Land der Prüfung herabgestiegen. An dem Tage, Ferdinand, an welchem ich ihn wieder berührte, gehörte ich den Toten zu!
FERDINAND: Du wirst immer bleiben, wie du bist, so gut und edel. Aber warum wählst du diesen Winkel? Sieh, ich trete dir gerne die grösste Säule in meinem Tempel des Ruhms ab. Sprich ein Wort, und ich stosse Cäsarn herunter – hänge den Kranz an das Felsenhaupt seiner Gedächtnissäule – sie scheint ewig und fest wie die Tugend, scheint selbst der Erderschütterung zu trotzen.
ERNST: Ich danke dir, Ferdinand – ich wähle diesen Winkel. Die Tugend ist sehr bescheiden, und ich fürchte beinahe, man verstattet ihr in der Welt keine ansehnlichere Stelle. Wenigstens glaube ich nicht, dass man sie in der Höhe suchen muss. Und da dieses nur ein Denkmal zwischen mir und ihr ist, so soll es so sein. Wenn ich daran vorübergehe oder davor sitze, so werden sich meine Ansprüche darnach bilden, und die Lehren, die es mir dann zuflistern wird, die Gedanken, die mir von ihm kommen, werden von der Art sein, wie ich ihrer bedarf: gross im inneren, stark in sich selbst, still, ruhig, bescheiden im Äussern. Ferdinand, der Ruhm bedarf prächtiger Denkmäler; denn nur zu oft soll die Pracht uns die Wahrheit verhüllen. Dieses hier ist ein stiller Bund des Herzens.
Als er nun ein zugespitztes Holz zwischen die Spalte des Felsens in der Blende getrieben und den Kranz daran gehängt hatte, sagte er feierlich zu Ferdinand:
"Verehre meinen Bund! berühre nie diesen Kranz! Nie möge ich ihn berühren! Mein Geist sehe seinen Staub, sammle ihn und trage ihn in unser Vaterland."
7.
Während nun Ernst aller der Wonne in seinem Herzen genoss, die ihm die blühende und wohltätige natur so reichlich darbot, während er auf seinen einsamen Wanderungen auf die stimme seines geheimen Führers horchte und dessen Geist in der reinen Luft, mitten im Schosse der natur ihm immer näher trat, immer vertrauter und deutlicher ward und sein blick in das Wesen und Leben der Menschen immer tiefer eindrang, sich immer weiter ausdehnte und er nun näher sah, was für Schätze der Mensch verloren und wodurch er sie verloren hat, während er von seinem geheimen Lehrer lernte, wie der Mensch, der auf den deutlichen Ruf der natur, die reine stimme des Herzens horche und allen ihr widersprechenden, sie zerstörenden Reizungen des Wahns, der Eitelkeit, der Gewalt und Herrschsucht entsage, sich allein trotz allen wilden, empörenden, von diesen angebeteten Götzen erzeugten Äusserungen getreu verbleiben könne, sann Renot, ein Sklav dieser Götzen, auf Mittel, ihm dieses wiedergefundne Paradies der Unschuld, der Ruhe und des Glücks zu rauben. Und nicht allein, sie ihm zu rauben, sie ihm lächerlich zu machen und alle die Begierden, Leidenschaften und Torheiten in ihm zu entflammen, die ihm sein Führer als die Verwüster und Zerstörer dieses Paradieses so treffend und schrecklich geschildert hatte.
Zu diesem Zwecke sollte ihm das Werk Helvétius' "Von dem geist" dienen. Dieses hielt er für den besten Wegweiser für einen Mann, der sein Glück, ungestört von allen ängstlichen Träumen, nicht allein machen, sondern auch geniessen will.
Dieses Buch ist durch vielerlei Beziehungen merkwürdig. Der Verfasser stellt uns in demselben ein treues, aufrichtiges Gemälde der denkart seines Zeitalters, seines ganz in Sinnlichkeit versunknen Volkes dar, und so systematisch geordnet, dass, wenn die Zeit es allein dem Vergessen entrisse, es den späten Nachkommen zu einem sichern Leitfaden dienen könnte, die Ursachen der bald darauf erfolgten schrecklichen Ereignisse aufzufinden. Ohne alle Scheu und Rücksicht entschleiert uns dieser Mann in dem dogmatischen Tone der Überzeugung alle Triebe seiner Zeitgenossen, des Eigennutzes, der Selbstigkeit, Sinnlichkeit und aller ihrer zahllosen gefährten, als wären nur sie die einzigen notwendigen gesetz der menschlichen natur. Kühn zerreisst er das Band, welches uns an eine höhere Welt bindet, und beweist uns, dass wir nur ausgerüstet mit diesen Trieben und Begierden in das Leben gestossen werden und nur durch sie unsre Bestimmung erfüllen, dass alles andere Täuschung und erkünstelter Zusatz des Stolzes und einer aufgedunsenen Einbildungskraft sei, das zu weiter nichts diene, als uns zu blenden oder Dornen auf einen Weg zu streuen, den wir so leicht und froh hinwandeln könnten. Sein Werk zeigt uns von Anfang bis zu Ende, durch das ganze glänzende, witzige, metaphysisch und moralisch sein sollende Gewinde durch, dass er und seine aufgeklärten Zeitgenossen samt allen Machtabern jedes Standes nicht allein an die Tugend nicht mehr glaubten, sondern so weit gekommen waren, dass sie es gerne hörten, wenn man ihren Unglauben durch sogenannte philosophische Beweise systematisch erhärtete. Und so legte er in diesem seinem Werke der Nachkommenschaft das Bekenntnis ab, dass nicht allein bei ihm und dem volk, für welches er schrieb, alle wahre moralische Kraft aufgetrocknet sei, sondern dass es derselben entbehren konnte und wollte.
Und dieses System der Sinnlichkeit, dessen Lehre sich an seinen Bewunderern und Befolgern so schrecklich gerächt hat, sollte dem Schüler Hadems und des Priesters der natur, dem Jünglinge, in dessen Busen beide nur leise zu rufen brauchten, um ihren eignen Geist sich antworten zu hören – diesem sollte es wie ein langsames Gift als die einzige, durch Erfahrung bewährte Weisheit eingeflösst werden!
Das einzige, was sich zu Renots Entschuldigung sagen lässt, damit er nicht wie Leviatan im "Faust" oder "Giafar" dastehe, ist,