, das deinen klugen Oheim selbst in Erstaunen setzt.
ERNST: Und was?
FERDINAND: Es wird in der ganzen Stadt, am hof selbst aufsehen machen, darauf verlasse dich. Ich dachte es mir schon heute, als ich an dem Bette des kranken Knaben stand, die Fliegen wegjagte und den guten Mann so reden und handeln hörte und sah.
ERNST: Schon da dachtest du es? Nun, so muss es gewiss ein guter Einfall sein, da du ihn in diesem Augenblicke gehabt hast. Ich dachte an weiter nichts als wie glücklich er wäre, wie er gar nichts zu bedürfen schiene. Aber nun, Ferdinand, da ich meinen Oheim so von ihm reden hörte, denke ich ganz anders, und jetzt denke ich auch, dass ihn die Menschen brauchen, dass ihn die brauchen, die an das Wesen, von welchem mein Oheim so ängstlich für mich sprach, gefesselt sind. Er nannte das kalte, ungeheure Ding System; und mich überläuft ein frostiger Schauder, wenn ich das Wort ihm nachspreche. Ach, ich sehe es wohl, eben dieses furchtbare Wesen hat den guten Kammerrat zermalmet; und herrscht wirklich ein solches Ungeheuer überall, so fürcht ich, Ferdinand, es wird auch mich zermalmen.
FERDINAND: Das würde es gewiss, wenn wir uns vor ihm fürchteten, aber das wollen wir nicht. Wir fürchten uns ja nicht vor andern Gespenstern, sondern lachen über den Wahn, der sie erzeugt. Und mit diesem da, das der Oheim so schrecklich malt, möchte ich am liebsten kämpfen.
ERNST: Auch ich könnte es; aber was hast du ersonnen?
FERDINAND: Geradezu an den Fürsten zu schreiben, der, wie alle sagen, so gut ist, und ihm die ganze geschichte des Kammerrats zu erzählen. Ich wette, er gibt ihm alles zurück, und dann kann der Kammerrat noch mehr Gärten in des Fürsten land pflanzen.
ERNST ging auf und ab: Und mein Oheim?
FERDINAND: Deinen Oheim hat die kammer betrogen; wie hätte sonst er, ein so kluger Mann, etwas zum Nachteil der kammer und des Fürsten tun können? Hätte er es aber gekonnt, Ernst, so muss einer aus eurer Familie wieder gutmachen, was der andere schlecht gemacht hat, und so die Ehre der Familie retten. Mein Timoleon schonte seines Bruders nicht, als dieser anfing, ungerecht zu sein.
ERNST: Ferdinand, ich will hoffen, mein Oheim hatte keinen teil daran.
FERDINAND: Und wenn nun? Wir zeigen ihm doch, dass wir uns vor seinem Gespenste so wenig fürchten als Hadem, den dessen Hervorrufen nur deshalb zu bekümmern schien, weil er ganz anders von der Sache denkt. Und sagt uns Hadem nicht immer, dass man bei guten, gerechten Unternehmungen weder auf sich noch andre Rücksicht nehmen müsse? Sollte ich nun etwas unternehmen, so würde ich eher Hadem als deinen Oheim um Rat fragen; denn mich dünkt, dein Oheim weiss recht gut, was sein Gespenst ihm nützt, kümmert sich aber nicht sehr viel darum, was es andern schadet.
ERNST: So lass uns Hadem um Rat fragen.
FERDINAND: Auf keine Weise. Ich teile den Ruhm der ersten guten Tat, die wir unternehmen wollen, nur mit dir, mit keinem andern, selbst mit Hadem nicht. Nur dir bin ich dieses und alles schuldig, von der Höhle her. Ernst, es muss eine Jugendtat sein – und soll sie ihn recht freuen, die Tat, soll er sie als eine wirkung seiner uns gegebenen Lehren betrachten, so muss sie ohne seine Leitung geschehen. Leicht könnte es ihm auch bei deinem Oheim, der ihn eben nicht zu lieben scheint, Verdruss machen, und da es etwas für die Gerechtigkeit Gewagtes ist, so müssen wir alle Gefahr allein bestehen.
In Ernstens Seele arbeitete die Vorstellung des Unternehmens mächtig. Schon entwarf er im geist, was er dem Fürsten schreiben wollte. Er wendete sich zu Ferdinand:
"Aber wie dem Fürsten den Brief zustellen?"
FERDINAND: Nichts ist leichter. Erinnerst du dich der dunkeln Laube am hellen Teiche, der grünen Insel gegenüber, wo wir ihn jeden Morgen von fern mit einem buch allein sitzen sehen? Wir legen den Brief auf die Bank und verschwinden. Er kommt, findet, liest; und der Kammerrat erhält, was wir ihm wünschen.
Die Jünglinge kleideten sich aus. Hadem kam; er fand sie ruhig, sah in Ernstens Augen den Duft der schönen Begeistrung und schmeichelte sich mit der Hoffnung, dass die Reden des Oheims ohne gefährliche wirkung an ihm vorübergegangen wären.
Im Traume arbeitete der Gedanke in Ernstens Seele fort. Er erwachte sehr früh und rief Ferdinand. Da dieser von dem gestrigen Vorhaben nichts erwähnte und ganz ruhig im Bette blieb, so sprang Ernst auf, kleidete sich schnell an und schrieb dem Fürsten die geschichte des Kammerrats in eben dem schönen und einfachen Gefühle, wie sein junges Herz sie gestern empfunden hatte. Er endigte mit den Worten: "Ich fürchte durch eine Bitte für den Kammerrat einen so guten Fürsten zu beleidigen, da jede Bitte einen Zweifel an seiner Güte und Gerechtigkeit voraussetzt." Ehe Hadem und Ferdinand aufstanden, war Ernst schon in dem fürstlichen Garten gewesen und hatte sein Schreiben an Ort und Stelle gebracht. Auf den Schwingen der ersten guten Tat flog er nach haus und lispelte die Zeitung davon in das Ohr des noch schlafenden Ferdinands.
Es war der erste Schritt, der erste Gedanke,