Dämmerung meiner Höhle, wenn ein plötzlicher düsterroter Fackelschein die dunkelsten Winkel derselben erleuchtet. Kaum entdecke ich meine Göttin in dieser Dämmerung, und nur dann werde ich sie wieder in ihrer ganzen, reinen klarheit sehen, wenn ich da sein werde, wo sie mir zum erstenmal erschienen ist. Und wenn sie mir nicht wieder erschiene! Hadem, wenn auch sie mich verlassen hätte, da der mich verlassen hat, der mir die Wolke öffnete, die sie mir verbarg! Ich las einmal in einem buch von einem frommen Jünglinge: es habe diesem frommen Jünglinge geträumt, ein schöner, glänzender Engel küsse ihn im Schlafe. Dieser Kuss habe auf seinen Lippen einen solchen unauslöschlichen, süssen Eindruck zurückgelassen, dass er ihn sein ganzes Leben hindurch gefühlt, sich nie von einem Sterblichen die Lippen mehr berühren lassen und nie ein unreines oder sündliches Wort gesprochen habe. Hadem, Sie sagten, es sei sonst ein sehr einfältiges Buch, aber diese einzige Stelle entalte einen so tiefen Sinn, dass er alles andere Törichte reichlich bezahlte, und Sie möchten diese Stelle lieber geschrieben haben als das gelehrteste Werk. Ich verstehe jetzt diesen Sinn!
Was habe ich nicht alles erfahren, seitdem wir den Ort verlassen haben, wo ich an Ihrer Seite wandelte! wo die schönsten Blüten des Geistes von Ihren Lippen auf mich herabregneten und Ihre Empfindungen und Gedanken mir immer so erschienen, als wären sie mir aus einer vergangenen Zeit, aus einem fernen land her bekannt, deren Erinnerung Sie bloss erweckten und auffrischten! Aber was ich sagen wollte, Hadem! Ihre letzten Worte! – Ich muss es Ihnen sagen, und sollte ich Sie auch ängstigen – denn mich überfällt eine unbeschreibliche Angst, wenn ich sie höre – und ich höre sie immer – im Schlafe – im Wachen – ich höre sie im leisen Winde, der durch den Kastanienbaum vor meinem Fenster mich anweht. – Warum unterbrach Sie mein Oheim mitten in Ihrer Rede? – Sollte die Tugend das sein, was Sie mir sagten – was soll dann aus mir werden? Zerstückelt, in Teile zerstückelt, die vor meinem geist zerrissen schweben – nach Masse gemessen, nach Regeln gezogen – nach Verhältnissen abgewogen soll ich sie in Rücksicht meiner und der Menschen denken? Das einzige Gute, das einzige Wahre, die Tugend, leide keine Übertreibung? Was heisst hier Übertreibung? So soll ich das nie in seiner ganzen Kraft und Stärke ausüben können, was meine Brust ausfüllt, was mir allein der Mittelpunkt von meinem und der Menschen Dasein zu sein scheint? So ist sie zu erhaben für den Menschen, um sie ganz zu besitzen, um sie ganz auszuüben? Ihre Worte, Hadem, nicht die meines Oheims, von jenem unglücklichen Abend auf einen so glücklichen Tag, erzeugen quälende Zweifel in meinem geist; und doch scheint es, dass sie genau mit den Ihrigen zusammenhangen. Hadem, wenn es so ist – wenn es ganz so ist, so geben mir die Worte meines Oheims über einen mir so dunkeln, so weit entlegenen Gegenstand mehr Licht als ich je zu sehen wünsche, als ich je ertragen kann. So sprengte er zwischen mir und der Welt eine Kluft auf, in die ich mich stürzen muss, die ich nicht überspringen kann, weil Sie mir fehlen, nachdem Sie dieselbe so weit auseinandergerissen haben, dass sich meine Haare vor ihrem klaffenden Schlunde sträuben.
Verstehen Sie, was ich sagen will? Ich empfinde wohl, dass ich dunkel rede, so dunkel, wie ich fühle; aber dies ist eben mein Unglück, dies ist es, worüber ich klage, was für mich so ängstlich ist – da eben liegt die Qual, dass ich das Dunkel nicht erleuchten, nicht durchdringen kann, in das mein Oheim mich geführt, in das Sie mich tiefer gestossen und dann verlassen haben. Mich, einen siebzehnjährigen Jüngling! mich, Ihren Schüler, Hadem! Ich fühle wohl, dass ich den ganzen Kampf bloss meinem Herzen überlassen sollte, dass ich da gewiss Grund finden würde; aber, Hadem, kann ich auch die Gespenster in die Flucht schlagen, in deren Mitte mich mein Oheim gestellt hat und die nun mit ihren verzerrten Larven meine Einbildungskraft schrecken? Es ist schrecklich! – Lesen Sie nur und sagen Sie mir geschwind, was daraus für mich werden soll. Beinahe fange ich an zu begreifen, dass solche Männer wie Sie und der Kammerrat, und wie ich durch Sie einer werden sollte, dem Gespenste meines Oheims zuwider sind, weil es durch sie als das erscheint, was es wirklich ist, was es nicht sein sollte. Bin ich auf der Spur? auf der rechten Spur? Nun, meine Göttin, so nimm du den verlassnen Jüngling in Schutz! – Hadem, ist jenes Wesen ein Popanz, von Menschen zusammengesetzt, um Kinder und Schwache zu schrecken? Ist es ein falscher Götze, den seine Priester auferzogen, wohlgepflegt und dann in das Dunkel hinter dem Altar gestellt haben, damit keiner von den Anbetern den Betrug entdecke? Sagen Sie mir das! beantworten Sie mir nur dieses schnell! Muss es so sein? Vertragen es die Menschen nicht anders? Warum sagten Sie mir denn, die stillste, geräuschloseste Leitung der Menschen auf Erden sei die beste und weiseste, sie müsse einem Sommerregen gleichen, der die Erde befruchte, ohne dass man ihn höre?
Ich dachte, das Leben und Tun der Menschen unter- und gegeneinander sei so freundlich, ihre wechselseitige Not schlinge ein Band um sie