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als je zu mir; und selbst der heisse Wunsch, dass er noch leben möchte, die stillen Klagen, dass ihn meine Augen nicht sehen, dass ich ihm für meine Errettung keinen Dank sagen konnte, verloren sich bei dem Gedanken: Werde ich ihn nicht finden in dem land, wohin er geflohen ist, zu welchem er mir die Bahn so fest, so bestimmt vorgezeichnet hat?

Hadem, nie vergehen die Worte dieses Mannes, und an seinem grab fühlt ich, was denen bevorsteht, die dem edlen ihr Ohr verstopftendiesem edlen, der ihnen so laut und schrecklich warnend den Abgrund zeigte, an dem sie so tätig und rastlos graben, als könnte er sie nicht früh genug verschlingen.

Hier, an seinem grab, schwor ich, seiner Lehre treu zu bleiben und alle widrigen, empörenden Erscheinungen um mich her mit dem Gedanken zu bekämpfen: "Die natur machte den Menschen gut; in dem Augenblicke, da er sie verliess, hörte er auf, es zu sein." – Ja, Hadem, hier ist die Tugend nur ein Paradewort, nur ein Ausdruck des Vertrags. Hier weiss man nichts von Übertreibung derselben, als wenn man von ihr spricht, wenn man Handlungen aus Romanen zum gegenstand des Gespräches macht. Hier übt man Ihre letzten Worte in einem Sinne aus, wie Sie dieselben gewiss nicht ausgesprochen haben; denn aus Vorsicht, die Tugend nicht zu übertreiben, sich und andern durch sie nicht schädlich zu werden, verliert man alle Kraft und allen Mut dazu.

Ich werde in kurzem Frankreich verlassen; denn ich sehne mich nach meinem vaterland, wo die goldne Mittelstrasse noch betreten wird, wo Üppigkeit und ihre Quelle, der Reichtum, noch nicht alle Tugenden verschlungen haben, wo noch Einfalt, Zutrauen und inniges Verhältnis unter den Bürgern herrschen. Möchte es in diesem Zustande verbleiben! Möchten nie Witz und Spott die einzigen Bedürfnisse der Unterhaltung, die Hauptforderung an unsere Schriftsteller werden! Möchten dem deutschen noch lange Wahrheit, Empfindung und Einfalt genügen, und ein Gemälde der schönen, ruhigen natur, die Erzählung einer guten Tat, das rührende Schicksal eines ihrer Brüder sie mehr entzücken als die witzigste, geistreichste Spötterei, die glänzendste Schilderung des üppigen Wohllebens, die berühmteste Darstellung der mit dem schimmerndsten Firnisse übertünchten Laster! Euer Ruhm sei eure Treue, eure Aufrichtigkeit, euer Mut! Erhaltet diese Erbschaft eurer Väter und missgönnt andern Völkern den Ruhm nicht, den sie sich auf Kosten dieser Tugenden erwerben!

Mit diesen Empfindungen werde ich den vaterländischen Boden wiederbetreten, mich auf den Schauplatz meiner fröhlichen, unschuldigen Jugend einschränken und da Sie erwarten. All mein Bemühen soll darin bestehen, mir diesen Sinn zu erhalten, meines Vaters und Ihre Lebenszeit aufzuheitern und alle die glücklich und zufrieden zu machen, die meiner sorge anvertrauet sind.

Kehren Sie bald zu uns zurück, Hadem, so bald als Ihre Pflicht es verstattet. Sie fehlen mir und meinem Vater. Mitten in dem blühenden Schosse der natur wollen wir einen Tempel bauen, dessen Grund ich an Ihrer Seite mit zarter Hand anlegte. Ich bin nun kühner und zutraulicher gewordenund der Grundstein dieses Tempels liegt mitten in dem von Ihnen gebildeten Herzen, welches ich so rein erhalten will, dass Sie es nie abweisen werden. So bin ich, durch unermessliche Entfernung getrennt, noch Ihr, so sind Sie noch mein; denn das Band, das uns vereinigt, umschlingt und erhält die Welten. Leben Sie wohl, Hadem!

Zwei Dinge vergehen nie in mir: die Gewissheit eines höhern Ursprungs, sichre Rückkehr dahin und die Freundschaft für Sie. An diesen Zeichen werden Sie Ihren Schüler gewiss erkennen, in welcher Lage des Lebens Sie ihn auch finden mögen. Noch einmal, leben Sie wohl!

3.

Nach Franklins Abreise kehrte Ernst zu seinem Vater zurück. Wie er Teutschland und seine Landsleute betrachtete, hat er selbst angedeutet; und ich brauche nicht zu sagen, dass er den vaterländischen Boden mit Gesinnungen betrat, die dem grössten teil unsres von Reisen zurückkehrenden Adels fremd sind. Von aussen gebildeter und vollendeter, mit Erfahrung und Kenntnissen bereichert, kehrte er, was seine innere denkart betrifft, unverändert zurück. Sein Äusseres hatte durch seine festere innre Stimmung gewonnen, seine ernste und oft düster nachsinnende Miene war durch gefällige Sanftmut gemildert. Aus seiner Liebe zum Guten, seinem Mute, seinem Zutrauen, seinem einfachen Gefühl floss ein schonendes Betragen gegen andere. Er konnte Torheiten mit ansehen, ohne aufgebracht zu werden. Er bedauerte still; denn da er die Menschen kannte, so kannte er auch die Ursachen ihrer Torheiten, und da er für sich ohne alle Anmassungen und Ansprüche war, so liess er sich nie verleiten, durch Bemerkungen und Zurechtweisen die Menschen zu reizen, überzeugt, dass man sie wohl dadurch erbittern, in ihrem Unsinne verstärken, aber selten bessern kann. Nur wenn er aufgefordert wurde, wenn man Wahrheit von ihm verlangte, wenn sie oder die Unschuld in Gefahr waren, nur dann trat er in der ganzen Würde und Stärke seines Gefühls auf, ohne die Folgen für sich zu achten.

Die Freude seines Vaters, einen solchen Sohn nach allen ihm bekannten Gefahren in seiner Unschuld zu umarmen, ihn so zu finden, wie er ihn verlassen hatte, war unbeschreiblich. Es war immer sein Ernst, und in seinem Herzen lebte das Gefühl der Jugend, als sei ihre Blüte unvergänglich. Musste sie nicht? Hatte er sie nicht in dem ewig blühenden land gepflückt, in das er