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Freundes als etwas Heroisches an, und es gefiel ihm ungemein; aber bald merkte Ernst, dass sein lebhafter Gesellschafter sehnende Blicke nach der Ferne warf, dass er den im Garten Spazierenden verlangend nachsah. Er bat ihn, in Gesellschaft zu gehen und ihn allein zu lassen.

Ferdinand antwortete:

"Ich sollte dich verlassen, ich, der ich schuld an deinem Kummer und an Hadems Entfernung bin? ich, der ich dich angefeuert habe, den Brief zu schreiben?" –

Ernst legte seine Hand auf seine Brust:

"Sieh, dieses allein ist schuldund war es ein Fehler, so muss ich wohl dafür leiden. Hadem verzeiht mir ihn gewiss. Lass du mich nur immer allein; es scheint ja doch nur so, als sei ich allein."

Er konnte Ferdinand auf keine Weise bewegen, ihn zuzeiten zu verlassen. Dieser gestand ihm geradezu, er fände ihre freiwillige Gefangenschaft wohl langweilig, aber er würde es anderwärts, ohne ihn, noch unerträglicher finden. "Es würde mir gehen", setzte er hinzu, "wie damals, als du krank warst. Lief ich auch einen Augenblick in den Wald, so hörte und sah ich doch nichts anders als dein schweres Atemholen, dein im Fieber glühendes Gesicht."

Ernst drückte ihm die Hand und rechnete ihm in seinem Herzen das Opfer um so höher an.

Ernstens Geistesstimmung schildert sich am besten in den Bruchstücken von Briefen an Hadem, die er niederschrieb, während dass Ferdinand schlief, und dann sorgfältig aufbewahrte.

Ernst an Hadem

Ich habe meinen Oheim gebeten, Ihnen schreiben zu dürfen; er antwortete mir, Sie hätten ihm Ihr Wort gegeben, weder einen Brief von mir anzunehmen, noch zu beantworten. Das Vergehen Ihres Schülers muss sehr gross sein, da Sie gar nichts von ihm hören, ihn vielleicht ganz vergessen wollen. Doch vergessen können Sie ihn nicht, lieber Hadem; verlassen mussten Sie ihn und konnten gewiss nicht anders. Sie mussten, und vermutlich mussten Sie auch Ihr Wort geben, mir nicht zu schreiben; sonst wäre es nicht geschehen, sonst konnten Sie es nicht tun. Und der Grund, der Sie dazu nötigte, muss ebenso gerecht als zwingend sein; denn, lieber Hadem, was sollte aus mir werden, wenn ich dieses nicht glaubte! Ich glaube daran wie an die Tugend, und darum will ich Ihnen auch gar nicht sagen, wie weh mir dies alles tut, damit es Ihnen nicht wehe tue, damit Sie mich nicht allzu sehr bedauern. Wie schmerzlich müsste es Ihnen nicht sein, mich verlassen zu haben, wenn Sie wüssten, in welchem Zustande ich bin! Aber was wollte ich Ihnen doch schreiben? Dieses war es wenigstens nicht. Es geht mir so wunderlich durch den Kopfdurch das Herz, wollt ich sagendass ich gar nicht weiss, wovon ich reden will und soll. Ja, das war es!

Warum mussten wir den stillen, ruhigen Aufentalt meiner glücklichen Kindheit verlassen? warum die hohen Felsen, die sprudelnden Quellen, die blühenden Täler mit ihren guten freundlichen Bewohnern, den rauschenden Strom, den dunkeln Eichenwalddie Wiege Ihres Schülers, verlassen? Nun dringt mein trauriger, gebeugter Geist immer dahin; wir sitzen unweit des Stroms auf einer Anhöhedie kühle Abendluft umsäuselt unswir sehen die untergehende Sonne auf goldnen Wolken ruhenihr Glanz verklärt Ihr Angesicht, und Ihre Gedanken bei diesem Schauspiele, die alle Keime meines inneren Wesens entfalteten, steigen wieder in meinem Herzen auf. Ich fühle dann die Luft, die dort wehte, an meinen Wangen; ich höre das Säuseln der Bäumedie Schalmei unsrer Hirtenden Gesang, das frohe Gelächter unsrer Mädchenund alles, was ich dachte und fühlte, steigt in meinem Busen lebendig auf. – Und erwache ich aus diesen süssen Träumen, so frage ich ängstlich: "Warum haben wir dieses verlassen? Darum, dass erfolge, was mir widerfahren ist?" Mir antwortet keiner, lieber Hadem; und ich vermag es ja nicht, da mir alles dunkel ist. Ja dort, da kannte ich keinen Kummer, keine Veränderung; da stand der Tempel des Glücks und der Freude auf jeder Stelle, denn das unschuldige Herz bauete ihn überall auf. Wütete auch zuzeiten ein Sturm, so geschah es nur, die Gegend um uns her erhaben-schauerlicher zu machen; und beleuchtete das Licht sie wieder, so lag sie vor uns in neuer, erfrischter Herrlichkeit. Wir bebten staunend und schaudernd bei den Blitzen, den Schlägen des Donners, bewunderten die Macht der natur in ihren grossen, erschütternden Erscheinungen, und süsse Freude durchströmte uns, wenn wir nach der Gefahr die einsame Lilie unverletzt im Tale wiederfanden. Erinnern Sie sich, wie ich Ihnen einmal kindisch sagte, als die dicken Tropfen des nächtlichen Sturmregens von den noch leise schwankenden Pappeln auf unsre Häupter fielen: "Hadem, die Pappeln weinen vor Freude, dass sie den gewaltigen Sturm überstanden haben und noch grünen, noch leben." Ich kann dieses nicht von mir sagender Sturm, der mich überfiel, dauert fortund noch lebe iches ist der erste, Hadem, und ich bin noch zu jung. Noch hat die Zeit den Stamm, auf dem mein Wipfel ruhen soll, nicht abgehärtet. Die Stütze, deren ich bedarf, sank weg; mein Licht verschwand mir plötzlich und kehrt nicht wieder. Vor meinen Augen liegt nun eine Dämmerung wie die