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ERNST: Aber bedenken Sie doch: ein junger, unerfahrner Mensch wie ich bin!

KAMMERRAT: Aber ein guter Mensch! Meinen Sie, dass ich vergessen hätte, wie Sie so jung um mich her gingen? Und Ihre Worte, und Ihre Blicke! – Ich sagte Ihnen freilich gar nichts, das ist so meine Art, denn dem Guten braucht man gar nicht zu verstehen zu geben, dass er gut ist. – Und sind Sie nicht ein Schüler Hadems? Das ist ein Mann, Herr von Falkenburg! Nicht wahr? Oh, wäre er nur hier! – Glauben Sie mir auf mein Wort, in solchen Geschäften macht ein guter Mensch selten dumme Streiche; denn eben darum, weil er gut ist, bekümmert er sich immer im voraus sorgfältig, was denen nützlich sein kann, für die er zu sorgen hat. Er dringt in alle ihre kleinen Angelegenheiten; und da er es ehrlich mit ihnen meint, so berechnet er den Gewinn nie auf den Augenblick, nie einseitig, er arbeitet für den Nutzen des Fürsten und des Landes, durch den Nutzen der Untertanen, und dann geht es. Sie können gar nicht glauben, Herr Oberkammerrat, wie einem alles gelingt, wenn man nur auf das Gute und Nützliche sieht und keine Nebenrücksichten hat.

ERNST: Sie sprechen ganz im geist unsers guten Fürsten. Dochum auf das zu kommen, was mich heute eigentlich hierher führt und was ich von Ihnen zu erhalten wünscheder Fürst schickt mich als einen Schüler zu Ihnen. Sie sollen mich durch Ihre Kenntnis in der Oberaufsicht der Grafschaft *** leiten, kurz, Sie sollen der Kammerrat dieser Grafschaft und mein Lehrer sein.

KAMMERRAT: Was? der Grafschaft ***? Und ich? ich soll sie an Ihrer Seite anbauen wie diesen Gau? Und das sagt der Fürst? das will der Fürst? Herr von Falkenburg, ich bin zu Ihren Diensten. Kommen Sie! Lassen Sie uns auf der Erde Gottes Gärtner sein und sie durch die hände seiner Geschöpfe schmükken, solange wir darauf wandeln. Wir legen dadurch ein Fleckchen in seinem grossen Garten an! Es lebe der Fürst! Er ist der erste, beste teutsche Mann seines Landes. Und gelegentlich werden Sie ihm ja wohl sagen, dass Kalkheim der Narr nicht ist, für den die kammer ihn hält.

ERNST: Das weiss er und soll es noch mehr erfahren. Morgen schicke ich Ihnen meinen Halbwagen, und Sie treten in der Stadt bei Ihrem Schüler ab.

KAMMERRAT: Gehorsamer Diener! Ich muss geschwind meinem Wirte die Neuigkeit sagen. Ach, die werden schreien! Sie glauben mich aufs Leben zu haben, und nun entwisch ich ihnen. Das wird ein Lärmen im Gau sein! Doch zum Glücke grenzen wir ja mit ihnen.

7.

Der Präsident hatte Ernstens Bestimmung schon erfahren, als dieser sie ihm anzeigte; doch stellte er sich, als hörte er etwas Neues von ihm. Auch wusste er, dass sein Neffe bei Kalkheim gewesen war.

PRÄSIDENT: So! Oberkammerrat, Neffe! Das geht geschwind! Ich gratuliere. Und der Oberkammerrat *** abgesetzt?

ERNST: Der Fürst stellt ihn nach seinem Wunsche am hof an.

PRÄSIDENT: So! am hof! Der Mann war mein Freunder wird es ja wohl bleiben trotz der Veränderung. Sie glauben nicht, lieber Neffe, wie weh es einem tut, wenn ein Mann, mit dem man lange still und ohne Zänkerei den schweren Amtsweg gegangen ist, aus einem Departement abgeht.

ERNST: Liebster Oheim, das hiesse doch auch diesen Amtsweg auf eine allzu ruhige Art wandeln wollen und setzte gar voraus, dass man sich gänzlich über diesen Weg miteinander verstände. Gleichwohl ist der Zweck nicht unser Einverständnis. Ich von meiner Seite freue mich wenigstens, dass ich bei dem Eintritt in die Geschäfte in meinem Oheim ein erfahrnes Oberhaupt vor mir finde.

PRÄSIDENT: Und zugleich Ihren ersten Blutsverwandten. Denken Sie denn, Neffe, dass mich dieses nicht auch freuet, recht sehr um meinetwillen freuet? Auch würde es mich um Ihrentwillen ebenso sehr freuen, aber nicht alle denken wie Ihr Oheim, lieber Neffe. Diese Geschäfte setzen so viele Erfahrung, so viele Kenntnisse voraus! Freilich gibt sich das mit der Zeit, besonders wenn man einige Jahre bloss zuhört; aber werden die Alten nicht sagen: Ihr Neffe ist doch gar zu jung, um gleich da anzufangen, wo andre aufhören?

ERNST: Darin haben die Alten nicht unrecht; doch da es der Fürst nun einmal wollte, und auf eine Art wollte, welcher nicht zu widerstehen war, so halte ich mich an die Lehren des Kammerrats Kalkheim. Bei ihm will ich in die Schule gehen, und er ist eine so gute Quelle, dass er mich nicht Mangel leiden lassen wird.

PRÄSIDENT: So! Sind Sie etwa gestern bei ihm gewesen?

ERNST: Ja, ich habe ihn mir geworben, und der Fürst wies mich selbst an ihn.

PRÄSIDENT: So! Der Kammerrat hätte, der Rangordnung wegen, doch wohl zu Ihnen kommen können.

ERNST: Darauf sehe ich nicht; ich brauche ihn, nicht er mich. Und da mir der Fürst die Grafschaft *** übergab, wem hätte ich mich besser anvertrauen können als ihm?

PRÄSIDENT: So! Ist er wieder eingesetzt, und zwar als Kammerrat? sonderbar, höchst sonderbar, dass der Präsident dieses alles nur so von der Seite hört! Ein Oberkammerrat abgesetzt, ein Oberkammerrat angestellt, ein