an Ernsten, was dem Präsidenten nicht gefiel; und als er ihm angemeldet ward, erinnerte er sich augenblicklich seines ehemaligen Schreibens. Er las es durch, bevor Ernst zu ihm trat, und nun sah er den jungen Mann gerade in dem Lichte an, in welchem er ihm damals erschien. Der Eintritt, das Betragen, die Gesinnungen Ernstens bestärkten den frühen guten Eindruck. Nachdem sich der Fürst lange mit ihm von seinen Reisen und auswärts gemachten Bekanntschaften unterhalten hatte, fragte er ihn, welchem Geschäfte er sich nun zu widmen gedächte, welchen teil an der kleinen Staatswirtschaft seines Vaterlandes er wählen würde.
Ernst antwortete: "Meine Neigung geht vorzüglich auf ein beschränktes Leben; ich halte es jetzt für mein Hauptgeschäft, das Leben meines Vaters angenehm zu machen und ihm alle Sorgen abzunehmen. Ich muss mich erst im Kleinen versuchen, Ew. Durchlaucht, bevor ich mich an das Grosse wage."
FÜRST: Sie reden von Beschränkteit, Herr von Falkenburg, das heisst von Ruhe. Der tätige Geist in Ihren Augen scheint über Ihre Worte zu zürnen. Was sollen wir Alten denn tun, wenn Rosenlippen von Ruhe reden? Nach Ihrer jetzigen Äusserung habe ich mich also in Ihnen geirrt. – Sie wundern sich? – Freilich geirrt. Denn Sie haben mir nicht Wort gehalten, Ihr Gelübde gegen mich gebrochen, das Sie mir schon in Ihrer Jugend durch diesen Brief ablegten.
Er gab ihm den Brief und bemerkte sein Erstaunen darüber. Nun fuhr er fort:
"Sie sehen, ich habe ein besseres Gedächtnis als Sie. Sie vergassen den Vertrag, den Sie durch diesen Brief mit mir gemacht haben, ich vergass ihn nicht. Es ist mir leid, dass Sie es taten; ich habe auf Sie gerechnet. Und doch hätte ich mich in Ihnen nicht irren sollen, Ihre erste Bitte wenigstens habe ich gleich erfüllt."
ERNST: Verzeihen Sie, gnädiger Herr, mein Erstaunen über das, was ich höre und sehe. Wenn Sie wüssten, wie es mit diesem Briefe zugegangen ist, was er für Folgen für mich gehabt hat, ich würde leicht Ihren ernsten blick mildern.
FÜRST: Reden Sie. Ich höre gerne von den Jahren, in welchen der Mensch beginnt.
ERNST: Darf ich eine Frage wagen?
FÜRST: Sie wagen bei mir nur dann, wenn Sie mit blühenden Wangen von Ruhe reden.
ERNST: Waren Ew. Durchlaucht nicht ungehalten über diesen Brief?
FÜRST: Gar nicht. Ich trug ja Ihrem Oheim auf, er sollte Ihnen sagen, dass ich diesen Brief als ein an mich von Ihnen abgelegtes Gelübde ansähe, dass ich hoffte, Sie würden als Mann leisten, was Sie hier als Jüngling versprächen. Ich hörte in dem Briefe den jungen Mann, der hier vor mir steht; aber da nicht, als Sie von Ruhe sprachen.
ERNST: So muss mein Oheim Ihre gütige Äusserung dem Jüngling für nachteilig gehalten haben, und vielleicht hatte der erfahrne Mann darin recht. Und nun erlauben Sie mir, gnädiger Herr, dass ich Ihnen nicht erzähle, was für Folgen der Brief für mich gehabt hat.
FÜRST: Ich verstehe Sie, verstehe Sie gerne so und dringe darum nicht weiter in Sie; aber dafür werden Sie auch Ihr Wort halten und das mir getane Gelübde nicht vergessen. Ich bewahre es auf. – Herr von Falkenburg, versagen Sie sich Ihrem vaterland darum nicht, weil sein Umfang so klein und beschränkt ist. Das kleinste Land braucht gute Menschen; und vielleicht ist ein kleiner Bezirk denen, welche gut sind und es bleiben wollen, zuträglicher als ein grosses Reich. Ich gestehe Ihnen, dass ich darum als teutscher Fürst mit meinem Lose sehr zufrieden bin. Jetzt kann ich meinen Wirkungskreis ganz übersehen; wär er grösser, so müsst ich mein Geschäft zerstückeln und es mit so vielen Händen teilen, dass mein Fürstentum zwar grösser, mein eigner Wirkungskreis aber eben um so viel kleiner und beschränkter wäre. Jetzt kann ich mir noch etwas zuschreiben, kann alles und jedes noch beobachten und in Ordnung halten; aber wenn Leute Ihrer Art mir fehlen wollen, wenn sie sich mir versagen, wenn sie die probe mit sich und mit den Menschen aus Misstrauen oder Gemächlichkeit nicht machen und ihre Tugend und ihr Talent vergraben wollen, so ist es traurig für den, der an der Spitze steht. Und warum suchen Sie die Ruhe? so frühe Ruhe? Herr von Falkenburg, das Amt in dem kleinen staat schliesst die sorge für den eignen Herd nicht aus wie in dem grossen. Es bereichert selten; und um so besser! So nimmt der Diener des Vaterlandes zugleich als Bürger und Hausvater teil am staat.
Dieses sind meine Gesinnungen. Haben Sie etwas darauf zu antworten, so will ich es gern anhören; haben Sie mir nichts zu antworten und verharren doch bei Ihrem Vorsatz, so haben Sie Gründe, die Sie mir nicht anvertrauen können, und in diesem Falle geb ich Ihnen Ihren Brief zurück.
ERNST: Ich wäre des deutschen Namens nicht würdig, nicht würdig, in einem land geboren zu sein, dem ein solcher Fürst vorsteht, wenn Ihre Worte meinem Herzen nicht zu Gesetzen würden. Der Sinn, in welchem Sie meinen Brief aufnahmen, als ich noch ein Knabe war, gnädiger Herr, ist so schön und selten, dass mir die Erinnerung daran zum ewigen Vorwurf würde, wenn ich ihn nicht so treu erfüllte als ich ihn lebendig fühle. So wird der Teutsche selten von seinem Fürsten geworben