früh zum Ankläger wird, so ist dieses gerade der Mann dazu, ihn zu einem oder dem andern zu machen. Dein Sohn war schon ganz auf dem Wege, ein träumender Philosoph zu werden, dem alle bürgerliche Verhältnisse missfallen, der mit Lufterscheinungen buhlt, während er jene mit Füssen tritt. Ich erwartete deinen Dank für das Geschehene und dachte wenigstens, du würdest meiner Weltkenntnis so viel zutrauen, dass ich wüsste, was sich für einen Edelmann von deinem Namen und Ansehen schickt. Schriebe ich die Tat deinem Sohne allein zu, so würdest du ihn wahrlich nicht in meinem haus gefunden haben. dafür danke mir wenigstens, dass ich ihn durch die Wendung, die ich der Sache gab, von dem allgemeinen Hasse der Stadt und des Hofes errettet habe."
"dafür danke ich dir", antwortete Herr von Falkenburg; "und du hast als Bruder gehandelt. Hadems Absicht kann recht gut gewesen sein, aber der Schritt war immer unüberlegt. Nach seinem Schreiben scheint er es gewissermassen selbst auf sich zu nehmen, da er des Vorfalls gar nicht erwähnt. Indessen, der Fürst hätte es auch nicht so ernstaft aufnehmen müssen; wenigstens verdient ich's nicht um ihn. Und darum will ich deinem Rate folgen und ihn gar nicht sehen. Es möchte leicht sein, dass ich ihm meine Empfindlichkeit darüber zu lebhaft zeigte. – Es ist mir leid um das Geschehene, und ich wollte gerne meine alte Wunde wieder aufbrechen sehen, wenn es nicht vorgefallen, wenn Hadem noch da wäre. Du hättest immer nicht zu rasch verfahren, wenigstens meine Ankunft abwarten sollen – denn du magst von ihm sagen, was du willst, er wollte nur das Gute; vielleicht ein wenig auf seine Weise, aber er wollte es. Und wenn dein Schweizer da meinen Ernst nur nicht gar zu weit von dem Wege abführt, auf den Hadem ihn leitete – mein Ernst hat freilich Dinge im kopf, die sonderbarer Art sind, aber sie sind so guter Art, dass ich es nicht gerne sähe, wenn er sie so ganz verlöre."
6.
Ernstens Einbildungskraft schwebte mit leichten, rosenfarbenen Schwingen. Mit Ungeduld erwartete er den Untergang der Sonne; bei ihrem Aufgange stand er schon am Fenster, und als sie nun im Osten in ihrer ganzen Herrlichkeit auferstand und der Teppich der Nacht ganz verschwunden war und ihr goldnes Licht sich über die neue Schöpfung ergoss und sie schmückte, sah Ernst die Erfüllung aller seiner Hoffnungen, aller seiner Wünsche in diesem erhabenen Bilde am Horizont aufgehen.
"Du gehst mir auf", rief er, "glänzendes Licht; und wenn du dort wieder hinter die Wolken trittst, so stehe ich schon in der Mitte meines wiedergefundnen Paradieses, und dann zieht die Nacht ihren Schleier zwischen mich und das, was ich hier erfahren habe. Dann stehe ich wieder in dem Tempel der natur, ihr Priester wandelt mir zur Seite, und ich höre das Zulispeln seines Geistes – dort! dort werden mir seine Worte erst recht ganz lebendig werden!"
Und als sie nun ankamen und die Freude der Hausgenossen und aller Landleute sie empfing, als jeder herbeidrang, um die lange Vermissten zu sehen, und jedes Freude sich in Blicken und Gebärden zeigte, da fühlte sich Ernst, wie er gewesen war. Und als er den schmerzlichen Augenblick überstanden hatte, in welchem er Renot in Hadems Zimmer treten und da sich einrichten sah, eilte er mit Ferdinand nach seinem wald, den Felsen, dem Flusse, den Tälern und jauchzte in seinem Herzen, alles so zu finden, wie er es verlassen hatte. Er trug ein weisses, feines Tuch in seiner Hand, in welches etwas eingeschlagen war; er verheimlichte selbst Ferdinanden, was es entielte. Als er aber in die Höhle trat und die Blende erreichte, sagte er zu diesem:
"Ferdinand, alle diese Riesensäulen, welche den Berg tragen, hast du deinen in der geschichte berühmten Helden zu Denkmälern aufgestellt; ich lasse sie dir und fordere keine. Aber auch ich will ein Denkmal aufstellen, ein Denkmal meines Glaubens an die Tugend – an die Tugend, Ferdinand, die nicht erwägt, nicht berechnet, ein Denkmal der ungeteilten, die ganze Welt umfassenden und erhaltenden Tugend. Den Kranz, welchen ich in diesem Glauben in den blühenden Feldern des edlen Mannes pflückte, will ich dieser einsamen, schauerlich erhabenen Höhle anvertrauen und dem Auge der Menschen ganz verbergen. In dem dunkelsten, unbemerktesten Winkel soll er hangen, solange als ich an die Tugend glaube. Ferdinand, es ist ein Bundeszeichen zwischen ihr und mir. Noch einmal, zum letztenmal, umwinde ich meine Schläfe damit – dann die deinen. – Erinnere dich jetzt, was wir fühlten, als wir an dem Tage, da Hadem abreiste, vor meinem Oheim standen und uns so bekränzt umarmten. Verehre mein Denkmal!"
FERDINAND: Wie, Ernst? ein Kranz verwelkter Blumen, dürrer Ähren, den die Feuchtigkeit des Orts in kurzem ganz vernichten wird – ist dieses ein Denkmal der ewigen Tugend?
ERNST: Mein Glaube macht ihn dazu, zu einer Pyramide, die den Menschen und der Zeit trotzt. Ich werde Staub vor ihm sein, und mein Geist wird noch aus jenen Welten herabsteigen und den seinen sammeln; denn wenn ich denken, wenn ich fürchten könnte, dass je ihn meine Hand wegrisse, so wäre es besser für mich, ich hätte nie das Licht der Welt erblickt, wäre nie aus jenem land in das