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, für seinen Schüler tat, mit Schmach und Vorwurf belastet ihn floh und alles stillschweigend ertrug, warnte den Knaben in dem letzten Augenblicke vor eben dem, was ihn zu der Tat antriebvor Übertreibung der Tugend, sprach von Mass und Regel der Tugend! – Hadem, ich halte mich an Ihre Handlung; in dieser liegt der Sinn, der mich leiten soll. Und ich sollte nach diesem Fingerzeige zweifelnd am Scheidewege stehen?

6.

Der Vater hörte das Betragen des Fürsten gegen seinen Sohn mit stiller Rührung an. "Gehe, mein Sohn", sagte er, "es sind dein Vaterland und der edelste teutsche Fürst, die dich rufen. Fügte ich ein Wort hinzu, so müsst ich der wirkung dieses Rufs auf dich nicht trauen. Für diese hier will ich schon sorgen. Riefe der Fürst mich an dem letzten Abend meines Lebens, so würde ich mich noch von meinem Lager aufmachen und ihm die letzten Stunden widmen. Eile zu ihm!"

Als Ernst wieder vor dem Fürsten erschien, erklärte ihm dieser: "Ich habe eine Stelle für Sie gefunden, die Stelle eines Oberkammerrats in der Grafschaft ***; dem jetzigen Oberkammerrat dieser Grafschaft werde ich eine Stelle am hof geben, wie dieser, weil er alle Arbeit hasst, schon lange zu wünschen scheint. Sind Sie mit dieser Einrichtung zufrieden?"

Ernst sprach von seinen wenigen Kenntnissen in diesem Fache, und der Fürst antwortete ihm:

"Wille Gutes zu tun ist hier das Haupterfordernis, und was Ihnen an Kenntnissen fehlt, dazu wird Ihnen gern ein Mann behülflich sein, der sich Ihnen gewiss nicht versagt. Ich verweise Sie an den Kammerrat Kalkheim. Der eigensinnige gute Mann scheint nur auf Sie zu warten. Sie gewinnen ihn dem land gewiss wieder."

Ernst ritt noch denselben Tag nach der Gegend, wo der Kammerrat sich aufhielt. Im ersten dorf seines Gartens fragte er nach ihm. Man wies ihn nach einem entlegenern, dort fand er den Kammerrat noch in derselben Lage und ebenso gesund, zufrieden und glücklich, wie er ihn das erstemal gesehen hatte. Kalkheims Freude war gross, als er Hadems Schüler in dem erwachsenen, bescheidnen, schönen jungen Mann erkannte. Und als sich der Kammerrat genug gefreuet und nach Hadem erkundigt hatte und immer froher ward, bezeigte ihm endlich Ernst seine Verwunderung, dass er sich aller Tätigkeit entzöge.

KAMMERRAT: Der Tätigkeit entzög ich mich? Lieber Herr von Falkenburg, im ganzen Fürstentum ist kein Mensch tätiger und eben darum auch glücklicher als ich. Mein Gott, sehen Sie mich doch nur an! Bin ich nicht so mager wie eine Nachtigall im Frühjahr? Sehen Sie denn das glänzende Fleisch der Trägheit an mir? Trag ich denn die Spuren der Langenweile in meinem gesicht? oder der dummen Behaglichkeit oder der kalten, gefühllosen Gleichgültigkeit gegen das, was andern widerfährt? Sie glauben gar nicht, was ich alles zu tun habe. Ich bin der Arzt der ganzen Gegend für Menschen und Tiere. Da ich die Äcker der Bauern nicht mehr zu besorgen brauche (denn damit geht es noch immer gut), so sorge ich nun für ihre Gesundheit und die Gesundheit ihrer Weiber, ihrer Kinder und ihres Viehes. Erschrecken Sie nur nicht; denn ein so grosser Arzt ich auch geworden bin, so brauche ich doch wenig Arzenei. Meine ganze Kunst besteht in gewissen Regeln der Diät; und da ich durch mein voriges Bemühen für die Zufriedenheit der Bauern gesorgt habe und weder der Kummer, die sorge, noch das Elend meiner Kunst in die hände arbeiten, so geht alles so herrlich, dass bisher an meiner Kunst noch keiner gestorben ist.

ERNST: Dies alles ist so vortrefflich als vernünftig. Aber sagen Sie mir dochmein Oheim bot Ihnen ja nach unserm Besuche eine Stelle an; warum schlugen Sie die aus?

KAMMERRAT: Weil ich glücklich war und es mir schien, als ob Ihr Herr Oheim mit mir spasste. Denn die Stelle, die er mir anbieten liess, schien mir ein gar sonderbarer Einfall zu sein. Denken Sie nurdie kammer wollte michwas glauben Sie wohl! – die kammer wollte mich in diesem land, unter diesem Himmelsstriche zum Vorsteher eines neu anzulegenden Seidenbaus machen. Lieber Herr von Falkenburg, in diesem ganzen land werden Sie keinen Strauch vom Maulbeerbaum finden. Doch dies liesse sich in Jahren wohl noch auftreiben; aber ich muss Ihnen sagen, dass ich in der Welt nichts mehr hasse als solche Künsteleien, solche unnatürliche Versetzungen, solche erzwungene Erzeugnisse. Doch auch dies täte noch nichts. Aber wozu ein Seidenbau? Unsre Bauern zugrunde zu richten? Ich weiss, dass dabei nichts herauskommt, ich weiss es so gewiss, dass ich, und wenn die kammer mir tausend Dukaten Gehalt angeboten hätte, doch nein gesagt haben würde. Aber die kammer hat es nie ernstlich gemeint, sie scherzte nur mit mir, und ich wunderte mich wirklich noch mehr darüber, dass sie dazu Zeit hat.

ERNST: Wie es scheint, hat die kammer an Ihnen keinen Bewundrer, und sie machte es Ihnen darnach. Doch tut es mir jetzt leid; denn auch ich bin nun ein Mitglied dieser kammer.

KAMMERRAT: Was Sie sagen!

ERNST: Und zwar Oberkammerrat, lieber Kalkheim.

KAMMERRAT: Wirklich? Nun, das freuet mich herzlich. Da hat doch der Fürst wieder etwas recht Vernünftiges getan, wie er immer tut, wenn er aus eignem Triebe wählt und handelt. Ich wünsche Ihnen 7Glück.