abgesetzter Kammerrat von neuem eingesetzt! Das ist wahr, die kammer wird sich wundern! Nicht darüber, lieber Neffe, dass Sie Oberkammerrat geworden sind, sondern dass es so geschah. Aber mit Ihnen geht alles einen eignen gang, und ich wünsche Ihnen von Herzen Glück dazu.
ERNST: Ich danke Ihnen. Gleichwohl begreife ich nicht, wie sich die kammer wundern sollte, da doch der Fürst den Oheim in dem Neffen zu ehren glaubt, wenn er den Neffen, sei es auch auf eine eigne Art, in eben dem Departement anstellt, dem der Oheim vorsteht. natürlich konnte er auch den Gedanken dabei haben, dass der Oheim und der Neffe sich leichter und besser darüber verstehen würden, was seinem land, und dadurch ihm, nützlich sei. Hätte er diese Meinung nicht von meinem Oheim, so müsste er ja befürchten, dass er seine Macht in eben dieser kammer zum Nachteil seines Landes verstärkte.
PRÄSIDENT: Sehr richtig und fein bemerkt! Ja! es liesse sich so erklären; auch will ich es denen, die sich darüber wundern, so auslegen. Und was für einen Plan haben Sie bei der Verwaltung der Geschäfte? Wie werden Sie es angreifen? Alles ist jetzt durch mein Bemühen so schön im Gange – und das Neuern – lieber Neffe, hüten Sie sich ja vor dem Neueren! –
ERNST: Hier kann nie die Rede vom Neueren sein. Warum sollte man das Alte stören, wenn es gut ist! Etwas verbessern, hier oder dort nachhelfen heisst ja nur, der wohltätigen natur zu hülfe kommen, ihr durch Fleiss und gehörige Anwendung der Erfahrung von ihren reichen Schätzen mehr abgewinnen. Dies hat der Kammerrat Kalkheim dem ganzen land schon lange bewiesen.
PRÄSIDENT: So! der! Ich wünsche es von Herzen und werde dem vortrefflichen Fürsten für alles danken, was er der Familie zu Ehren getan hat, und das, sobald es ihm belieben wird, uns Ihre schriftliche Bestallung zuzusenden. Kommen Sie doch zum Abendessen; Sie werden Gäste im saal finden. Da können Sie noch heute Bekanntschaften mit Leuten machen, mit denen Sie von nun an Verkehr genug haben werden. Sie müssen übrigens meine Äusserungen ja nicht missdeuten! Wir im amt grau gewordenen Leute sind so besorglich, dass wir von den jungen gar leicht missverstanden werden. Und doch geht es den jungen Leuten gerade so, wenn sie dahin gelangen, wo wir Alten nun stehen.
Ernst fand den Ton und das Betragen seines Oheims sehr sonderbar, aber er war weit entfernt, die rechte Ursache davon zu ahnden. Seiner reinen Absichten allzu sicher, glaubte er, der Stolz seines Oheims sei nur dadurch beleidigt, dass der Fürst alles ohne sein Vorwissen getan habe. Daher glaubte er, diese Empfindlichkeit würde bald vorübergehen. Freilich hatte er einen teil der Ursachen von dem Betragen seines Oheims erraten, aber er war weit entfernt, die wirkung derselben zu vermuten. Der Präsident meinte, der Fürst hätte dieses auf keine Weise ohne ihn tun können und dürfen; und da er es doch gewagt, so müsste sein Neffe schuld daran sein und aus geheimen Ursachen auf eine Art gebeten haben, wodurch der Fürst überrascht worden wäre. In dieser Meinung bestärkte ihn Ernst hauptsächlich dadurch, dass er sich äusserte, er würde sich dem Kammerrat anvertrauen und ihn bei der Grafschaft anstellen, die ihm übertragen sei. In diesem Augenblicke fiel dem Präsidenten die ganze geschichte des Briefes für den Kammerrat, Ernstens Bitte für ihn und die Lobeserhebungen desselben wieder ein. Und so sah er in dem jetzigen Benehmen seines Neffen nichts als den festen Plan, die ganze Führung der kammer in ein widriges Licht zu setzen und alles nach des Kammerrats närrischen Grillen einzurichten. Gelänge nun dieses, so sah er sein ganzes Ansehen von seinem Neffen verdunkelt, alle seine bisherigen Bemühungen als zwecklos dargestellt; und erhielt er sich auch auf seiner Stelle als Präsident, so waren dann doch alle Hoffnungen verschwunden, sie seinem Sohne, der jetzt auf Reisen war, als Erbschaft zu hinterlassen. Von diesem Augenblick an sah er in seinem Neffen nicht nur einen gefährlichen Menschen, sondern auch einen schlechten Verwandten und glaubte sich verpflichtet, ihm auf eine Art entgegenarbeiten zu müssen, dass er keins von beiden öffentlich tätig werden möchte, sein eigenes Betragen aber so einzurichten, dass er immer mit ihm in einem äussern guten Verhältnisse bliebe. Denn er merkte dem Toren wohl an, dass er den Oheim leicht seiner Schimäre und seinen vermeinten guten Absichten nachsetzen würde. Nun ging er sogleich an das Werk; er sprach zu den versammelten Gästen mit den grössten Lobeserhebungen von seinem Neffen, rühmte die besondere Gnade des Fürsten für ihn, bewies sie durch die Art, wie er angestellt worden sei, und wünschte sehr, dass alles recht gut gehen – dass die alten, erfahrnen Leute die Sache nur recht nehmen und verstehen möchten. Dieses sei um so mehr nötig, da sein Neffe ein Mann von festen grundsätzen wäre, der auf seinem Sinne beharre, der das, was er für gut halte, auf jede Gefahr behaupte und durchzusetzen suche, wobei ihm der vortreffliche Fürst, der gleich ihm das Gute wolle, gewiss mit allen Kräften beistehen werde.
Renot kam. Der Präsident zog ihn auf die Seite und sagte:
"Sie haben nur geprahlt, lieber Renot. Mein Neffe ist noch so krank als er war, vielleicht noch kränker. Wissen Sie, was sein erstes Geschäft war? Nach dem närrischen Kammerrat Kalkheim zu reiten und sich einen Schulmeister