen.
MINISTER: Du bist nun durch deinen Vater unterrichtet, und es hängt ganz von dir ab, seine Erklärung anzunehmen oder ihm jede andere zu ersparen. Liebst du ihn nicht, so ersparst du dem edlen mann den Beweis von deinen eignen Lippen, er habe sich in dir geirrt und selbst seine seltne Tugend, die Erhabenheit seiner Seele seien in den Augen meiner Tochter nichts.
AMALIE: Oh, er ist viel, sehr viel in Ihrer Tochter Augen, mehr als sie je zu hoffen wagte! Und doch mein Vater – sagen Sie mir, was glauben Sie wohl, das diesem schön gebildeten, so geistreichen, der Vollkommenheit so nahen mann in den Augen Ihrer Tochter fehlt?
MINISTER: Soll ich es dir sagen? Die Eitelkeit, der Wahn unsrer Jünglinge, Amalie; die Schwatzhaftigkeit, von dem zu reden, was sie zu fühlen glauben und eben darum nicht fühlen. Ihr wollt nur leidenschaft, wollt, dass die leidenschaft für euch in euren Anbetern die Vernunft, alle Tätigkeit im Leben und alle Würde des Mannes verschlinge; dass für den, der euch einmal gesagt hat, er liebe euch, nichts auf der Welt mehr Wert habe. Dies ist die Frucht eurer Romane! Aber hast du nichts von dem Erwachen aus diesem unnatürlichen, schwächlichen Zustande, der Krankheit unsrer Zeit, gehört?
AMALIE: Sie wissen, dass ich keine Romane lese.
MINISTER: Weil du vielleicht die deinigen auf dem Klavier, der Laute und der Harfe in Musik setzest.
Amalie errötete. Der Minister fuhr fort:
"Der Mann, von dem ich rede, ist von so hohem Sinne, dass alle deine Reize, alle deine Talente, alles Anlockende, womit die natur dich so überreichlich beschenkt hat, für ihn keinen Wert hätten, wenn er nicht glaubte, du seist von eben solchem Sinne, auch du könntest ihn um das lieben, warum er dich liebt."
AMALIE: Und was ist das?
MINISTER: Was seinem Herzen dieser Schleier äussrer Schönheit nur andeutet: Tugend, reiner jungfräulicher Sinn und Mitgefühl für das, was er über alles achtet. Er liebt dich, wie er eben diese Tugend liebt, mit reiner Begeisterung; er hofft, wie sein Vater sagt, du