. Nehmen Sie mich denn ganz wie ich bin und nützen Sie mich, wo es Ihnen gefällt.
FÜRST: Ich nehme Sie an; und glauben Sie mir, an den Fürsten liegt es nicht allein, wenn sie ihren Adel nicht so werben, wie ich Sie geworben habe. Zeige sich nur unser Adel so teutsch und bieder, wie ich Sie finde, wie ich Sie mir denke, und erhalte sich auf den ihm vertrauten Posten so, dann werden teutsche Fürsten auf diesen Titel stolzer sein als auf jeden andern. Und nun begleiten Sie mich auf meinem Spaziergang.
Der Fürst führte ihn durch verschiedne Alleen gerade nach dem Teiche und liess sich in der Laube nieder, wo Ernst einst seinen Brief niedergelegt hatte. Er lächelte über die schöne Wärme, die das Erinnern jenes Morgens auf Ernstens Wangen zog; da aber Ernst die weitere Erörterung so zart abgelehnt hatte, so vermied er jede Frage darüber. Ernst blieb zur Tafel.
5.
Renot sorgte dafür, dass der Präsident alles auf das genauste erfuhr, was zwischen dem Fürsten und Ernsten öffentlich vorgefallen war. Der Präsident erwartete Ernsten mit vieler Ungeduld; und als dieser endlich kam, fragte er ihn gleichgültig über seine Aufnahme. Ernst sprach von dem Fürsten, wie er es verdiente, und um so auffallender für seinen Oheim, da er es mit Fassung tat. Als er endlich dem Präsidenten erzählte, dass er dem land dienen würde, sagte dieser: "So!" und als Ernst hinzusetzte, wie ihn der Fürst geworben, so rief er: "O der vortreffliche Fürst! der vortreffliche Fürst! wie will ich ihm dafür danken!" Diese Worte sagte er mit einem so sonderbaren, so lang gedehnten Tone, dass Ernst ihn darüber ansah. Der Ton schien bloss aus dem kopf zu kommen und durch eine Reihe von Nebengedanken verlängert zu werden.
Nun nahm das Gespräch eine andre Wendung. Den Inhalt desselben wird der Leser von Ernsten selbst lieber als von mir hören.
Renot unterbrach sie. Er war eilends gekommen, um Ernsten seine Aufwartung zu machen. Als der Präsident sich einen Augenblick entfernt hatte, sagte Ernst zu Renot:
"Sie haben mir Ihr Wort gehalten, als ich noch ein Knabe war; ich will nun das meinige erfüllen, da ich ein Mann geworden bin."
Nicht die Sache, sondern die gerade Erinnerung daran verdross Renot, aber um so freundlicher war er gegen Ernst, um so schmeichelhafter sprach er gegen den Präsidenten und andre von ihm.
Ernst fuhr den folgenden Tag zu seinem Vater zurück, und ich kann dem Leser seine Gesinnungen über seine gegenwärtige Lage nicht besser darstellen, als wenn ich ihm ein Bruchstück eines Briefes von ihm an Hadem vorlege. Er hatte die Gewohnheit, bei jedem ihm wichtigen Vorfalle sich mit diesem zu unterhalten; und eine solche Unterhaltung nannte er einen Geisterrat zwischen sich und diesem.
Ernst an Hadem
Mit welchem Entschluss ich in meine Einsamkeit zurückkehrte, habe ich Ihnen geschrieben, lieber Hadem. Doch alle die schönen Hoffnungen, die sichern Erwartungen muss ich nun aufgeben, und dagegen zu murren wäre ein Verrat an Ihren Lehren, an meinem Herzen. Ich soll ein Amt annehmen, fühle die ganze Stärke der Gründe unsers edlen Fürsten; und doch gehe ich hier nachsinnend in meinen blühenden Tälern herum und sehe mit scheuem Blicke nach der fernen Zukunft hinter den Felsen. Wie ich jetzt hier herumwandere, denke ich mir den von der Habsucht und dem Geiz an die Europäer verkauften Neger, der nun zum letztenmal an dem Gestade seiner Heimat traurig umhergeht und bebend über das Meer nach dem fernen land hinblickt, wo er weiss, dass ihn harte, ewige Sklaverei erwartet. Und nicht darum, Hadem, nicht dieses ängstiget mich. Ihr Schüler kann nicht so klein und eigennützig denken, um nur Ketten für sich im Dienste des Vaterlandes zu sehen, weil er des Lohns nicht bedarf. Es ist nicht die Freiheit, mit seiner Zeit nach eignem Gefallen und Gewissen schalten zu können, die ich beklage; ich glaube vielmehr, dass ich sie nicht besser anwenden kann. Brauche ich Ihnen zu sagen, was es ist? Wenn ich an dieses lebhaft denke, so fühl ich einen kalten Schauder durch mein Herz laufen. Und doch – was will ich im grund? Kann ich wohl dem süssen Rufe mein Ohr verschliessen? Kann ich meine Tugend als mein Eigentum ansehen, solange sie nicht unter den Menschen und dem Wirken mit ihnen die probe bestanden hat? wenn ich nur mir in stiller Beschränkteit allein durch sie nutze, wo mich keiner stört? Dass die auf diesem glücklichen Flecke hier nichts verlieren, dafür sorgt mein Vater; denn dies ist die schöne Ernte seines herannahenden Alters. – Und sind es nicht Teutsche, auf einem Boden mit mir erzeugt, von eben demselben Boden mit mir genährt, gleich mir für ihr Bestes besorgt, mit denen ich zu tun haben soll? Fordere ich mehr an sie als das, was billig, gerecht, ihnen nützlich ist? Und dieses mögen sie an mich so strenge fordern als sie nur wollen, darüber werde ich nicht mit ihnen ins Gedränge kommen. Also was ist es, das diesen geheimen Schauder verursacht? An Willen, meine Pflicht zu tun, fehlt es mir gewiss nicht; auf Mut, in Verwicklungen auszuhalten, auf Stärke im Kampfe wage ich zu rechnen. Und ich sollte fürchten, den Schauplatz zu betreten, wo sich dieses nun bewähren kann? Sind es nicht die gefährlichsten Versuche