dass er es wirklich nicht für Gift hielt, dass er es früh auf dem Schauplatze eingesogen hatte, wo es aus der moralischen Fäulnis emporschoss; dass er wirklich dachte, seinen Zöglingen zu nützen, und um so mehr, da es sie dem Ziele näher bringen sollte, nach welchem allein ein Mann von Stand, Geburt und dadurch grossen Ansprüchen zu streben hat. Auch kannte er in sich selbst keine andern Triebe, hatte nie nach andern gehandelt – wie konnte er nun an Götzen zweifeln, die er selbst anbetete?
Lange drehten sich seine gespräche um den Lauf der Welt, um das, was sie in Bewegung setzt und in Bewegung erhält. Er zeigte von fern an, wie aus diesen Trieben allein alles Grosse, Glänzende und Nützliche, welches die Menschen getan hätten und täten, entspränge, wie diese Triebe sie zusammenhielten und wie sie eigentlich allein das Band der wechselseitigen Verhältnisse ausmachten. Gleich einem vom Aberglauben entflammten Priester stellte er einen seiner Götzen nach dem andern auf, schmückte jeden aufs herrlichste, rühmte jedes ihm eigne Wunder und zeigte begeistert auf das glänzende Glück, welches er seinen Anbetern gewährt. Und nun liess er zuzeiten seinem Witze freien, ungebundnen Lauf und malte bis zur Verzerrung die Göttin, welche Ernst im stillen verehrte. Die geschichte und seine Erfahrung lieferten ihm freilich hierzu traurige Beweise, und er wusste sie zu nutzen; aber er ahndete nicht, dass Ernst von seinem geheimen Lehrer auf alles dieses vorbereitet war, er wusste nicht, dass ihn dieser fest überzeugt hatte, die Stärke der Seele sei der Grundstein aller Tugend und diese könne sich nur durch Proben erweisen.
Da Ernst immer ruhig und still zuhörte, so glaubte endlich Renot wirklich, der Zeitpunkt sei gekommen, worin er die nähere und gänzliche entwicklung seines Systems würde vornehmen können. Nun flocht er es in alle Unterredungen ein, und jeder laute Gedanke, jede ausgesprochene Empfindung musste ihm dazu gelegenheit geben. Dabei vermied er die Miene des Lehrers so viel als möglich; alles sollte nur Erwerb der Erfahrung grosser, berühmter und weiser Männer scheinen, damit es an Kraft und Glanz gewönne.
Von mir erwarte niemand, dass ich ihm dieses System des Eigennutzes und der Sinnlichkeit hier nach Renot vortrage und es mit ihm durch das ganze Schlangengewinde von Sophismen, Witz und Vernünftelei verfolge. Möchte mein Vaterland es nie ausüben lernen, nie so tief sinken, dass es unter uns die Triebe der Handlungen bestimme! – Meine Zeit ist zu kostbar, und mich drängt das Schicksal des edlen Mannes, der meine Seele so innig beschäftigt, zu gewaltig vorwärts. Sollte ich nun über diesen Schlamm der Menschheit mit gesenkten Flügeln hinschweben, in Gefahr, sie zu beflecken?
Ernst hatte während dieser Zeit lebhaft gefühlt, dass die ganze Lehre Renots die natürliche Folge der Zweifel sein müsste, welche ihn so lange gequält hatten, dass eine Moral, die das bloss Nützliche zum Grund unsrer Handlungen aufstellte, uns bald dahin bringen müsste, bei allen unsern Handlungen bloss auf das uns Nützliche zu sehen, und dass demnach alle Moral nur Spiegelfechterei der Schule wäre.
Ernst liess Renot ruhig seine ganze denkart mit allem dem Wohlgefallen, das er dabei zu empfinden schien und das er täglich mehr zeigte, aufstellen. Dieser legte ihm sein stilles, ernstaftes Nachdenken dabei so aus, als werde er nach und nach von der Stärke seiner Gründe überzeugt; aber ehe er es sich versah, erweckte ihn Ernst, auf eine Art, die er gewiss nicht erwartete, aus seinem Irrtum. Und der Jüngling, welcher ihm so lange ohne den mindesten Widerspruch zugehört hatte, bewies ihm plötzlich, dass er die ganze Zeit zu nichts anderm angewandt, als dem sich gefallenden Redner bis in den verborgensten Winkel des Herzens zu blicken, und dass er wirklich den Punkt seiner Schwäche richtig gefunden hätte.
Eines Morgens trat Ernst, nachdem er Ferdinanden entfernt, in Renots Zimmer und stellte sich so männlich gefasst vor ihn, wie ihn dieser bisher noch nicht gesehen hatte. Er sprach mit einem festen, immer gleich gehaltnen Tone:
"Herr Renot, hören Sie mich nun einige augenblicke mit eben der Aufmerksamkeit an, die ich Ihnen so lange, ohne Sie ein einziges Mal zu unterbrechen, geliehen habe. Es ist wirklich hohe Zeit, dass wir uns gegeneinander erklären, damit jeder von uns wisse, wie er den andern anzusehen und zu behandeln habe. Das, was ich Ihnen jetzt sagen werde, muss auf immer zwischen uns entscheiden, es muss für immer über unser Verhältnis zu meiner Ruhe und, wenn Sie wollen, zu Ihrem Vorteil bestimmen.
Die Eltern bezahlen eigentlich die Hofmeister ihrer Kinder dafür, dass sie denselben gute Lehren geben; ich, Herr Renot, will etwas Ungewöhnlicheres tun: ich will Sie dafür bezahlen, dass Sie mir und meinem Freunde keine schlechte Lehren geben, dass Sie uns der Tugend, welcher Sie uns entweder nicht zuführen können oder wollen, wenigstens nicht zu entführen suchen. Meinem Versprechen können Sie gewiss glauben; denn Sie sehen ja wohl, dass es Ihnen mit allem Ihrem Witze, aller Ihrer Erfahrung und Ihrer wirklich glänzenden Beredsamkeit nicht gelungen ist, mich einem Wesen untreu zu machen, welches Sie Schimäre nennen. Darum meine ich nun, dass Sie dieser meiner Schimäre zuversichtlicher trauen können als derjenigen, die Sie an ihre Stelle zu setzen suchten; und gewiss hat Ihnen Ihre Welterfahrung auch hierüber einige Beweise gegeben. Ich will Sie nicht um Ihre Aussichten bei meinem Oheim bringen, will Sie vielmehr über Ihre Erwartung