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ihn jetzt nur der einzige Gedanke, dass er durch sein Benehmen die Härte des Schlages für ihn gemildert habe. Der gestrige Tag, die Veranlassung zu dem Besuche bei dem Kammerrat, der alle die Ereignisse erzeugt hatte, drangen auf ihn ein; er sah sich von allem als die Ursache an. Obgleich der Bewegungsgrund seiner Handlung und seiner Reden so rein war, so sah er doch jetzt mit trübem, traurigem Blicke zum Himmel auf, und seinen bebenden Lippen entfielen die Worte:

"Sieh das Schicksal eines von deinen edelsten Geschöpfen durch Zufälle herbeigeleitet, die ich veranlasste, weil ich ganz andere Folgen davon erwartete! Gehört der unvermutete, für mich so peinliche Schlag zu meiner, zu des Jünglings Prüfung? Musste ihn darum eine so rauhe Hand aus dem süssen Traume aufschrecken, aus welchem ich ihn ohne Erschütterung zu erwecken hoffte? Ich hatte sein Erwachen vorbereitet, und mitten in dieser Welt sollte er so leise und sanft erwachen, wie der Säugling an dem Busen der sorgfältig wachenden Mutter. Gleich ihm sollte er wissen, wohin er sein Haupt legen könnte. Ganz sollte er erst fühlen, wie und wozu du den Menschen gebildet hast, eh er erführe, was der Mensch aus sich gemacht hat! Ich kann es nun nicht mehr. Erhalte du ihm die denkart, die ich so sorgfältig gewartet habe; entferne den finstern Eindruck dieser Ereignisse von seinem reinen geist und lass die Worte der Beschwörer von seinem guten Herzen abgleiten. Gib ihm einen guten Führer, der seine Seele nicht mit Tand, Wahn und Gaukeleien vergifte. Bewahre das Heiligtum seines Herzens, in welchem sich die Schöpfung, dein erhabenes Werk, so schön und treu abspiegelt. Lass mich ihn einst wiederfinden, wie du mir ihn gabst!"

Hadem kam spät nach Tische zurück. Seine Zöglinge, gespannt durch die Erwartung des Ausgangs von ihrem Unternehmen und beunruhigt über die ungewöhnliche, lange Abwesenheit ihres Lehrers, sprangen ihm entgegen, als sie ihn die Treppe heraufkommen hörten, und führten ihn in ihr Zimmer. Er trat bis in die Mitte desselben, sah Ernsten mit seiner gewöhnlichen Freundlichkeit an und sagte:

"Lieber Ernst, vergessen Sie nicht, was ich Ihnen in diesem Augenblick und viel früher sagen muss, als es mein Vorsatz war.

Auch das, Geliebten, was den Menschen allein gut, gross und erhaben macht, was seinen Ursprung von dem allein beweist, mit welchem er durch seinen unsterblichen Geist verbunden istauch die Tugend hat auf Erden und unter den Menschen ihr Mass und ihre Regelauch sie verträgt, zum Besten derer, für die sie ausgeübt wird, wie zum Besten derer, die sie ausüben, keine Übertreibung. Das Herz –"

Er wollte seine Empfindungen und Gedanken weiterentwickeln, als der Präsident hereintrat:

"Sie haben mir nur halb Wort gehalten, Herr Hadem; aber da es das erste gescheite Wort ist, das Sie den jungen Leuten gesagt haben, so mag es darum sein. Das letzte ist es gewiss."

HADEM: So lassen Sie mich denn in Ihrer Gegenwart den Abschiedskuss von meinen Zöglingen nehmen und verantworten Sie die Folgen vor dem, der diesen Geist so erschaffen hat, wie ich ihn kenne. Zu den Jünglingen. Die notwendigkeit gebietet hier; lernen Sie von mir ihr Joch tragen.

Er drückte Ferdinanden und dann Ernsten an sein Herz. Ferdinand schrie laut und heftig. "Was ist das? Verlassen Sie uns?"

Ernst sah, mit der Aschfarbe des Todes bedeckt, auf Hadem, auf den Präsidenten und stammelte seinem Freunde nach: "Verlassen!"

Hadem bedeckte seine Augen und eilte davon.

PRÄSIDENT: Es tut mir leid, lieber Neffe; aber es kann nicht anders sein. Der verräterische, schändliche Brief, den er dem Fürsten geschrieben hat oder durch dich schreiben liess, veranlasst seine Entfernung. Er kann von Glück sagen, dass der Fürst mich rufen liess und mir die Sache anvertraute; ohne meine Bitten und Vorstellungen wäre er für die Tat bestraft worden, wie er es verdiente.

ERNST: Er gestraft? Er den Brief geschrieben? Er hat ja nicht das mindeste davon gewusst! Ich, ich habe den Brief erdacht und geschrieben, als er und Ferdinand noch schliefen, und ihn in dem Garten des Fürsten auf seine Ruhebank gelegt, ehe Hadem noch aufgestanden war.

PRÄSIDENT: Neffe, ich sage, er hat ihn geschrieben!

ERNST: Er hat ihn nicht geschrieben; er weiss kein Wort davon. Ist es eine Torheit, um so schlimmer für den Fürsten; aber ich allein beging sie.

Der Präsident stampfte zornig mit dem fuss auf den Boden und rief:

"Neffe, bei meinem Gott! er muss den Brief geschrieben haben!"

ERNST: kennen Sie Ihren Neffen als Lügner?

PRÄSIDENT: Er gestand es selbst.

Sobald Ernst diese Worte vernahm, sprang er nach der tür. Der Präsident trat vor ihn:

"Umsonst, du siehst den Pedanten nicht wieder; er hat seinen Abschied, und ich kam, es dir anzukündigen."

ERNST: Seinen Abschied? – Oheim! – seinen Abschied von mir? – Mit starrer Kälte. – Herr Oheim, geben Sie ihm seinen Abschied nichtjetzt nichtoh, nur jetzt nicht! –

PRÄSIDENT: Es ist nicht zu ändern. Aber warum nur jetzt nicht? Hast du ihn noch zu einem solchen Geschäfte nötig?

ERNST: O ja; ich habe ihn zu einem sehr wichtigen Geschäfte nötig. Tun