alle, dem sich keiner entziehen möchte, das jeder gern fester zusammenzöge, und der beste und auch der glücklichste unter ihnen sei der, welcher am meisten Gutes tun könnte, auch sei er der Beliebteste und Willkommenste. Und ist es nicht so? Darf es keiner auf seine Weise? Auf die gerade, die rechte Weise? Auch für den guten Kammerrat ist es mir, wie es scheint, nicht gelungen. Mein Oheim sagt überdies, ich hätte mich lächerlich bei dem Fürsten gemacht. Lächerlich? Desto schlimmer für den Fürsten, wenn man sich mit solchen Erinnerungen bei ihm lächerlich macht! Oder liegt das Lächerliche nur in dem Neuen für ihn, oh, so ist es noch schlimmer! Was forderte ich denn von ihm? – Die geschichte des Kammerrats ist mir nun so klar – übte nicht auch er die Tugend mit seiner ganzen Kraft, ohne alle Rücksicht auf sich, aus? Er ging ja nicht mit dem Masse in der Hand an das Werk, er berechnete ja sein Tun und Wirken nach keinen Regeln, folgte ja nur der Weisung seines guten, menschenfreundlichen Herzens! – Und darum? darum? – Von seiner geschichte begann alles, was mir widerfahren ist; aus ihr entsprangen in meinem kopf die ersten ängstlichen Gedanken über das Wesen der Menschen – und was darauf erfolgte, entwickelte und verwirrte sie immer mehr. So liegt denn das Ding, das mein Oheim System nennt, wie ein Joch auf dem Nacken aller? und jedem, der es trägt, ist seine Furche so scharf abgezeichnet, dass er seinem Herzen und geist völlig entsagen muss, um, solange er es trägt, die einmal gezogene Linie, ohne auszutreten, auf und ab zu ackern? – Hadem, reden Sie doch! Ich fordere in meiner Not Ihren Geist auf, der um mich ist. Er schweigt, alles schweigt um mich; ich sehe die Sichel des Mondes am gestirnten, ruhig erhabenen Himmel, höre nichts als das Lispeln des Windes in dem Baume vor mir und das leise Atemholen meines schlafenden, glücklichen Freundes. Er ist es, Hadem; er weiss, er ahndet nicht, was mich quält, und er soll es nie erfahren. Genug, dass einer leidet. Und weiss ich, ob er es ertrüge wie ich? ob es nicht noch schlimmre wirkung auf ihn hätte als es auf mich hat? – Gute Nacht, Hadem. Ich vernehme Ihre freundliche Antwort nicht mehr wie sonst, kann Ihnen nicht mehr nachsehen, wie Sie sich langsam nach Ihrem Zimmer begeben, sich nochmals umwenden, mir noch zum letztenmal zuwinken. Ach, jetzt scheine ich mir ganz allein auf der Erde lebend, allein wachend. Die von der Nacht umschleierte Erde liegt vor mir wie ein düster geschmücktes Grab; die flimmernden Sterne und der helle Mond sind die Lichter, welche diesen Kirchhof mit ihrem sanften Scheine beleuchten. Ich rufe in der Einsamkeit über dieses Grab, und keiner anwortet mir, keiner löset meine Zweifel. Soll ich mir allein trauen? mich befragen? Ist die Zeit, die ich jetzt lebe, eine Prüfungszeit, so früh mir aufgelegt, mein Herz und meinen Verstand zu üben? Dieser Gedanke kommt jenseits dieses Grabes her; er kommt von Ihnen, Hadem. Ich will ihn fassen und mich fest daran halten. Wir leben recht glücklich, und ich sehne mich nach meinem Vater, den wir in kurzem erwarten. Was wird er sagen, wenn er Sie nicht findet? Wie wird er seinen Sohn bedauern, der Sie verloren hat! Indes arbeiten wir so fort, als wenn Sie bei uns gegenwärtig wären. Wir lesen in den Ihnen bekannten Büchern von den Stellen an, wo wir mit Ihnen stehengeblieben sind. Bei schweren fragen wir Sie um Rat; und wenn Sie dann schweigen – es ist wahr, einigemal füllten sich meine Augen mit Tränen bei Ihrem Schweigen, aber ich suche sie vor Ferdinand zu verbergen, um ihn nicht zu bekümmern. Denken Sie, der Freundliche opfert sich mir zuliebe so weit auf, dass ich ihn nicht überreden kann, das Zimmer zu verlassen; und Sie begreifen leicht, was dieses dem Lebhaften kosten muss. Haben Sie einen Freund, Hadem? Möchten Sie doch einen haben! Sie würden weniger leiden, dass Sie mich verlassen mussten; denn ich weiss, ich fühle ja, wie weh es Ihnen tut, dass Sie mich haben verlassen müssen. Mein Oheim sagte mir, er würde dem Kammerrat Kalkheim eine Stelle geben, die ihm reichlich die verlorne ersetzen sollte. Nun spricht er, der Kammerrat habe sie ausgeschlagen und äussere sich, er ziehe seine jetzige Lage jeder vor, selbst der ehemaligen. "Du siehst also", setzte er hinzu, "für wen ihr den unbesonnenen Streich gemacht habt, dass man die Menschen erst kennen muss, bevor man etwas zu ihrem Besten unternimmt. Erst hättet ihr bedenken sollen, ob der Tor des Dienstes bedurfte oder wert war. Du siehst also, Neffe, dass sich Hadems letzte Worte besser bewähren als seine Handlungen, dass die gute Absicht bei einer Handlung nicht genug ist, dass man dich durch Täuschung zu einer schlechten gegen deinen nächsten Blutsverwandten reizte und dass der, um dessentwillen sie geschah, dir nicht einmal Dank dafür weiss."
Seine schrecklichen Worte durchdrangen tief meine Seele. Was sollte ich ihm antworten! Ich wusste es in diesem Augenblick wirklich nicht; denn das Gefühl, dass ich durch diesen Schritt, der selbst dem, für