ausführe, den Sie unterbrachen, dass er mein Herz heile, dass er mich wieder zu dem schaffe, der ich war!
PRÄSIDENT: Er selbst verlässt dich; er selbst sagt, nach diesem Streiche könne er nicht mehr in unserm haus bleiben.
ERNST: Sagt er das? Er verlässt mich? verlässt mich willig? So muss es recht sein, was er tut, so fällt die ganze Schuld auf mich allein. So habe ich ihn vertrieben! durch eine Tat vertrieben, wobei ich von ihm nichts befürchten zu dürfen glaubte! So muss es sein; denn anders hätte Hadem mich nicht verlassen können. Er handelt auch hier gerecht; denn, sehen Sie, Oheim, an Hadem glaube ich, wie ich an meine Göttin glaube.
Er stand mitten in dem Zimmer, erhob seine Augen gegen die sich neigende Sonne, deren Strahlen durch einen dunkeln, vor dem Fenster stehenden Kastanienbaum gebrochen in das Zimmer fielen. Die Begeistrung schimmerte in seinen Augen; ein Licht, wie es von dem unsterblichen geist des Menschen ausgeht, wenn dessen ganze Kraft ihn durchdringt, umglänzte seine Stirne und schoss nun in Blitzen aus seinen Augen. Er rief:
"Nein! nie werde ich dir untreu werden, erhabene Göttin! Dir folge ich, von Hadems Lehren geleitet. So ferne du auch schwebst, so bist du mir doch nahe und sichtbar. Ich stehe unter deinem Schilde, ich gehöre dir an, und sollte mich auch das furchtbare Gespenst meines Oheims mit seiner gepanzerten Faust zerschmettern. Bin ich nicht unsterblich, unvergänglich wie du?" Sein blick fiel auf den Blumen- und Ährenkranz, den jetzt die Abendsonne beleuchtete:
"Schon welkte deine Blüte in der Sonnenhitze; erst gestern pflückt ich sie frisch in den Feldern der Glücklichen als ein Denkmal der stillen Tugend. Und doch bist du es noch, und zerfielest du auch in Asche – du bleibst es doch!"
Er nahm den Kranz von der Wand, und seine Tränen benetzten ihn:
"Alles hat mich verlassen – denn er hat mich verlassen; und von dem Dasein meiner Göttin habe ich keinen andern Beweis als dich! So umwinde nun meine Schläfe und lispele meinem geist und Herzen die Gedanken und Empfindungen zu, unter denen ich dich pflückte!"
Ferdinand fiel ihm um den Hals.
"Und ist dir Ferdinand nichts? Hat Hadem nicht auch mich verlassen?"
ERNST: Ja, und nun erst bist du eine Waise! Doch du sollst mich haben, und auch du sollst diesen Kranz tragen, und wir wollen durch ihn in eins verbunden sein.
Die Jünglinge umarmten sich, und ihre Seelen, ihre Tränen flossen ineinander.
Einen Augenblick legte Ernst Ferdinanden den Kranz auf das Haupt; dann hängte er ihn wieder an die Wand.
Der Präsident sah dem Schauspiele gerührt zu; aber der kalte Geist der Welterfahrung sagte ihm bald: "Die feurige Ergiessung des Jünglings ist gut und heilsam; die Ruhe wird um so gewisser und schneller darauf erfolgen."
Ernst bestärkte ihn in dieser Meinung, da er nun gefasst zu ihm trat und sagte:
"Mein Vater wird bald kommen und Ihnen die sorge für Ihren Neffen abnehmen. Bis dahin wird ihn der Geist Hadems führen. Dieses Zimmer verlasse ich nicht, bis zur Rückkehr meines Vaters. Ich traue nun der Welt nicht mehr; Ihre Worte und diese Ihre Tat dienen mir zur Warnung."
Der Präsident versuchte ihm zu liebkosen; aber Ernst antwortete:
"Dieses ist die Stunde, in welcher Hadem mit uns die Taten der Männer der Vorwelt las. Er wird nicht kommen; aber wir werden denken, er sitze bei uns, und alles das tun, was wir in seiner Gegenwart zu tun pflegten."
Er legte ein Buch auf Hadems Platz, stellte einen Stuhl für ihn hin, dann zwei andre für sich und Ferdinand und sagte zu diesem:
"Ferdinand, er ist mitten unter uns!"
Zweites Buch
1.
Der Präsident hoffte durch Vorstellungen des Unschicklichen und durch freundliche Begegnung Ernsten von seinem Vorsatz abzubringen; aber an der Ruhe, der Kälte, womit dieser darauf beharrte, sah er wohl, dass er damit nichts ausrichten würde. Er schmeichelte sich indes, der beschränkte, einförmige Aufentalt würde dem jungen Menschen bald lästig werden; doch auch hierin irrte er sich. Ein Tag verfloss nach dem andern, und er sah in dem gesicht des Jünglings keine Spur des Verlangens oder der Unbehaglichkeit; er bemerkte nicht die sanfte Melancholie, welche Ernst in seinem Busen darüber nährte, dass er durch seinen Brief Hadems Entfernung veranlasst hatte. Es schien, als hielte er seinen Schmerz für einen geheimen Schatz, der an seinem Werte verlöre, wenn er ihn einem menschlichen Auge zeigte. Diese Stärke, diese Ruhe wirkten auf den Präsidenten, und in den ersten Tagen bewunderte er sogar dieses Betragen; da aber Ernst ohne weitere Äusserung immer dabei beharrte, so setzte sich ein bitterer, tiefer Unwille in dem Herzen seines Oheims fest, der nur eine neue stärkere Veranlassung zu erfordern schien, um in unauslöschlichen Hass überzugehen. Jetzt sah er sich von seinem Neffen einem Fremden nachgesetzt, von einem Knaben verachtet und beleidiget, und um so mehr beleidiget, da er alles zu dessen Bestem getan zu haben glaubte und für alle seine Bemühungen nichts als Beweise eines störrischen, undankbaren Gemüts entdeckte, das, durch eine Schimäre verzerrt, keines einzigen natürlichen und vernünftigen Verhältnisses unter Menschen achtete.
Ferdinand sah in den ersten Tagen den Entschluss seines