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er seinem einmal gewählten stand hierdurch brächte.

Nun bereitete der Präsident seinen Neffen darauf vor. Dieser versicherte ihm gelassen, er brauche keinen Führer mehr, Hadem habe ihm einen zurückgelassen, und der Führer, den ihm die natur gegeben, werde ihm bald in seinem geliebten Vater zurückkehren.

Der Präsident liess sich hierauf nicht ein; er erzählte, es sei ein Mann von Ehre und Verdienst, ein Offizier, und rühmte unter andern, wie vortrefflich er französisch spreche, wie er den ganzen Reichtum, die ganze Feinheit und Gewandteit dieser Sprache in seiner Gewalt habe. – "Und du weisst, Neffe", setzte er hinzu, "wie nötig uns Leuten von stand diese Sprache ist."

ERNST: Ja, Oheim, diese Sprache ist mir nun sehr notwendig; ich fühle es nur zu sehr, wie wenig ich bisher Fortschritte darin gemacht habeund darum, wenn er mir in dieser Sprache Unterricht geben will, soll er mir willkommen sein. Ob ich ihn als Führer brauchen kannob ich seiner dazu bedarf, davon sind mir andere Beweise nötig, als Sie mir von ihm gegeben haben. Ich weiss nur allzu sehr, was es bedeutet, einen Menschen zu erziehen, und was es von beiden Seiten voraussetzt.

Der Präsident glaubte, Ernst wollte wieder in seine alten Grillen verfallen. Er schwieg darüber und dachte, er habe für jetzt genug gewonnen und könne nun das übrige dem gewandten Renot überlassen.

Er freute sich noch mehr, als Ernst ihm sagte: "Schicken Sie ihn noch heute, ich möchte noch heute etwas von ihm lernen."

Der Oheim liebkoste ihm und sagte:

"Ich hoffe, lieber Neffe, er wird dich bald zu uns bringen und du wirst uns allen wieder der willkommne Gast sein, den wir so lange vermisst haben."

"Oheim", antwortete Ernst, "glauben Sie, ich würde Sie so sehr beleidigen, dass der Fremde von mir erhalten könnte, was ich Ihnen nicht gewähren konnte? gewiss nicht konnte, sonst würde ich es längst getan haben."

PRÄSIDENT: Ich danke dir für die Feinheit der Empfindung. Behalte sie bei und du wirst bald können, was ich so sehnlich wünsche. Bedenke nur, mit welchem Kummer dein guter Vater das sonderbare Verhältnis bemerken wird, in welchem du in seines Schwagers haus lebst. Wird er an mir, dem lang Erprobten, zweifeln? Wird er daran zweifeln, dass alles, was geschah, nur zu deinem Besten geschah? Was konnte mich anders bestimmen, so zu handeln, als dein Bestes? die Liebe zu dir, die sorge für dich? Glaubst du, dass du die nie gestörte Eintracht zwischen deinem Vater und mir zerrütten könntest? Oder willst du es? willst du Verwandte trennen, die sich brüderlich lieben? in unsern Jahren trennen? – Ernst, ich habe durch dich meine einzige geliebte Schwester verlorendenn du weisst ja wohl, dass sie an den Folgen der Niederkunft mit dir starbwillst du mir nun auch die Freundschaft des Mannes rauben, mit dem ich durch sie verbunden bin? willst du mich bei ihm anklagen?

Tränen der Rührung traten in Ernstens Augen:

"Oheim, ich klage nur mich an, niemand anders; undwarum haben Sie mir dieses nicht längst gesagt, warum nicht längst so mit mir gesprochen? Ich fühle es wohl, ich bin ganz verkannt und werde es wohl immer bleiben; denn ward nicht er es? – Aber ich kenne ihn, und ich hoffe, auch ich werde mich immer erkennen. – Und, Oheim, noch heute sollen Sie mich an Ihrem Tische sehen, wenn Sie mich annehmen wollen." –

Der Oheim küsste ihn, nannte ihn seinen lieben guten Neffen und sagte, er eile nun, seinen Kindern die Freude schnell mitzuteilen, da sie sich schon so lange nach ihrem Vetter sehnten.

Ernst wendete sich zu Ferdinand: "Ich danke dir für deine Treue, dein Ausharren und werde es nie vergessen."

Ferdinand lobte seinen Entschluss, freuete sich der Veränderung und konnte, wie er Ernsten geradezu gestand, kaum den Augenblick erwarten, die Treppe hinunterzufliegen.

Ernst sprach von dem neuen Hofmeister (denn so nannte er ihn, wie er Hadem nie genannt hatte) und sagte bedenklich: "Das einzige, was ich von ihm fürchte, ist, dass er die Einrichtung unsrer Zeit stören wird; und ich kann den Gedanken gar nicht ertragen, ihn an der Stelle sitzen zu sehen, wo Hadem zu sitzen pflegte."

FERDINAND: Aber du kennst ihn ja noch nicht!

ERNST: Ich kenne ihn, Ferdinand; denn gliche er Hadem nur in etwasglaubst du wohl, dass er dem Oheim gefallen hätte? Und gliche er ihm auch, so wäre es doch er nichter! – Doch um eines willen, und um deswillen, wird es Hadem mir gewiss vergeben; aber auf seiner Stelle soll er nicht sitzen. Wir wollen in dem Nebenzimmer lernen, die Bücher wechseln, und das Französische soll mit ihm unsre Hauptsache sein.

4.

Renot glaubte, in Ernsten einen träumenden Phantasten oder störrischen, missmutigen jungen Menschen zu finden, und ward etwas betroffen, als ihm ein heiterer, schöner Jüngling frei und offen entgegentrat, ihn anständig grüsste und seinen Antrag zu erwarten schien. Er gab sich zu erkennen und sagte, es sei zwar bisher nicht sein Geschäft und seine Bestimmung gewesen, sich mit der Erziehung