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wie sie glücklich werden können, das soll mich dieser dein Priester lehren, heilige natur! Schon stehe ich vor den Geheimnissen; der Vorhang ist aufgezogen, und der Geist meines Hadems steht mir zur Seite."

Mit eben der Anstrengung und Heftigkeit, mit welcher ein Durstiger in der Wüste Afrikas arbeitet, den feuchten Boden aufzusprengen, unter dem er eine Quelle wittert, sein kochendes Blut zu erfrischen, arbeitete Ernst an der Entüllung der Worte, welche die Gedanken und Empfindungen verschleierten, von denen er die Ruhe seiner Seele erwartete. Er stand vor dem buch wie der Unglückliche vor der begeisterten Priesterin zu Delphos, die ihm von ihrem Dreifuss einen Rat erteilt, dessen Sinn er nicht ganz begreift. Seine beschränkte Kenntnis dieser Sprache reichte nicht hin, den Mann zu fassen, der so viel mit wenigen Worten sagt. Auch wagte er es nicht, eine Zeile zu verlassen, deren Sinn er nicht hell begriffen hatte, aus Furcht, seinen neuen Führer zu missdeuten. Über seiner Anstrengung ging die Sonne auf; er überblickte den erworbenen Gewinn neuer Ideen und Gefühle, verschloss seinen Priester der natur, wie er ihn nannte, und freuete sich auf die nächtliche Zusammenkunft mit ihm.

3.

Der Präsident gab sich indessen Mühe, für Ernsten einen Hofmeister zu finden, der das alles zu verbessern und zurechtzusetzen imstande wäre, was Hadem nach seiner Meinung verdorben hatte. Er fand bald alles, was er wünschte, in einem Schweizer namens Renot. Eine empfangene Beleidigung, welche er an einem jungen mann aus einer grossen und mächtigen Familie in Frankreich zu gewaltsam und auffallend gerächt hatte, brachte ihn in diese Gegenden. Er musste fliehen, um der Bastille zu entwischen.

Dieser Renot nun besass in den Augen des Präsidenten alle mögliche Eigenschaften: Ton, Mut, Bekanntschaft mit den Gebräuchen der feinen Welt, Geschmeidigkeit im Umgange und tiefe achtung für das, was Stände und Menschen so scharf unterscheidet und trennt. Den Angriff gegen einen Mann von hohem stand verzieh ihm der Präsident als Offizier und vergass darum, dass er nur ein Bürgerlicher war. Dieser Renot war seit einiger Zeit bei ihm eingeführt, ass oft an seiner Tafel, und je mehr der Präsident ihn sah und hörte, desto mehr überzeugte er sich, es sei der Mann für seinen Neffen. Er sprach von diesem mit ihm, erwähnte seiner Schimäre und hörte mit innigem Wohlgefallen Renots Äusserung hierüber. Dieser sagte:

"Der vorige Hofmeister hat höchstwahrscheinlich Ihres Neffen lebhaftes, versprechendes Gefühl der Ehre und der Ruhmbegierde nach einem gegenstand geleitet, welcher ihm, als einem mann, der die Welt und die Menschen nur aus Büchern kennt, bekannter war als jene. Diese Verzerrung, Ew. Exzellenz, ist nicht neu; es ist eine alte Krankheit aller derjenigen sogenannten aufgeklärten Leute, die ihre Lage und ihr Stand auf immer von der Rolle ausschliessen, welche Leute von Geburt und Macht mit Recht sich ausschliesslich zugeeignet haben. Auch ist es natürlich, vielleicht gar verzeihlich, dass ihr gekränkter Stolz, ihre zurückgedrückte Eigenliebe einigen Trost in dem Gedanken findet, sie besässen etwas, das denjenigen fehlte, welche so weit über sie erhaben sind. Aber wenn sie dieses Leuten von Geburt, Ansprüchen und Stand beibringen wollen und von diesen zu fordern wagen, dass sie das, was sie wirklich besitzen, für Schimären austauschen sollen, da muss man ihnen Einhalt tun, und ich sehe, dass Sie es zu rechter Zeit getan haben. Sie werden vermutlich dieselbe Krankheit an einigen neuen Schriftstellern Frankreichs bemerkt haben; die deutschen, die diesen immer so gerne nachahmen, wollen auch hier nicht zurückbleiben. Diese Schimäre verschwindet aber leider sehr schnell, wenn man einmal selbst auf diesen Schauplatz tritt und die Menschen in ihrem tätigen Wirkungskreise handeln sieht. Gnädiger Herr, hätte ich die Kur eines solchen Jünglings zu übernehmenwissen Sie, was ich tun würde? – Ich würde eine luftige Schimäre durch eine andere vertreiben, die gewisse Leute nur darum so nennen, weil sie, wie gesagt, der edelste teil des volkes, vermöge Geburt und Stand, ausschliessend in Anspruch genommen hat und sich mit Recht in dem Besitze behauptet."

PRÄSIDENT: Und das wäre?

RENOT: Wovon ich soeben sprach: die Ehre, der Ruhm, der point d'honneur, den das erleuchtetste Volk zu einer Feinheit, einer Zarteit, einer Höhe und Bestimmteit gebracht hat, dass er bei ihm alle andern Tugenden ersetzt, ja die einzige Tugend der Gesellschaft geworden ist.

Leiten Sie die Einbildungskraft Ihres Neffen auf diese Göttin, zeigen Sie ihm diese Tugend unsers verfeinerten Zeitalters in ihrem ganzen Glänze, beweisen Sie ihm, wie alle andren einen Mann von stand zierenden Tugenden aus dieser allein entspringen, durch sie allein geltend werden, und ich stehe Ihnen dafür, er wird der phantastischen Göttin, welche sein grämlicher Hofmeister vor seine Augen gezaubert hat, bald den Abschied geben.

Der Präsident, höchst zufrieden mit den Gesinnungen Renots, erkundigte sich nun sorgfältig nach seinen Umständen und Verhältnissen; seine Kenntnisse glaubte er genug geprüft zu haben. Alles sprach zu Renots Vorteil, bis auf seine Kasse; doch eben auf diesen letzten Umstand bauete der Präsident die Erfüllung seines Wunsches. Er liess ihm die Erziehung der jungen Leute antragen und ihn versichern, dass er ihm am Ende derselben durch seinen Einfluss eine ehrenvolle Bestimmung verschaffen wollte, die ihn gewiss für dieses Opfer entschädigen würde. Renot nahm nach vielen Schwierigkeiten den Antrag endlich an, bewies aber dem Präsidenten sehr weitläuftig, welch ein Opfer