den er geschah, unnütz scheint, Sie, meine Ruhe, alles verloren hätte, presste mein Herz zusammen. Habe ich mich nicht selbst aus dem Paradiese vertrieben, in welchem ich, an Ihrer Seite, in Unschuld, Sicherheit und Unwissenheit einherging? Wenn meine erste gut gemeinte Tat so ausfällt – solche Folgen für mich hat – mir solche Lehren aufdringt, mir solche Aussichten in die Zukunft eröffnet – Hadem, was soll ich von der Zukunft hoffen, was von der Welt denken, in welcher ich bald tätig auftreten soll! Wenn ich bei jeder Tat, die mein Herz für gut und gerecht erkennt, so verfahren soll, so wägend und berechnend – wird dann auch nur eine so kräftig und rein aus ihm hervorspringen, wie sie sein muss, um diesen Namen ganz zu verdienen? Wird bei diesem Wägen und Rechnen, bei dieser Rücksicht auf die Verhältnisse um mich her, deren Umriss kein Auge erreicht, mein blick sich nicht nach und nach auf mich selbst zurückziehen? Und dann? Ja dann, wenn ich einmal angefangen habe, die Tugend zu zerstückeln, um gerade so viel zu tun, dass auch nicht das mindeste mehr geschehe als eben die Verhältnisse erlauben – dann, Hadem, ist es mit mir und der Tugend aus. Dann bin ich ein recht guter Handelsmann, der sein Kapital wohl anzulegen versteht, aber kein Mensch, wie Sie einen aus mir bilden wollten. Meinen Geist schwindelt es vor diesem leeren, starrende Kälte aushauchenden, sich immer weiter aufreissenden Abgrund – und ich fürchte, die Gedanken, die ihr in mir erweckt habt, entfernen meine Göttin so weit von mir, dass ich sie nicht mehr werde erreichen können. Um mich ihr auf den Flügeln meines Geistes nachschwingen zu können, muss ich wieder fest glauben, dass sie mit der einen Hand den glänzenden Sitz des Ewigen berührt und mit der andern das Menschengeschlecht. Nach meinem dunkeln Eichenwalde! nach meinem rauschenden Strome! meinen blühenden Tälern! meinen schroffen Klippen, aus denen der einsame Adler zur Sonne emporsteigt! Wenn ich dann seinem kühnen Fluge nachsehe, und die Lerche aus der Saat aufsteigt und über meinem haupt wirbelt, und diese Stadt, mit allem, was ich darin erfahren habe, aus meinem geist verschwunden ist, und die freundlichen, glücklichen Landleute mich wieder anlächeln als den künftigen Wohltäter ihrer Kinder – dann wird die Kluft verschwinden, die vor mir ist, dann erst wird mir der Sinn, der in dem Kusse des frommen Jünglings liegt, recht klar werden. Und sind nicht Sie mein Schutzengel? Küssten Sie mich nicht bei dem plötzlichen Abschiede? begleiteten Sie nicht Ihren Kuss mit einem Blicke, der meine Seele so durchdrang wie der Kuss des Engels die Lippen des träumenden Jünglings? Hadem, dieser Ihr letzter blick verlöschte in etwas den Eindruck Ihrer Worte. Er sagte mir: "Verharre in der Lehre, die ich dir gegeben!" Und ich setze hinzu: die Tugend muss das sein, was ich mir dachte, oder das ganze Menschengeschlecht wäre längst zerfallen, es hätte sich längst zerstreuet, es hätte sich in diesem gefährlichen Zustande, in dem es mir zu schweben scheint, ohne sie nicht erhalten können. Sie ist ihm von dem Ewigen zur Erhalterin und Beschützerin gegeben, und sie führt es wieder zu ihm zurück. Sie ist uns, was die feste Ordnung der um uns rollenden Welten ist, die Sie uns so klar und schön beschrieben haben. So wenig als die regellosen Kometen ihren fest bestimmten Lauf nicht stören können, ebenso wenig vermögen die Toren und Bösen gegen die Tugend. Sie bezeugen ihr Dasein, da sie durch allen ihren Wahnsinn, alle ihre Bosheit das Band nicht lösen können, womit sie das Menschengeschlecht an den Tron des Ewigen gebunden hat. Ja sie beweisen die Macht der Tugend wie jene Kometen die Allmacht Gottes. Und was würde aus diesen Unglücklichen werden, wenn sie nicht wäre! wenn alle ihres Glaubens würden! Hadem, sie erhält selbst die, deren Herz sie nicht erkennt, deren Wahnsinn gegen sie arbeitet. Und ich sollte nicht an sie glauben?
Hadem, der Mann, der um ihrentwillen leidet, gleicht dem Märtyrer, dessen vergossenes Blut den Glauben weiter ausbreitete, der selbst seinen Henker der heiligen Sache gewann, für welche er soeben starb.
2.
Einige Zeit nach Hadems Abreise brachte der Buchbinder Ernsten eine Anzahl Bücher. Als Ernst sie in Empfang nahm, fand er vier französische Bände, die er ihm nicht gegeben hatte. Er gab sie dem Buchbinder zurück und sagte ihm: "Diese Bücher gehören vermutlich einem andern zu." Der Mann erklärte ihm, Herr Hadem habe sie ihm Donnerstag abends gebracht und ihm anbefohlen, sie seinem Zögling Ernst von Falkenburg mit den andern zu übergeben.
Es war der Tag der Abreise Hadems, und Freude floss aus Ernstens Herzen nach seinen Wangen, in seine Augen. Er drückte die Bücher an seine Brust; und als ihm der Mann sagte, Herr Hadem habe auf die Gegenseite des Titels vor dem ersten Bande etwas geschrieben, eröffnete er ihn schnell. Er erkannte Hadems Hand und küsste die Schriftzüge. Dann trat er auf die Seite und las leise:
"Der Jüngling, der keinen Führer hat, wähle diesen. Er wird ihn sicher durch das Labyrint des Lebens leiten, ihn mit Stärke ausrüsten, den Kampf mit dem Schicksal und den Menschen zu bestehen. Diese Bücher sind unter der Eingebung der lautersten Tugend, der reinsten Wahrheit geschrieben, sie entalten