er seine Gedanken mitteilt!" denn das Lispeln Renots war ihm unerträglich. Er leitete das Gespräch auf andere Kenntnisse. Renot blieb keine Antwort schuldig; er wusste alles, wusste wirklich vieles, wusste es leicht und verstand die Kunst vollkommen, schön und geläufig über alles das zu reden, was er nur berührt hatte. Er hatte in Genf den Wissenschaften geliebkoset; und da der Sinn ihm angeboren zu sein schien, das allgemein Nützliche und überall Angenehme schnell auszufinden und er die wirkung auf andere sehr früh zu berechnen wusste, so hatte er die Ideen des Vertriebs sehr geschwind und leicht erworben. In der französischen Literatur war er sehr stark und sprach von ihren Schriftstellern mit Begeistrung. Ernst horchte auf und erwartete jeden Augenblick, dass Renot seinen Lehrer unter den berühmtesten Männern Frankreichs nennen würde, und besonders, weil dieser ein Genfer war, wie ihm der Titel seines Werkes gesagt hatte. Da aber dieses nicht geschah, so hielt er die sich immer vordrängende Frage über den einzigen Mann zurück, von dem er so gern etwas erfahren hätte. Er fühlte wohl, Hadem würde ihm Rousseau nicht gesandt haben, seine Stelle zu vertreten, wenn er der Liebling dieses Mannes wäre; und ihn selbst zu nennen, hiesse den Schleier zerreissen, der sein schönes Geheimnis bedeckte, vielleicht gar seine wirkung stören. Er bat nun Renot um eine Stunde und führte ihn in ein Seitenzimmer.
Renot verliess die Jünglinge, sprach gegen den Präsidenten hoffnungsvoll von ihren Fähigkeiten, leicht von ihren bisherigen Fortschritten und rühmte sich sehr bescheiden, er denke alles übrige bald in das gehörige und natürliche Geleise zu bringen.
Ferdinand ergoss sich in grosse Lobsprüche über Renot. Ernst sagte gelassen: "Da du nun einmal Soldat werden willst, so kann er dir vielleicht nützlich sein. Ich aber bleibe bei dem, den du vergessen zu haben scheinst."
Ferdinand fühlte das Gerechte des Vorwurfs, und da ihm plötzliche wirkung so natürlich war, so traten ihm Tränen in die Augen. Er ergriff Ernstens Hand und sagte:
"Kannst du mich so missverstehen?"
ERNST: Vergib mir; aber der Gedanke, du könntest ihn vergessen, machte mich um deinetwillen besorgt. Und die Möglichkeit, du könntest ihn vergessen, zeigt mir ja auch die Möglichkeit, dass du mich einst vergessen könntest. Denn mein Dasein ist mit dem seinigen eins, und du weisst, was es mit dem seinigen verbindet. Es soll mir lieb sein, wenn du von diesem lernest, was Hadem dich nicht lehren konnte. Aber bewahre wohl, was Hadem dich gelehrt hat; denn schwerlich wird es dieser ihm hierin gleichtun.
Die Jünglinge erschienen bei dem Abendessen. Der Präsident hatte jedem seiner Hausgenossen anbefohlen, weder durch Worte noch Mienen das Vergangne merklich zu machen. Ernst trat ein, als wäre nichts vorgefallen, und nur eine flüchtige Röte überzog seine Wangen, nur ein leises Zittern zeigte sich an seiner Oberlippe, als Renot sich zwischen ihm und Ferdinand niedersetzte. Der darauf folgende Gedanke, dieser Mann denke ihn nun unter seinem Schutze und seiner Leitung, war ihm so empörend, dass es ihm den schwersten Kampf kostete, das nicht zu zeigen, was jetzt in ihm vorging.
5.
Trotz der gleichen Ruhe und Kraft, die Renot täglich mehr in Ernsten bemerkte, zweifelte er doch nicht einen Augenblick daran, es würde und müsste ihm gelingen, den jungen Phantasten zu einem vernünftigen Menschen zu machen. So viel sah er nun wohl ein, dass es leise geschehen müsse, dass er das Vorhaben nicht merken lassen dürfe, dass er durch einen raschen Schritt alles verderben könne, mit einem Worte, dass man hier das aufgedunsene Herz durch Verstand, Spott und Witz erleichtern müsse. Er bewunderte zwar Ernstens schnelle Fortschritte in dem Französischen, schrieb sich aber ganz natürlich bei dem Oheim das Verdienst davon allein zu. Gleichwohl konnten ihn seine Eigenliebe und seine Eitelkeit nicht so weit verblenden, dass er nicht hätte einsehen sollen, Ernst sei ein Wesen von so eigner sonderbarer Art, wie ihm noch keines vorgekommen sei. Lächeln konnte er zwar über ihn, aber die achtung für ihn drang sich ihm wider seinen Willen auf, und dieses lästigen Gefühls wollte er für immer los werden.
Indes kam der Vater aus dem Bade zurück. Der Präsident hatte ihm den Vorfall, die Entfernung Hadems und die Anstellung Renots geschrieben. Mit welchen Farben, lässt sich leicht vermuten; und wie nachteilig er die wirkung des Briefes auf den Fürsten vorstellen mochte, beweisen seine obigen Äusserungen. Doch schonte er Ernsten und versicherte seinem Schwager, er würde bei dem Fürsten alles wieder gutmachen. Nur sei es nötig, dass er Ernsten bei seiner Rückkehr so bald als möglich wieder auf das Land bringe und sich selbst jetzt dem Fürsten nicht zeige, um ihn nicht an die unangenehme Sache zu erinnern.
So sehr Herr von Falkenburg Hadem auch liebte, so nahm er es ihm doch sehr übel, dass er seinen Sohn zu einem solchen unüberlegten Schritte, den man so hässlich auslegen konnte und musste, verleitet hätte. Er sah es, nach der Vorstellung des Präsidenten, als eine schlechte Tat gegen diesen an, als eine gesetzwidrige, aufrührerische Handlung gegen die Ordnung des Landes, als einen Eingriff in die Rechte des Fürsten, für den er die tiefste achtung fühlte, als einen Vorwurf, den ein Jüngling seiner Gerechtigkeit gemacht habe. So sehr er nun auch den Verlust Hadems im übrigen bedauerte, so hielt er doch jetzt seine Entfernung für notwendig und