Ehre halten: einzugestehen, dass sie sich in einem oder dem andern Punkte geirrt habe, oder in ihrem angetanen Unrecht zu verharren? Ich hoffe, die kammer hält sich nicht für unfehlbar; denn ich sehe hier nur Menschen um mich sitzen, wie ich einer bin.
PRÄSIDENT: Die kammer hält sich nicht für unfehlbar, wohl aber den Fürsten.
ERNST: Verzeihen Sie mir. So wie ich den Fürsten zu kennen die Ehre habe, wird er Ihnen für diese Meinung wenig Dank wissen, und in Angelegenheiten, wo er bloss nach Ihren Berichten urteilt, am allerwenigsten.
PRÄSIDENT: So hält sich die Ordnung des staates, das System, wodurch er zusammengehalten wird, für unfehlbar. Herr Oberkammerrat; und in Kollisionsfällen, deren Ihnen noch genug aufstossen werden, geht es über Vorurteile hinaus, um des Ganzen und seines Besten willen.
ERNST: Diese Worte sind mir nun nicht mehr so neu, dass ich davor erschrecken sollte. Die Kollisionsfälle erwarte ich, und die Lehre, auf die Sie jetzt deuten, habe ich in grossen Staaten oft vernommen. Aber wann geschieht dieses? wann ziehen sich die Diener eines staates hinter ein solches Bollwerk, das sie System in diesem Sinne nennen? Nur dann, wenn es dahin gekommen ist, dass sie das Licht scheuen; wenn sie alles so verwirrt und aufgelöst haben, dass sie sich nur durch schlechte Mittel zu helfen suchen, oder der schlechten so gewohnt sind, dass sie die guten, auch bei dem sichtbarsten Nutzen, verwerfen. Doch die Ursachen davon gehören nicht hierher, weil wir nicht in diesem Falle sind. Wir sind so glücklich, in keinem grossen staat zu leben, noch weniger in einem verderbten grossen staat, und haben gar nicht nötig, dem vermeinten Besten des Ganzen unschuldige Opfer zu schlachten, damit unser Spiel fortdaure und sich nicht entülle. Und aus diesem Zutrauen auf Sie, Herr Präsident, und auf diese Herren und alle Diener des Fürsten wage ich es, mich diesem Schreckenswort entgegenzustellen.
PRÄSIDENT: Ich bin zu alt zum Wagen. Doch davon ist jetzt nicht die Rede, und die kammer ist kein Ort zum Streiten über Meinungen; auch kann hier die Meinung des einzelnen nicht bestimmen. Die Frage ist, soll die Bitte dem Fürsten vorgetragen werden? Hat der Mann da ein Recht dazu, es zu fordern?
ERNST: Hat er keins dazu, was wagt die kammer?
PRÄSIDENT: Ich setze die Frage anders. Verstattet es das Herkommen, der Gebrauch?
ERNST: Die Frage ist durch Herkommen und Gebrauch beantwortet; und selbst das System, auf welches Sie sich stützen, erfordert, dass der wegen einer zweideutigen Tat durch einen Spruch verurteilte Beamte erst gereinigt werde, bevor er die Stelle wiedereinnimmt, aus welcher ihn der Spruch gestossen hat.
PRÄSIDENT: Ich höre nur Sie.
ERNST: Vermutlich, weil diese Herren auch meiner Meinung sind.
Der Präsident brachte eine andere Sache vor. Nach Endigung der Sitzung bot er seinem Neffen einen Platz in seinem Wagen an und lud ihn zum Mittagessen ein. Er drang nun in ihn, den Kammerrat zu bewegen, von seiner Bitte abzustehen, und unterstützte seine Forderung mit allen den Scheingründen, die ihm hier seine Erfahrung darbot. Ernst antwortete, dies sei eine Gewissenssache des Kammerrats, in die er sich nicht mischen könne. Wolle Kalkheim abstehen, so möge er es tun; er würde ihm hierzu ebenso wenig raten, als er ihm geraten hätte, die Vorstellung der kammer zu übergeben.
"Neffe", sagte der Präsident, "Sie handeln nicht als Verwandter; Sie opfern einem Grillenfänger das Ansehn Ihres Oheims auf."
ERNST: Ihr Vorwurf würde mich rühren und beschämen, wenn ich nicht eben jetzt die grösste achtung für Ihr Ansehen bewiese, freilich nach meiner denkart. Erklärte ich mich weiter, so wäre es Vermessenheit, und ich könnte mir nur dadurch einen gerechtern Vorwurf von Ihnen zuziehen.
PRÄSIDENT: Grillen! – Lassen Sie Kalkheim da, wo er ist. Ich will ihn anderwärts entschädigen, und wir schlagen die unangenehme Sache nieder.
ERNST: Sie vergessen, dass der Fürst mich an ihn wies, dass er ihn wieder eingesetzt hat.
PRÄSIDENT: Dem Fürsten wird die Sache vorzutragen sein. überlassen Sie das mir und schweigen Sie nur von Kalkheim. Ich weiss, wie man es macht, dass der Fürst ein Ding vergisst.
ERNST: Oheim!
PRÄSIDENT: Nun, Neffe?
ERNST: Ich bin nicht Ihres Systems und werde es nie sein.
PRÄSIDENT: Immer jung in der Welt! – Desto schlimmer für Sie!
ERNST: Lieber das Schlimmere für mich.
PRÄSIDENT: Es wird nicht ausbleiben. – Sie wollen Krieg, junger Mann. Freilich, Sie sind stark, mutig, das Herz schlägt hoch, der Geist ist stolz; wir sind alt, zaghaft, niedergebeugt von der schweren Arbeit – wir bleiben nur bei dem Alten, weil wir bisher gut dabei gefahren sind – Also Krieg! Warum nicht, wenn es sein muss?
ERNST: So weit verkennen Sie mich, Oheim? Ich Krieg mit Ihnen? und so führen Sie mich in die Welt ein? So abschreckend deuten Sie mir auf die kaum betretne Laufbahn?
PRÄSIDENT: Fahren Sie nur so fort, Neffe, und ich sage Ihnen als ein Mann, der die Welt kennt: Sie werden auf dieser Bahn, die Sie so stürmend betreten, nicht weit kommen, sie noch weit vom Ziele verlassen müssen. Ihr