noch in einem Departement! – Sie scheinen eine Klage gegen mich zu haben; warum bringen Sie diese nicht ebenso gerade und bieder vor als ich sie, wie Ew. Exzellenz wohl sehen, erwarte?
PRÄSIDENT: So hören Sie denn, biedrer, ehrlicher Mann! Ich habe soeben in den Händen des Fürsten einen Brief meines Neffen gesehen. In diesem Brief klagt mein Neffe über die Ungerechtigkeit, welche die kammer, deren Präsident ich bin, wie Sie und er wissen, gegen den Narren von Kammerrat begangen haben soll. Herr Hadem, glaubte ich, dass mein Neffe diesen Brief aus eignem Antrieb geschrieben hätte, ich würde ihn zur Stelle aus dem haus stossen, in welchem er Blutsverwandtschaft und Gastrecht so schändlich beleidigt und gebrochen hat. Aber es ist Ihr Werk; meine gestrige vernünftige Vorstellung hat Sie beleidigt, und um sich zu rächen, haben Sie den jungen Phantasten gegen seinen nächsten Verwandten empört – haben ihn selbst dem Fürsten auf immer lächerlich gemacht. Ich denke doch, Sie wissen, was für Folgen dieses für ihn haben muss. Erfährt es nun die Stadt, so muss er ein Gegenstand des allgemeinen Hasses und Absehens werden. Und noch einmal – bei Gott! – könnte ich glauben, die Bosheit käme von ihm her, ich würde ihn den Augenblick aus dem haus jagen – ihn wegschleudern wie ein giftiges Ungeziefer – die ganze Verwandtschaft vor dem jungen Ungeheuer warnen, das schon so früh den Busen derer verwundet, mit denen es durch das Blut verwandt ist.
Kaum fasste Hadem den ganzen Sinn der Worte des Präsidenten, als er alle die Folgen dieses unüberlegten Schrittes für sich und seinen geliebten Zögling einsah. Er begriff die Tat, ihren reinen Bewegungsgrund in dem Herzen des Jünglings, und schmerzlich drangen die Worte des Präsidenten, er habe sich bei dem Fürsten lächerlich gemacht, er müsse ein Gegenstand des Abscheus werden, in seine Seele. Dieser Schmerz wurde aber bald durch ein noch peinlicheres Gefühl verdrängt. Wenn er erklärte und bewiese, dass er von dem ganzen Vorfall nichts wüsste, so würde der edle Jüngling, beladen mit dem Hasse seines Oheims, aller seiner Verwandten, vielleicht selbst seines Vaters, dastehen; und wie müsste dieser Hass auf sein fühlbares Herz, seinen hochgestimmten Geist wirken! wie ganz seine denkart verkehren, vergiften und alles geträumte Glück vernichten! Sollte er ihn aus dem haus seines Oheims stossen lassen? sich mit ihm? wie ein mit ihm von seinem nächsten Verwandten Verstossner und Verbannter zu dem Vater wandern?
In dieser Angst für den von ihm so unaussprechlich geliebten Jüngling sah er für ihn keine andere Rettung als die Schuld allein auf sich zu nehmen, alle Vorwürfe des Oheims, ohne Entschuldigung, ohne ihn weiter zu reizen, als verdient geduldig und bescheiden anzuhören. Er schwieg und sah ihn mit den Blicken eines Mannes an, der sich zum Besten eines andern vergisst, dessen Glück er seinem eignen vorzieht.
Der Präsident sah sein Schweigen als ein Geständnis an und sagte:
"Ihr schweigendes, demütiges Geständnis söhnt mich wieder mit meinem Neffen aus, und ich bin so erfreut darüber, dass ich Ihrem eignen Gewissen die Vorwürfe überlasse, die ich Ihnen zu machen so sehr berechtigt wäre. Ich ziehe einen Schleier über das Geschehene, weil ich die ganze geschichte zur Ehre meines Hauses, der Familie und zum Vorteil meines Neffen unterdrücken will. Sie können nur dadurch einen teil des von Ihnen veranlassten Übels wiedergutmachen, dass Sie mir hierin behülflich sind. Ernst soll von allem nichts erfahren, er soll nicht wissen, wie der Fürst über seine Torheit denkt. Den Grund davon werden Sie, hoffe ich, begreifen. Sie verlassen in einigen Stunden mein Haus; ich sorge dafür, dass alles zu Ihrer Abreise fertig ist. Sie versprechen mir jetzt, mit meinem Neffen nicht über das Geschehene zu reden und ihm zu verschweigen, dass Sie ihn verlassen, warum Sie ihn verlassen. Ich werde ihm dieses auf eine Art ankündigen, die ihn gewiss befriedigen wird. Und ferner geben Sie mir Ihr Wort, an meinen Neffen nicht zu schreiben; wir haben schon an dieser probe genug."
Der Gedanke an die plötzliche Trennung von seinem geliebten Zögling, die Furcht vor den Folgen dieser unvorbereiteten Trennung für denselben erschütterten Hadems männlichen Mut. Die Tränen brachen aus seinen Augen hervor, er wankte gegen einen Stuhl hin, um sich daran zu stützen.
Der Präsident, welcher seine Empfindungen falsch deutete, klopfte ihm leise auf die Schulter und sagte kalt:
"Ich wünsche von Herzen, dass dieses die letzte Torheit sei, die Sie zu beweinen haben mögen."
Hadems Tränen erstarrten in seinen Augen, er sah den Mann mit einem blick an, den dieser nicht ertragen konnte.
"Sie geben mir Ihr Wort?" fragte der Präsident abgewendet.
HADEM: Ja, ich gebe es Ihnen; es ist zugleich das letzte, das Sie von mir hören sollen. Vergessen Sie nur nicht, Herr Präsident, dass in dem Jüngling, den Sie einen Phantasten nennen, ein Mann keimt, für den Sie weder in Ihrem Herzen noch in Ihrem geist einen Massstab haben. Hüten Sie sich deshalb, da nach Ihrer Art modeln und künsteln zu wollen, wo die natur so kräftig und schön gebildet hat!
Er ging nach dem fürstlichen Garten, um sich zu sammeln. Unter dem tiefen Schmerz des Abschieds von dem liebenswürdigen Jüngling, in welchem er alle seine schönen Träume von edler Menschheit nach und nach lebend aufblühen zu sehen hoffte, tröstete