1798_Klinger_060_42.txt

zum Bösen, welche die Legende den Heiligen am höchsten anrechnet? – Und doch, Hadem, ich muss es Ihnen sagenverzeihen Sie, aber ich kann nicht schweigen. Ihre letzten Worte erklangen in der Tiefe meines Herzens, während der Fürst mit mir sprach. Ich fürchte, die Menschen können die Tugend in ihrer Kraft, Würde, Reinheit und Unbestechlichkeit nicht ertragen, und nur halbe, schielende Tugenden leiten ihre Handlungen, so wie sie durch ihre Schwäche beständig nahe an der Grenze des Lasters hinstreifen. Sollte das ganze Erblicken dieser erhabenen Tochter des himmels für ihren moralischen Sinn das sein, was das glänzende Licht des himmels unserm physischen Sinne ist? Ist es so, Hadem, was soll aus Ihrem Schüler werden? Wo soll er seinen Standpunkt finden? Wo soll er seinen Fuss hinstellen? wo vorwärts schreiten? wo stille stehen? wo und wonach seitwärts blicken? Wie? ich sollte meinen festen, reinen blick durch die strahlenbrechenden, dunkeln, verworrnen, sich kreuzenden Verhältnisse der Menschen teilen und färben lassen? Das innere Licht meiner Seele soll von fremden Schattierungen abhangen? Dies ist es, Hadem, dies ist es!

Jetzt erst kann ich Ihnen erzählen, wie es gekommen ist, dass ich meinen Entschluss so schnell geändert habe. Hadem, wenn Sie diesen Fürsten gehört hätten! Ich wollte Ihnen gerne jedes seiner Worte hinschreiben, aber wo blieben seine gutmütigen, menschenfreundlichen, väterlichen, geistreichen Blicke? wo das sanfte Spiel des Wohlwollens um seinen Mund? das Herz und Zutrauen Gewinnende in jeder seiner Äusserungen? der Nachklang seiner stimme in dem geist? sein edler, ruhiger Anstand? – Sie wissen, Hadem, wie sehr ich das Ruhige, Feste im Betragen liebe, Sie wissen, an wem ich es so früh schon kennen und schätzen lernte! –

(Nachdem nun Ernst die obige Unterhaltung zwischen dem Fürsten und sich beschrieben, fährt er fort:)

Ich fühle, dass Sie Ihren Schüler glücklich preisen, dieses von seinem Fürsten, von einem deutschen Fürsten, gehört zu haben. Ich höre, dass Sie sagen: "Mein Ernst wäre meiner und des Führers nicht wert, dem ich ihn überliess, wenn er dieser Aufforderung nur mit dem leisesten Gedanken widerstanden hätte." Und Sie haben recht, Hadem! Ich bin sein. Er fordere, was ich vermag; denn nie wird er fordern, was ich nicht vermöchte.

Wie klopfte mein Herz, wie erhob sich mein Geist, als er von dem Briefe sprach, so davon sprach! Wie standen Sie an meiner Seite, wie griff meine Hand nach der Ihrigen! Wie strömte es aus meinem Herzen nach meinen Lippen, von Ihnen zu reden! Ich schwieg hier, ich musste schweigen, aber das damalige Betragen meines Oheims war von so sonderbarer Art, dass ich wenigstens gegen ihn nicht schweigen konnte. Er schien betroffen, nachsinnend über die Veränderung meines Entschlusses, über das Benehmen, die Äusserungen des Fürsten gegen mich; und als ich ihm nun alles geradezu sagte, sprach er etwas von seinen guten Absichten und setzte endlich kalt hinzu, er habe es für klug gehalten, den Stolz des Jünglings nicht durch die Botschaft des Fürsten noch mehr zu reizen, und das aus der gegründeten Furcht, ihn durch das Gelungene des ersten Schritts zu mehreren zu verleiten, deren Erfolg nicht so glücklich ausfallen möchte.

Ich zeigte ihm das Widersprechende seiner damaligen und jetzigen Reden sehr gelinde und sagte:

"Gleichwohl hielten Sie mich zu jener Zeit für ganz unschuldig und schrieben meinem Hadem alles zu, so sehr ich Sie auch von dem Gegenteil versicherte."

Er schwieg einige Augenblicke, und dann sagte er:

"Ich hatte meine Ursache dazu und habe sie noch jetzt."

Ich erwiderte:

"Das Ding, welches Sie System nennen, mag vielleicht schuld daran sein; denn es erlaubt gar sonderbare Dinge. Freilich war ich nur ein Knabe, aber vielleicht waren Sie mir umso mehr die Wahrheit schuldig."

Er antwortete:

"Der Mann sagt dem Knaben nur alsdann Wahrheit, wenn sie ihm wirklich nützt."

Ich wollte ihn nicht aufbringen, ich wollte aus seinem mund hören, was ich ahndete, und sagte:

"Ich bin es nun nicht mehr und bitte Sie jetzt als um eine Wohltat: sagen Sie mir, da Sie nichts mehr für mich zu fürchten haben, da Sie vernehmen, dass mir bekannt ist, wie der Fürst den Vorfall ansahhat Hadem Ihnen eingestanden, dass er mich zu diesem Schritte gereizt, dass er darum gewusst habe?"

Er erwiderte trocken, Sie hätten geschwiegen und Schweigen sei in einem solchen Falle ein Bekenntnis.

"Verzeihen Sie, lieber Oheim", antwortete ich ihm, "machen Sie Ihre Wohltat ganz vollkommen! Zeigten Sie Hadem Unwillen über diese Tat? sagten Sie ihm, der Fürst habe das Geschehene übel aufgenommen?"

"Dieses tat ich", erwiderte er verdriesslich, "weil es notwendig war, weil ich Sie fortlieben wollte."

Und nun fiel die Hülle von meinen Augen. Sie standen verklärt vor mir, und der Schimmer Ihrer Verklärung verbreitete sich über mein ganzes Wesen. Ich dankte meinem Oheim mit Wärme und fühlte Tränen in meinen Augen.

Da erkannt ich meinen Hadem! – Es war ein Opfer, das Sie der Tugend brachten, ein schmerzliches, schönes Opfer. Und der Mann, der es brachte, der mir einen solchen bedeutenden Wink noch mitgab, eben der Mann, der dieses für einen Knaben