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so früh eingedrungen war? Auch sollten nur dort ihm die Früchte reifen, deren Keime er so sorgfältig wartete; denn nur dort blühet der Baum des wahren Lebens.

Als sein Vater nun alle Freude des Wiedersehens genossen und Ernst die Höhle besucht, den Kranz unversehrt gefunden hatte, ohne dass ein Vorwurf die geistige innre Verbindung mit ihm störtedrang sein Vater in ihn, sich dem Fürsten vorstellen zu lassen. Ernst empfand, dass es notwendig wäre; aber er versicherte seinem Vater, er würde sich durch nichts fesseln lassen, in seine arme zurückkehren und nur ihm und dem stillen Berufe leben, den die natur ihm so glücklich angewiesen hätte.

4.

Ernst kam in der Residenz an und stieg bei seinem Oheim ab. Sein Eintritt und sein Betragen überraschten den Präsidenten; der Jüngling, den er als einen phantastischen, träumenden Knaben kannte, war nun zu einem jungen Mann aufgewachsen, der bei allem Anstande, aller Freundlichkeit und Sanftmut doch mit jedem Worte und blick anzeigte, dass er auf einem festen Punkte der Stärke und Entschlossenheit stände. Ich sage zu wenig, wenn ich sage: der erfahrne Mann ward dadurch verwirrt. Ernst drückte ihn; denn wenn er ihm gleich als sein Neffe und als Edelmann gefiel, so missfiel er ihm doch als Mensch. Indessen war der Freude, des Bewillkommens und Wohlaufnehmens kein Ende, und der Tag seiner Ankunft musste ein fest in der Familie werden, wozu man alles einlud, was man seine Freunde nannte. Ernst musste von seinen Reisen erzählen, und er sagte eins und das andere darüber, das seinen Oheim in Erstaunen setzte. Zuzeiten dachte er, Renot habe trotz seinen Prahlereien doch nur gepfuscht und der alte Schade sei dem jungen mann geblieben, er tauge nur für das Landleben oder für das Bücherschreiben. Als er aber endlich seinen Entschluss erfuhr, dass er sich dem Fürsten wolle vorstellen lassen, ward er ernstaft, lobte indessen seinen Entschluss sehr und setzte hinzu:

"Sie werden Ihren Hofmeister Renot als Sekretär bei dem Fürsten finden, Neffe. Er hat mir diese ehrenvolle Stelle zu danken. Ich tat es um Ihrentwillen, und Sie können dafür auf seine gefälligkeit bei jeder gelegenheit rechnen. Wenigstens glaubte ich, ich sei verbunden, die Dienste zu belohnen, die er Ihnen erwiesen hat." –

Ernst errötete; er hatte die Kunst nicht erlernt, einen Schlag an sein Herz abzuleiten, ohne dass er sich dem geist mitteilte. Er antwortete kalt:

"Ich sehe es gerne, dass es ihm wohlgeht, und da Sie wirklich glauben, er habe Ihre Vorsorge verdient, so danke ich Ihnen dafür; doch erlasse ich ihm seinen Dank und seine gefälligkeit, wenn ich Ihre Worte recht verstehe, weil ich nie etwas suchen werde, als wozu ich Recht habe, und dazu ist ja der gerade Weg immer der beste."

Ernst traf hier, ohne es noch zu ahnden, gerade den rechten Gesichtspunkt, den der Präsident bei der Anstellung Renots im Auge gehabt hatte. Er, der an dem kleinen hof gerne die Politik ausübte, wie sie an grossen im Gange ist, um seine Geisteskräfte alle zu gebrauchen, hatte Renot dem Fürsten zum Sekretär gegeben, weil er gerade einen so gewandten und ihm zugetanen Menschen an dieser Stelle brauchte. Der Fürst hatte unter vielen Eigenheiten auch die, dass er gewisse Dinge gern allein tat und seine Minister und geheimen Räte nicht alles wissen lassen wollte. Da dieses nun eine Eigenheit an einem Fürsten ist, welche Minister und Räte an kleinen Höfen ebenso wenig vertragen können als die Minister und Räte an grossen, so mussten sie natürlich diese ihnen unangenehme Eigenheit für sich so unschädlich als möglich zu machen suchen. Nehmen liess der Fürst sie sich einmal nicht; das hatten sie erfahren. Renot war nun freilich der Mann zu einem solchen Zwecke. Er legte, sobald er den Fürsten kennengelernt und das Verhältnis nebst allen daraus für ihn entspringenden Vorteilen durchschauet hatte, den Franzosen so weit als möglich ab und stellte nur den biedern, einfachen, treuen Schweizer dar. Der Fürst war mit ihm zufrieden; denn Renot besass die Kunst, ihm jede Arbeit leicht und nach seinem Sinne zu machen. Und um diese Zufriedenheit bis zum Zutrauen zu erheben, zeigte er ihm bei jeder gelegenheit das, was Grosse so gern an Kleinen sehen: eine besondere anhänglichkeit und Ergebenheit; und er wusste es so zu drehen, dass er dieses noch mehr für den edlen Mann als für den Fürsten zu fühlen schien.

Der Präsident versuchte nun, Ernsten einige Regeln über sein Betragen gegen den Fürsten zu geben, und legte besonders auf diese einen starken Nachdruck: da der Fürst das Kühne und Mutige nicht liebe, so möchte er ja zurückhaltend in seinen Reden sein.

Ernst hörte ihn ruhig an und sagte:

"Ich gehe zu dem Fürsten, ihm die achtung zu bezeigen, die er von mir, von jedem unter uns, von jedem seines volkes und von jedem deutschen verdient. Kann ich ihn von diesem meinem Bewegungsgrund überzeugen, so habe ich meine Absicht schon erreicht."

Der Fürst erlaubte Ernsten schon auf den folgenden Morgen Zutritt. Gerne hätte ihn der Präsident an den Hof begleitet, aber er wusste, dass er darum doch weiter nichts erfahren würde; denn der Fürst hatte auch die Eigenheit, dass er den Zutritt in das Innere seines Kabinetts erlaubte und sich da gern allein und ungestört mit denen unterhielt, die er sehen und kennenlernen wollte.

Dem Fürsten gefiel nun alles das