1798_Klinger_060_52.txt

behutsam. Und da er sich trotz dem Geschehenen gleichwohl in seinem Neffen geschmeichelt fühlte und dessen Gunst bei dem Fürsten ihm für sich und seine Familie nützlich sein konnte, so wollte er noch eine probe mit dem Starrkopfe machen. Ernstens öftere Besuche bei dem Minister waren ihm, wegen Amaliens und der daraus möglichen nähern Verbindung mit diesem, das Allerunausstehlichste. Er beneidete, er hasste den Minister und glaubte sich tief gekränkt und zu allem Hasse gegen ihn berechtigt, weil er eine Stufe unter einem mann stehen musste, der kein Eingeborner des Landes, von minder altem Adel und beinahe arm war. Es war ihm unbegreiflich, was der Fürst an einem solchen mann fände, und seine immer dauernde Gunst bei dem Fürsten blieb ihm ein quälendes, unauflösliches Rätsel. Er wollte weder wissen noch glauben, dass dieser Mann durch seinen Verstand, seine Mässigung, seine Kenntnisse des deutschen Reichs und durch die achtung, in welcher er an den grossen und kleinen Höfen stand, seinen Fürsten vor allem dem Unangenehmen zu sichern wusste, dem kleine Fürsten dieses Reichs so oft ausgesetzt sind. In gutem, vertraulichem Einverständnisse mit diesem mann hatte sich der Fürst aus vielen verdriesslichen Lagen glücklich herausgewunden. Der Präsident, dessen Politik und Denken sich nicht weiter erstreckten als auf seine kammer und das, was das Land einträgt, sah in dem Minister nichts als einen politischen Marktschreier, der die Kunst verstände, den Fürsten mit seinem Gaukelspiele hinzuhalten und zu täuschen, um auf des Landes Kosten prächtig zu leben und dem staat seine Kinder als eine Last zur Erbschaft zurückzulassen. Aber trotz dieser Meinung fürchtete er den Minister, und der Gedanke, sein Neffe möchte sich mit ihm verbinden, um seine schimärischen Entwürfe der Neuerung, die er ihm zuschrieb, durchzusetzen, brachte ihn aus aller Fassung. Seine Furcht, sein Unwille raubten ihm alle Ruhe; und da er diese Lage nicht länger mehr ertragen konnte, so ergriff er eines Tages plötzlich die Hand seines Neffen und führte ihn in sein Kabinett.

"Neffe", sagte er schmeichelnd; "so wenig Dank ich mir auch bei Ihnen durch alle meine Bemühungen bisher erwerben konnte, so rechne ich doch jetzt darauf. – Nein, nein! Sie müssen mich erst ausreden lassen. Es ist natürlich, dass ein junger Mann wie Sie, so gebildet, so sonderbarer Art und so reich und so in der Gunst unsers vortrefflichen Fürsten, in allen alten Familien, wo eine Tochter zu verheiraten ist, eine grosse Gärung verursachen muss. Nach Ihrer denkart müssen Sie doch einmal heiraten; so denkt jeder, so denke auch ich. Vielleicht denkt auch manches arme Haus so und wirft listig sein Netz nach Ihnen aus, um den reichen, schönen, seltnen Mann zu fangen. Ich muss aus Pflicht Sie vor diesen Schlingen warnen, Neffe; und damit Sie ihnen um so leichter entgehen können, bin ich berechtigt, Ihnen die einzige Tochter des ältesten Hauses nächst dem unsrigen anzutragen. Sie ist zugleich die reichste Erbin, wenn der Vater stirbt, und liebt Sie bis zur Schwärmerei."

ERNST: Erbin? Und wenn der Vater stirbt

PRÄSIDENT: Sie kennen sie doch?

ERNST: Ich kenne sie nicht.

PRÄSIDENT: Nun, es ist die Tochter des Mannes, dessen Stelle Sie haben.

ERNST: Es tut mir leid, dass ich hierzu schweigen muss.

PRÄSIDENT: Haben Sie etwas gegen die person?

ERNST: Was sollte ich gegen eine person haben, die ich nicht kenne?

PRÄSIDENT: So werden Sie dieselbe nicht kennenlernen?

ERNST: In einer solchen Rücksicht gewiss nicht.

PRÄSIDENT: Ich sage Ihnen ja: es ist nicht allein das älteste, es ist zugleich das reichste Haus im land und die einzige Erbin eines Vaters, der nicht lange mehr leben kann.

ERNST: Oheim!

PRÄSIDENT: Was nun wieder? Wird sie es nicht werden? Zweifeln Sie daran?

ERNST: Ich hoffe, die Tochter denkt nicht an die Erbschaft.

PRÄSIDENT: Und wenn sie es täte! Auch sie wird Erben hinterlassen, die daran denken werden.

ERNST: Das kann sein; und denkt sie daran, so verdient sie es.

PRÄSIDENT: Was soll ich dem Vater antworten?

ERNST: Dass Sie mir nichts gesagt haben.

PRÄSIDENT: Wie? Ich tue es ja!

ERNST: Und um des Mannes zu schonen, weil es ihn beleidigen könnte, sagen Sie ihm nur, ich hätte Ihnen im voraus vertrauet, meine Wahl sei längst getroffen; und diese müsste es sein oder keine.

PRÄSIDENT: Neffe! Was Sie mir da sagensollte es wirklich Ernst damit sein?

ERNST: Sollte ich vergessen können, mit wem ich spreche?

PRÄSIDENT: Und dieses so geheim, Neffe? Ohne mit mir zu Rate zu gehen? in einer so wichtigen Sache auf das Leben?

ERNST: Ich habe einen Vater, lieber Oheim; der muss doch wohl der erste sein.

PRÄSIDENT: Allerdings! Und weiss es mein Schwager schon?

ERNST: Nein.

PRÄSIDENT: Und der Vater der Gewählten?

ERNST: Ebenso wenig.

PRÄSIDENT: Und die person?

ERNST: Noch weniger.

PRÄSIDENT: Das ist doch sonderbar! so sonderbar wie alles mit Ihnen! Indes, da ist ja noch nichts geschehen.

ERNST: Nichts geschehen? Es ist sehr viel geschehen. – Und nun sehe ich, es ist hohe Zeit, dass ich das Schweigen breche. Ich tat es nicht, weil mich dieses Schweigen so glücklich machte