du bedarfst. Nur kehre mir zurück, wie du mich verlässest. Vergiss Hadem und seine Lehren nicht, so kannst du mich nie vergessen."
Renot dachte noch immer, er würde Ernsten auf die Akademie begleiten; aber dieser wusste seinem Vater so klar zu beweisen, wie entbehrlich Renot ihm sei, dass man ihn entliess und ihn dem Präsidenten zuschickte. Ernst wiederholte sein Versprechen und gab ihm neue Beweise davon.
Ernst blieb noch einige Monate bei seinem Vater und genoss nun ungestört seines Zutrauens und seiner Liebe. Oft sprach er von Hadem mit ihm, und der Vater überzeugte sich immer mehr, dass er seinen Sohn diesem ihn schützenden geist anvertrauen könnte. Nun durchstrich Ernst die Gegenden, wo er seine Kindheit und die Jünglingsjahre so glücklich und unschuldig verlebt hatte. Den letzten Abend vor seiner Abreise besuchte er die Höhle, küsste den Kranz und sagte: "Blühend, wie ich dich gepflückt habe, schwebest du über meinem haupt! Und nie wirst du mir verdorren! Lass mich dich mit dem Gefühl wiedersehen, mit welchem ich dich verlasse, und ich bin glücklich!"
Drittes Buch
1.
Vielleicht missfiel es manchem, dass ich mich bei der Jugendgeschichte des Mannes, den ich darzustellen unternommen, so lange verweilt und Vorfälle erzählt habe, die diesem und jenem geringfügig scheinen mögen. Gleichwohl konnte ich nicht anders, wenn ich euch den Mann zeigen wollte, der so schrecklich verkannt wurde; und entsprang nicht aus eben diesen unbedeutend scheinenden Vorfällen seine ganze denkart, die Stimmung seines Herzens auf sein Leben? – Hätte ich keine anderen zu melden, ihr würdet auch diese nicht gelesen haben; aber nun muss ich vorwärts und den glücklichen Szenen seiner Jugend den rücken wenden. Solange ich ihn nur mit sich selbst beschäftiget schilderte, solange ich die schönen Blüten seines Geistes, die sein idealischer Sinn so lieblich färbte, zu malen versuchte, konnte ich oft vergessen, was auf diesen seligen Traum der Jugend erfolgte. Aber nun, da ich ihn, um der Ursache willen, die ich euch gleich anfangs gesagt, in dem Verhältnisse mit den Menschen aufführen und euch dartun muss, was Dummheit, Bosheit und Neid taten, einen Geist zu erschüttern, der gegen alle Schläge des Schicksals durch ein Gefühl gestählt ist, das zwar nicht vernichtet, aber doch verdüstert werden kann – nun wird mein Geschäft bei jedem vorwärts getanen Schritte trauriger und schmerzlicher. Fassen will ich mich, so viel ich kann, und ohne Bitterkeit und Hass das weitere treu und wahrhaft erzählen.
Ich überfliege, so viel ich kann und darf, um schneller den begebenheiten näherzukommen, die jetzt auf mich zudrängen.
Nach einigen auf der Universität zugebrachten Jahren begab sich Ernst auf Reisen: zuerst durch Teutschland, dann durch England und Frankreich. Seine Kenntnisse erweiterten sich, aber sein innrer Sinn blieb derselbige; nur dehnte er sich mehr aus, nur ward er kräftiger durch die gemachten Beobachtungen. Sein geheimer Führer hatte ihm einen richtigen Massstab gegeben, die Erscheinungen der moralischen Welt zu bestimmen; und darum konnten ihm diese Erscheinungen, so auffallend und empörend er sie auch hin und wieder finden mochte, die natur des Menschen und seine Anlagen, gut und edel zu sein, in kein zweideutiges Licht setzen. Sein Führer hatte ihm klar gezeigt, dass alles Verzerrte, Verstümmelte, Missgestaltete und Ungeheure, welches in der Gesellschaft ohne unterbrechen hervorschiesst, bis ins Unendliche fortwächst und in allem, was der Mensch tut und denkt, sichtbar ist, nur in dem Augenblick entstehen konnte, in welchem der Mensch, dieses so vorzüglich geliebte, so glücklich ausgestattete Lieblingskind der natur, seine Mutter verliess. Sie hatte ja ihre heiligen Lehren als die einzigen Quellen des Glücks seinem Herzen anvertrauet und ihm die Grenzen dieses Glücks so fest und bestimmt angezeigt, dass er nicht übersehen konnte, das Elend beginne, so bald er sie übertrete. Ernst wusste durch seine Lehrer, wodurch der Mensch diese Grenzen einriss und übersprang, er wusste, wer ihre Spur so ausgelöscht hatte, dass die aus ihrer glücklichen Heimat Verirrten wohl noch zuzeiten ihr verlornes Glück wie einen Jugendtraum vor ihrem geist dunkel schweben sehen, aber es nie wiederfinden können. Man glaube darum nicht, Ernst habe seinen Lehrer so verstanden, wie ihn mancher verstanden hat und noch versteht: als müsse man diese selige Heimat in dem wilden Zustande suchen, der darum dem Menschen nicht allein und vorzüglich eigen und natürlich sein kann, weil er in demselben seine hohe Würde, die seinen Ursprung allein beweiset, nie entwickeln könnte. Nachdem er die übrigen Schriften seines Lehrers gelesen hatte, die alle nur ein Geist durchhaucht und zu einem zusammenhangenden Ganzen verbindet und wovon jeder teil zu einer Stufe des Tempels der Wahrheit dient, sah er klar ein, dass die oft wild und übertrieben scheinenden Gedanken des begeisterten Künstlers, der dieses erhabene Gebäude aufführte, nur deshalb da stehen, weil sie das entgegenstehende Gerüst des Wahns, der Torheit, Eitelkeit und Eigenmacht in seiner elenden Blösse zeigen sollen. Er wusste, dass Plato, als er die Gebrechen der Staaten seines Zeitalters merkbar machen wollte, dasselbe tat, indem er das Gesetz, die Gerechtigkeit und die moralische Würde des Menschen als die einzigen Führer und Leiter seinen Zeitgenossen mit der ganzen Erhabenheit und Kraft seiner Seele darstellte; er wusste, dass ihn nur die missverstanden, verhöhnten und hassten, welche ihn entweder nicht fassten oder, als Verbrecher gegen diese gesetz und Würde, es nicht ertragen konnten, dass dieselben in diesem hohen Lichte der Wahrheit