auflösen zu wollen. Hand in Hand wandten sie sich forschend aus einem gang in den andern. Auf einmal standen sie beide vor dem ihnen bekannten Abgrund, der sich der Sage nach in einem Gange unter dem Fluss weg endet und nach einem Gebäude führt, von dem die Bewohner der Gegend viele wunderbare Geschichten zu erzählen wussten. Und eben dieses Wunderbare entflammte Ferdinands Phantasie; seine aufkeimende Ehrbegierde sah in diesem Dunkel seine erste Heldentat vergraben. Zuckend drückte er Ernstens Hand, und sein kühner Vorsatz sprang durch die Adern in Ernstens Herz über. Er erwiderte den Druck und zog ihn sanft zurück. Nun erst erglühte Ferdinands Einbildungskraft, und er rief in einem starken Tone: "Ernst, ich will hinunter, das Geheimnis entüllen und aus dieser Finsternis an das Licht bringen. Herkules stieg in den Schlund des Orkus, um den Höllenhund herauszuziehen – ich muss der erste sein, über dessen haupt der Strom hinrollt!" Ernst bewies ihm das Verwegene und Unsinnige des Unternehmens, die Unmöglichkeit der Tat und der Rückkehr, die unvermeidliche Gefahr des Todes und reizte durch den Widerspruch Ferdinands stolze Kühnheit nur um so mehr. Schon machte er Anstalten, den Abgrund hinabzugleiten, als Ernst vor ihn trat und entschlossen zu ihm sagte: "Du willst? Wohlan! so warte nur eine Sekunde. Den Weg der Gefahr muss man nicht so langsam kriechen, wie du tun willst, man muss ihn überspringen. Dieses will ich nun tun. Tritt zurück."
Ernst war im Begriff den Sprung zu wagen, als ihn Ferdinand umfasste, an sein Herz drückte, seine Wangen und Lippen küsste und, vor Freude bebend, rief:
"Ernst! ich weiss, warum du es tun wolltest! Mich, der eine Tollheit begehen wollte, durch eine wahre Heldentat zu retten!" "Eine Heldentat?" erwiderte Ernst ruhig.
FERDINAND: Wäre sie es nicht, da der Tod, wie du selbst sagtest, bei der Tat unvermeidlich ist?
ERNST: Könnte sie es sonst sein? Aber daran dachte ich gar nicht. Würde ich dir nicht ohnedies gefolgt sein, wenn du die Tollheit, wie du es nun selbst nennst, begangen hättest? Sollte ich ohne dich zurückkehren? Freilich hätten vielleicht mein guter Vater und der gute Hadem nie erfahren, was aus uns geworden wäre. – Und, Ferdinand, sprang ich allein hinein, so hatte ich auch mehr Hoffnung als du, an das Licht zurückzukehren. – Dein Führer war ja nur die Ruhmbegierde, aber ich – ich trat unter den Schild einer Göttin, die mich nicht verlassen, die mich in diesen Schlund begleitet hätte.
FERDINAND: Und wer ist diese Göttin?
ERNST: Die Tugend, die, wie Hadem sagt, ruhig und prunklos einhergeht, die denen immer zur Seite steht, welche den Pfad nach ihrem erhabenen Tempel wandeln. Erinnerst du dich, wie uns Hadem vor einiger Zeit die Fabel von Minerva erklärte? Freilich nannte er es eine Fabel, aber er erklärte sie sehr schön. Auch ich deutete sie, und zwar nach meinem Sinne; und seit dieser Zeit schwebt diese Tochter Jupiters immer vor mir – und ich sah sie in dem tiefen Abgrund, wie ich sie in der lichten Höhe sehe.
FERDINAND: Was du sagst, begreife ich nicht ganz, aber ich bewundre dich jetzt mehr als Alexandern, der allein über die Mauern der feindlichen Stadt sprang. Du wolltest für mich Toren aus Liebe tun, was er um seines Ruhmes willen tat, und darum nenne ich die ihm geweihte Säule meines Tempels nach deinem Namen. Er sprang in die Stadt wie ich in den Abgrund, aber du! du!
Ferdinands ganzes Herz war in seinen Umarmungen; zum erstenmal nannten sich die Jünglinge Freunde und schworen an dem gefährlichen, dunkeln Abgrund, der ihnen wie ein Bild des Lebens vorschwebte, den Bund der Liebe, und jeder von ihnen verpfändete der Seele des andern sein Leben und Dasein.
Hadem, der die Jünglinge nie aus den Augen verlor und ihnen oft, unbemerkt von ihnen, folgte, um die Früchte seines Unterrichts in ihren Reden, ihrem Tun und den freien Ergiessungen ihres Herzens zu beobachten, hatte hinter einem Felsen die ganze Szene angehört. Als Ernst den gefährlichen Sprung zu wagen unternahm, wollte er schon hinzuspringen, als er aber gewahr wurde, dass Ferdinand ihm zuvorgekommen war, zog er sich leise zurück. Auf den Schrecken und den Schauder, die ihn bei dem Wagestück der Jünglinge überfielen, erfolgte Staunen und Bewundrung, und bei den letzten Worten Ernstens, die den Grund seines Entschlusses so klar entüllten, erglühte sein Herz in sanfter Wonne. Er blickte gegen das Gewölbe der Höhle und lispelte leise:
"Braucht dieser mich noch, da du ihm zur Seite stehest?"
Die Jünglinge eilten aus der Höhle. Als Ferdinand an Alexanders Denkmal vorüberging, rief er: "Du heissest Ernst!"
Hadem folgte ihnen und erreichte sie in dem Eichenwald, Sie hatten sich unter dem grössten Baum gelagert; noch glühten ihre Wangen sanft von der vergangenen Szene, und der Abendwind spielte in ihren Locken.
Hadem setzte sich nicht weit von ihnen auf eine Anhöhe, noch tief über das bewegt, was er vernommen hatte. Er sah die Jünglinge nah bei dem Abgrunde stehen. Plötzlich stellte sich ihm das menschliche Leben, in Rücksicht ihrer, unter diesem düstern Bilde vor, und unter diesem Gesichtspunkt fühlte er nun den ganzen Vorgang. Ferdinands Kühnheit, die ihn um des Wahns willen