1798_Klinger_060_36.txt

erschienen.

2.

In Paris machte er sehr viele und angenehme Bekanntschaften mit Gelehrten, Bürgern und Staatsleuten; und auch er fand, was so viele beobachtet hatten, dass trotz der Verderbnis der Sitten in keiner Stadt Europas mehr Kenntnisse, Annehmlichkeiten des Umgangs und gesellschaftliche Tugenden zu finden wären als eben in dieser verderbten Stadt. Auch hatte gerade die allzu offne und schreiende Äusserung dieser Verderbnis nach und nach alle diejenigen erweckt, in welchen die Funken des edlen noch glimmten; ihre Tugend erhob sich an der Seite des Lasters, und schon hörte man einige laute Stimmen unter dem wilden Gebrause.

Franklin war um diese Zeit in Paris, und Ernst hatte das Glück, diesem seltnen mann zu gefallen und von ihm geachtet zu werden. Als sich dieser nun zu seiner Abreise fertig machte, bat ihn Ernst um die Bestellung eines Briefes an Hadem, von dem er den edlen Greis so oft unterhalten hatte. Franklin versprach ihm, wenn Hadem in dem ungeheuren Bezirke von Amerika lebte, so sollte er diesen Brief gewiss bekommen. So viel hatte Ernst schon von Franklin erfahren, dass das Regiment, wobei Hadem stand, in einem für die Engländer und deutschen unglücklichen Treffen beinahe gänzlich zugrunde gerichtet worden sei und man die übrigen als Kriegsgefangene in das Innere des Landes geführt hätte.

Ich darf dem Leser diesen Brief nicht vorentalten.

Ernst an Hadem

Ein Brief von Ihrem Schüler, Ihnen durch den edelsten Mann des Landes, in welchem Sie nun leben, zugesandt, wird Sie gewiss erfreuen. Und damit Sie ja nicht fürchten, dass etwas diese Freude stören möchte, so sage ich Ihnen gleich im Eingange meines Briefes, dass Ihr treuer Schüler noch in dem land lebt, in das Sie ihn eingeführt haben. Sie würden ihn trotz der Veränderung, welche die Zeit in seinem Äussern gemacht hat, gewiss wiedererkennen und so finden, wie Sie ihn verliessen. Damit Sie sehen, wie und wodurch er sich auf seiner Grundfeste erhalten hat, sende ich Ihnen hiermit zugleich die Beweise des Kampfes1, den Sie bei Ihrer schrecklichen und plötzlichen Entfernung durch Ihre letzte Worte veranlasst haben. Und dann sage ich Ihnen, dass Sie mich nie verlassen haben, dass Ihr Geist mir immer zur Seite stand, dass ich nur in dem Gedanken lebte, Sie wiederzusehen, nur sorge trug, von Ihnen wiedererkannt zu werden. Franklin, der erste Mann seines Volkes, hat mir versprochen, Sie in meine arme zurückzusenden; und dann, Hadem, mag das Schicksal über mich beschliessen, was ihm gefällt.

Denken Sie sich meine Lage, meine Traurigkeit, meine Furcht, meine Angst, meinen Kampf, als Sie mich verliessen! Und denken Sie, wie ich Ihnen in der Stille des Herzens für den Führer dankte, dem Sie mich anvertraueten! Daran erkannte ich meinen Hadem wieder. So übergibt der schützende Genius den ihm anvertrauten, eben verschiednen Gerechten einem Engel, dass er ihn in unser Vaterland leite, weil ein Neugeborner seines Schutzes bedarf. Er hat mich geleitet, er hat den jungen, ganz verlassnen Kämpfer ausgerüstet mit Stärke, er hat ihm wieder Mut eingeflösst auf der Bahn, auf welcher er einen Augenblick wankte. Und von dem Augenblick an, da ich den Geist verstand, dem Sie mich anvertrauten, stehe ich wieder in der Mitte meines Paradieses, und ich hoffe, Sie sollen mich darin finden.

Von dem mann, dem man mich und Ferdinand nach Ihrer Entfernung übergab, sage ich nichts. Er konnte mir nicht mehr schaden; er bestärkte mich nur in dem Glauben, den Sie in mir erzeugt hatten. Nur fürchte ich, dass er auf Ferdinand mehr wirkung getan hat. Dieser ist jetzt im französischen Dienste, und ich habe ihn in seiner Garnison besucht. Nach den Begriffen dieses Landes besitzt er alles, was ein Mensch besitzen muss, um hier sein Glück zu machen; und ich glaube, er wird das seinige machen. Freude, Vergnügen und Hoffnung umgaukeln ihn, und er ist so liebenswürdig, so angenehmen Umgangs, dass der Zauber seines Betragens und seiner Liebkosungen mir selbst die Furcht verschleierte, die einige seiner Äusserungen in mir erweckten. Ich liebe ihn und werde ihn immer lieben, und da seine ihn ganz beherrschende Einbildungskraft nun einmal nicht zu bändigen ist, so wünsche ich nur, dass er bei Fehlern und Torheiten stehenbleibe, dass diese Fehler unter einem so leichtsinnigen volk wie das französische nicht in Laster ausarten. Fehler kann er im Unglück bei mir vergessen, Torheiten kann ich vielleicht gut machen; aber Laster?

Ich habe mich vier Jahre auf der Universität *** aufgehalten und da das menschliche Wissen mehr geprüft als mir zum Eigentum gemacht. Ich lernte mich von der Beschränkteit des menschlichen Geistes überzeugen und fand bei meinem Nachsinnen darüber, dass uns zu unserm Glücke so vieles Grosse und herrliche deutlich, klar und verständlich ist als wir bedürfen, um unsre Bestimmung zu erfüllen. Ihr Geist und der Geist des Mannes, den Sie mir zum Führer hinterliessen, leiteten mich auch hier; ich ging mit ungestörtem verstand und ruhigem Herzen an allen täuschenden Sirenen vorüber, die uns mit ihrem reizenden Gesange in Labyrinte locken, aus denen wir uns selten herauswinden, ohne die Heiterkeit des einen und die Zufriedenheit des andern zu verlieren. Wie die goldnen Strahlen der Morgenröte schweben die Fäden meines Daseins, die mich an jenes Land so sanft binden, vor meinem geistich überlasse mich ihrem zug und vermeide alles, was sie düster färben könnte.

Ich war in England, Hadem,