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befinden. Endlich lispelte ihm der Geist seines Systems zu:

"Warum sollt ich einen Toren nicht auf seine Weise behandeln? Tat ich nicht meine Pflicht, da ich ihm zeigte, dass er es sei, da ich mir die Mühe gab, ihn von seiner Torheit heilen zu wollen? Er will nun einmal zu der Zahl derjenigen gehören, die das Schicksal so gestaltet und gestimmt in die Welt wirft, dass sie Leuten von verstand zum Spiel oder Missbrauch dienen. Soll ich nun meine Zeit verloren haben oder mich von seinen Grillen anstecken lassen und mein Glück zerstören? Alles, was ich für den Toren tun kann, ist, ihn zu bedauern; denn seine Geistesstimmung verspricht ihm keine heitere Tage. Doch schaden wird er mir gewiss nicht, dafür steht mir seine Narrheit. Er ist so zufrieden mit seinem Zustande, dass alle sorge für ihn lächerlich wäre. Sein gewählter Führer hat, so viel ich weiss, noch keinem Menschen genützt; so nütze er mir! – Aber dem Knaben da, der mich so beleidigt hat, werde ich nie vergeben!"

8.

Nach obigen Betrachtungen lebte Renot in dem haus des Herrn von Falkenburg so ruhig und heiter fort, als wäre nichts geschehen. Er behandelte Ernsten, wie dieser es wünschte, das heisst, er kümmerte sich nicht um ihn. Da aber auch Philosophen, von welcher sekte sie sein mögen, ihren Systemen gerne Schüler gewinnen, um ihre Schätze durch sie auf die Nachwelt forterben zu lassen, so hielt sich Renot jetzt bloss an Ferdinand, in welchem er immer einen sehr aufmerksamen Zuhörer bemerkt hatte. Das unruhige Feuer der Ehrbegierde, der Reiz nach Genuss, das Verlangen, in der Welt zu glänzen und eine Rolle zu spielen, waren durch Renots schimmernde Schilderungen schon lange in seinem Herzen in brausender Gärung. Er konnte kaum den Augenblick erwarten, auf dem Schauplatze, den man ihm so anlockend und bezaubernd malte, ein tätiger Mitspielender zu werden. Gewisse andere Begierden, die in diesen Jahren so stark und laut anfangen zu sprechen und die der blick der reizenden Amalie so mächtig erweckt hatte, zogen einen noch blendendern und reizendern Firnis über eine Welt, wo sie ihre Befriedigung ahndeten. Renots Unterhaltung setzte sie in volle Flammen; denn er erzählte ihm gerne seine und anderer begebenheiten mit einem Geschlechte, das, nach seinen geäusserten Meinungen, nicht allein den Wert eines Mannes bestimmt, sondern auch über sein Glück entscheidet. Dieses alles tat nun Renot in der Absicht, den jungen Menschen für die Welt zu bilden und ihn zum wahren Glück zu führen. Demnach sah nun der lebhafte Ferdinand in seinem Hofmeister nicht allein den angenehmen Verkündiger aller der Genüsse, nach denen er sich sehnte, er sah in ihm auch den Mann, der ihm den leichtesten und sichersten Weg zu ihnen zeigte, der allein ihn lehren konnte, zu gefallen und die Herzen dieser Glücksgöttinnen zu gewinnen. Seine Einbildungskraft ward durch diese Vorspiegelungen immer reger, und Genuss, Liebenswürdigkeit, Gefühl der Ehre in Renots Sinne wurden bald die einzigen Gedanken, mit denen er sich beschäftigte. Renot bewies ihm die notwendigkeit seiner Lehre auch dadurch, dass er als eine Waise nur durch die Gaben, mit denen die natur ihn so reichlich beschenkt hätte, das ersetzen könnte, was ihm vom Glück und Schicksal vorentalten wäre. Und hier ergoss er sich gewöhnlich in ein grosses Lob über seine Gestalt, seinen Witz, seine Lebhaftigkeit, Anmut und Gewandteit und versäumte nie, Ernstens Betragen und denkart lächerlich zu machen. Verteidigte Ferdinand diesen gegen seine Sarkasmen, so sagte er: "Den Reichen ist alles erlaubt, ihnen verzeiht die Welt sogar die sonderbarsten Grillen; aber ein Mann, der sonst nichts hat als seine Talente und empfehlende Gestalt, muss sich hüten, einer Schimäre nachzulaufen, die noch keinen glücklich gemacht hat und die gewöhnlich damit endiget, dass sie die Geissel derer wird, die mit ihr gebuhlt haben. Diejenigen, welche sie noch am besten behandelt, lässt sie, nachdem sie dieselben um allen wahren Lebensgenuss gebracht hat, als einen Gegenstand des Spottes und des Gelächters stehen; und die vom Elend Erdrückten und Erwürgten verweiset sie auf die Hoffnung über dem grab."

Hörte und sah Ferdinand Ernsten, so dachte er freilich anders; aber doch glaubte er auch von ihm, es liesse sich zwischen Renots und Ernstens denkart ein Vergleich stiften, vermöge dessen ein Mann von Ehre mitten im Geräusche und Genusse der Welt es verbleiben könne; und die Welt zu geniessen und zu benutzen, schliesse die Tugend und Rechtschaffenheit nicht aus.

Das schöne Band der jungen Freunde wurde, wenigstens von Ferdinands Seite, durch diese Verschiedenheit der Gesinnungen von Tage zu Tage lockrer. Ernst sah es mit tiefem Kummer. Er zeigte Ferdinand seine Besorgnisse; aber so schonend er es auch tat, so erblickte doch dieser in ihm mehr einen spähenden Beobachter und ernstaften Zurechtweiser als einen wohlmeinenden Freund. Renot unterhielt ihn in dieser Meinung.

9.

Die Zeit der Trennung war nun gekommen; Ernst und Ferdinand hatten die Jahre erreicht, wo sie den Wirkungskreis ihrer Tätigkeit erwählen mussten. Ferdinand wurde durch den Präsidenten bei einem auswärtigen Regimente in Frankreich angestellt; Ernst sollte die Universität beziehen. Ferdinand reiste zuerst, und Ernst sagte ihm beim Abschiede:

"Ich bin dein Freund. Beweise mir, dass du der meinige bist, wenn du dich in Not befindest. Ich teile mit dir; und gelingt es dir in der Welt nicht, hier sollst du immer alles finden, dessen