Sie es nur jetzt nicht! – nur jetzt nicht! – Es wird Sie gewiss reuen – denn ich glaube, es wird mich sehr unglücklich machen – jetzt, in diesem Augenblick, wird es mich mehr als unglücklich machen!
Es lag etwas Erschütterndes, unbeschreiblich Rührendes in dem sanften ernsten Tone, den zitternden Bewegungen der Lippen, dem schüchternen Umherblicken der Augen und der ganzen Stellung des Jünglings. Er setzte selbst den Präsidenten in besorgtes Erstaunen. Ferdinands Tränen und Schluchzen nahmen mit jedem Blicke, jedem Worte von Ernsten zu. Er rief: "Ernst, wir sind verloren!"
PRÄSIDENT: Schweige du! – Sanft zu Ernsten. Und was ist es denn, das eben jetzt von so vieler Bedeutung für dich ist?
ERNST: Oh, er hat mein Herz mitten entzwei geschnitten – er hat vor meine lichte Seele einen schwarzen Vorhang gezogen. Lassen Sie ihn schnell zurückkehren, dass er mein Herz wieder ergänze, meiner Seele wieder das Licht gebe, das er um sie her erschuf.
PRÄSIDENT: Du schwärmst und träumst gleich einem faselnden Phantasten.
ERNST: Ja, freilich träume ich jetzt; aber so zu träumen ist fürchterlich – so zu schlafen ist ängstlich. Lassen Sie Hadem schnell zurückkehren, dass er mich aufwecke! dass ich ja erwache, Oheim, dass ich ja nicht lange so träume! Oheim, er hat die erhabne Göttin gelästert, die mich leitet; und er soll, er muss mir sagen, warum er sie gelästert hat.
PRÄSIDENT: Welche Göttin?
ERNST: kennen Sie denn diese Göttin nicht? Sie hörten ja, wie er sie lästerte! – Oheim, er hat auch Sie gelästert, alle Menschen; denn seine letzte Rede ist eine Satire, eine Schmähung auf das ganze Menschengeschlecht. Er sagte: die Tugend habe auf Erden ihr Mass und ihre Regel, vertrage keine Übertreibung. Sie, die ich mir denke als das ganze Menschengeschlecht in einem Kreise umfassend, der von dem Trone dessen ausgeht, der es erschaffen hat, sie, die es erhält, allein emporhebt über diese Erde, sie, diese Himmlische, Unendliche, müsste beschränkt und vorsichtig ausgeübt werden? – nach Mass? – nach Regeln? – Die Menschen vertrügen sie nicht in ihrer ganzen Kraft? – Und ihr ganzes volles Dasein in meiner Brust – was ist denn das? Und was ist sie, wenn sie allen Menschen nicht so natürlich und willkommen ist wie mir! Darf sie auf Erden nicht in ihrem vollen Glänze erscheinen, nur stückweise, nur behutsam, wie ein Gast an einer Tafel, den man nicht eingeladen hat? Oder ist das Wesen der Menschen auf Erden so eingerichtet, dass ihre Gegenwart sich nicht damit verträgt? Gründet sich das Wesen und Tun des Menschen nicht auf sie? O gewiss, Oheim, ist das gepanzerte Gespenst, von dem Sie gestern so abschrekkend für mich sprachen, ihr Feind – Und wenn dieses ist – Oheim – wenn dieses ist – so sagen Sie mir geschwind: warum ist es so? warum sind die Menschen da? warum bin ich da? – Sie schweigen! – Lassen Sie Hadem zurückkehren, dass er mich belehre, meinen Zweifel beruhige, meine Göttin versöhne! – Soll ich ihm durch das Fenster, über Berge, durch Flüsse folgen? – Fort! nach meinen Bergen, meinen Tälern, meinem Eichenwalde, in meine düstre Höhle! Dort werde ich ihn und meine Göttin wiederfinden, dort erschien sie mir, dort ist ihr ungestörter Aufentalt.
Die Empfindungen, die Gedanken des Jünglings, mit dieser Kraft, dieser Begeistrung ausgesprochen, verwirrten den Präsidenten immer mehr, und die Bewundrung des Neuen, Unerwarteten fesselte einige Augenblicke seine Zunge. Er fasste sich, so viel er konnte:
"Jetzt erst beweisest du mir recht klar, wie notwendig die Entfernung dieses Mannes von dir ist. Beruhige dich! Du kannst den Sinn der einzigen wahren und klugen Worte, die er gesprochen hat, jetzt nicht begreifen; wenn du mehr bei dir bist, will ich ihn dir deutlich machen."
ERNST: Versuchen Sie es ja nicht! Von ihm muss ich es hören. Er nur weiss, wo es mir not tut; er nur weiss, was ich bedarf. Wüssten Sie es, Sie würden ihn nicht entfernt haben.
PRÄSIDENT: Du wirst, du kannst ihn nicht wiedersehen. Willst du ihn dem Zorne des Fürsten aussetzen und ihn unglücklich machen? Nur in seiner Entfernung liegt seine Rettung.
ERNST: Oheim, Hadem fürchtet keinen Fürsten der Erde, und um meinetwillen trotzte er der ganzen Welt, so wie ich um seinetwillen die ganze Welt nicht fürchte. Ich liebe ihn – Oheim, o wenn Sie wüssten, wie ich ihn liebe! – Für ihn zu sterben, wäre das wenigste, was ich für ihn tun könnte. – Er tät es für mich – und er sollte mich aus Furcht vor Menschen verlassen? mich, seinen Schüler, dem er tausendmal sagte, dass er durch mich seinem Leben Wert zu geben hoffte? Lassen Sie ihn zurückkehren, Oheim! Ich beschwöre Sie bei Ihrem Leben! bei meines Vaters Leben! bei meiner Mutter in jenem Leben! bei der Tugend, die er mir entstellt hat! lassen Sie ihn zurückkehren! Mein Leben, alles, was ich bin, was ich werden soll, liegt auf dem Flügel dieses vorübereilenden Augenblicks! – Oh, nur diese Nacht! Nur eine Stunde! Nur eine Viertelstunde, dass er den Gedanken