über die irdische Flamme emporsteigt, erhob sich seine erste Empfindung über den Altar, den die Liebe sich jetzt in seinem Herzen erbauete. Gedanken entsprangen, als lispelten ihm Geister zu: "Es ist das Wesen, das dich durch dieses Leben leiten und deinen Pfad mit Rosen bestreuen soll. Ihr Geist scheint aus dem land entsprungen zu sein, aus welchem du herabgestiegen bist!"
Auch Amalie hatte das Vergangene nicht vergessen. Sie erkundigte sich nach seinem Jugendfreunde, nach Hadem, wiederholte den Sinn von dessen Strafpredigt über die Romane und setzte lächelnd hinzu: "Sie sehen, ich habe, so jung ich auch war, nicht vergessen, wie Ihr Freund Ihre Worte erklärt hat; und von jenem Augenblick an warf ich die Romane weg. So verdanke ich es Ihnen und Ihrem Freunde, dass ich die Musik noch lieber gewonnen, dass ich in ihr Ersatz für alles andre gefunden habe."
ERNST: Wie hätte auch Ihnen verborgen bleiben können, dass die Musik unsern Geist auf reineren Schwingen trägt, dass sie unser Herz in einer gleichen stillen Harmonie erhält, dass wir durch sie empfinden, woher wir stammen! Als Sie sangen, stand ich über den Grenzen dieses Lebens, und, von Ihren Tönen geleitet, würde ich kaum seine Last empfinden.
Amaliens blick sank gerade vor sich hin wie damals, als Ernst jene Worte sprach; die zarteste Empfindung bildete sich in süssem Lächeln um ihren Mund.
"Man hat mir viel, oft artig, geschmeichelt, aber so wie Sie tat es noch keiner. Man sagt nicht umsonst von Ihnen, Sie wären nicht von unsrer Welt."
ERNST: Sagt man dies von mir, fräulein? Und was denken Sie davon?
AMALIE mit noch süsserem Lächeln: Ich glaube es beinahe selbst.
ERNST feierlich ernstaft und mit dem seelenvollsten Ausdruck: Freilich gehöre ich, dem inneren Sinne nach, einer Welt zu, in welcher Sie gewiss kein Fremdling sind. Wenigstens haben Sie mich in ihre Mitte eingeführt, und so teilen Sie den Spott mit mir.
Eine rauschende Symphonie unterbrach das Gespräch, und Amalie mischte sich unter ihre Gespielinnen.
Ernst betrat zum erstenmal sein einsames Zimmer in den süssen, seligen Träumen der Liebe, und so ruhig, so heiter in diesen Träumen, als hätte seine Seele endlich das gefunden, wornach sie so sehnend strebte. Als er nun auf sein Hauptkissen sank und Amaliens Gestalt vor ihm schwebte, ihre stimme in seinem Herzen erklang und er alles Empfundne unter dem harmonischen Lispeln in der stillen Nacht noch reiner, noch höher wiederempfand, entschlief er auf den leichten äterischen Schwingen, auf welchen die Liebe ihre Geweihten trägt. Er erwachte leicht, mutig, voll Vertrauen, und die ganze Schöpfung schien ihm in einen rosenfarbenen Duft gehüllt. Er ging an seine Geschäfte, betrieb sie mit eben dem Eifer wie sonst und besuchte abends das Haus des Ministers. Je mehr er Amalien kennenlernte, je mehr ihr Geist und ihr Herz sich vor ihm entfalteten, desto ruhiger, glücklicher und vertrauter ward er.
Amalie hörte und sah ihn gern, erwartete ihn mit Verlangen und zeigte es ihm; aber noch wagte er es nicht zu sagen, was ihn so glücklich, so ruhig machte. Ihn dünkte, er würde dieses Glück, diesen stillen, unaussprechlich süssen Genuss in Gefahr setzen, wenn er laut davon spräche. In Amaliens Herzen erzeugte sich ein Gefühl für ihn, das sie von diesem Augenblick an nie verliess, das immer dasselbe blieb; und dieses war eine Art von Hochachtung, von Verehrung, die nahe an jene kalte Bewundrung grenzte, welche wir für Wesen fühlen, die wir uns nicht durch das Herz und die Sinne zueignen können. Seine Gesinnungen, seine Zurückhaltung, sein äusserst zartes und oft feierliches Betragen mussten diese Bewunderung erzeugen und unterhalten, da alle seine Sinnlichkeit unter dem Rosendufte schlummerte, in welchen ihn sein Schutzgeist eingehüllt zu haben schien. Noch lange, vielleicht für immer, würde dieses Verhältnis zwischen Amalien und ihm fortgedauert haben, wenn sein Oheim es nicht erschüttert hätte.
10.
Der Fürst hatte zugunsten des Kammerrats entschieden. Seine Sache musste von neuem untersucht werden. Sie ward es; und nun fühlten der Präsident und die Räte der kammer, dass man ihr unmöglich eine andere Farbe geben konnte als sie wirklich hatte, besonders nach der Erklärung des Fürsten: die kammer muss entweder Kalkheim lossprechen oder das Recht seiner Verurteilung dartun; in jedem Falle aber muss sie ihm die Auslage ersetzen und sein Haus ihm zurückgeben.
Der Präsident diktierte ein Reinigungsdekret, das der kammer ganz wohlgefiel, welches aber der Kammerrat wegen der Zweideutigkeit verwarf. Es blieb also nichts übrig, als alles nach seinem Sinne zu machen. Kalkheim wohnte hierauf einer Sitzung bei, nach welcher ihn Ernst in der Grafschaft *** förmlich einführte. Dieser fuhr mit ihm nach allen Burgen und Dörfern, und überall wurden sie als Freunde aufgenommen. Ernst sah Menschen um sich, deren Bewillkommen, deren Blicke, deren Zutrauen ihn versicherten, dass sie des Glückes gewiss wären, welches er ihnen darbrächte. Er hielt den Mann an seiner Hand, durch dessen hülfe er es zu bewirken hoffte; und zufriedner als dieser lebte nicht ein Mann auf dem deutschen Boden. Er sah Arbeit vor sich, und sein wohltätiger Geist erblickte schon das ganze Land in neuem Schmucke.
Der Präsident konnte Ernsten das Geschehene nicht verzeihen, aber noch hielt er an sich; denn das, was der Fürst selbst ihm über seinen Neffen sagte, machte ihn