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der wir einst beitreten sollen, so fürchterlich und ohne alle Vorbereitung aufgestellt, wie Sie es eben taten, nur dann von uns ertragen und richtig beurteilt werden können, wenn unser Herz schon so weit ausgebildet, schon seiner so mächtig geworden und mit der Vernunft in eine so richtige Übereinstimmung gebracht ist, dass es unsre eigennützigen Leidenschaften, unsre selbstigen Triebe und Begierden, die aus dergleichen auf sogenannte Erfahrung gegründeten Sätzen entspringen, meistern kann? Leicht nimmt der Mensch die Stelle des Ganzen ein und sieht es gerne für einen Gegenstand an, mit dem der am besten auskommt, der ihn am klügsten zu seinem Vorteil zu benutzen weiss. Ich denke Ernsten und seinen Freund so hoch zu stellen, dass sie nie im Schlamm des Eigennutzes versinken können; und darum müssen die Flügel, die sie über diesem Pfuhl emporhalten sollen, aus ihrem eignen Herzen wachsen. Hier haben Sie meine Antwort auf Ihre Frage und den ganzen Sinn meines Erziehungsplans."

PRÄSIDENT: Und nochmals frage ich: was wollen Sie in meinem Neffen erziehen?

HADEM: Einen Menschen.

PRÄSIDENT: Einen Menschen!

HADEM: Und zwar in dem Sinne, weil Sie doch die Bedeutung von mir hören wollen, dass er es nicht für sich allein sei, dass er es für jeden sei, es für sich selbst, in jeder Lage des Lebens, er sei glücklich oder unglücklich, reich oder arm, verbleibe; dass er jeden Schlag des Schicksals, der Bosheit der Menschen ertragen lerne und keinem unterliege, dass er keinen grösseren Sieg kenne als den Sieg über sich und seine eigennützigen Leidenschaften, über das Böse und Unrecht anderer. Einen Menschen hoffe ich in ihm zu erziehen, der eine stille, gute Tat der grössten und rauschendsten vorziehe und der den Menschen so durch sich und sein Wirken achten lerne, dass er ihn in keinem, auch in dem Geringsten nicht, verachte, der fest glauben lerne und nie vergesse, dass es nur Leute der Art sind, wozu ich ihn bilden möchte und wozu er so vielversprechende Anlagen hat, die das gepanzerte Gespenst, das Sie so fürchterlich schreckend auftreten liessen, noch so im Zaume halten, dass es die Menschen, die es, wie Sie selbst sagen, nur um ihrer Erhaltung willen geschaffen haben, nicht unter seinem ehernen fuss zermalmen kann.

PRÄSIDENT: Ein Stoiker könnte nicht erhabener sprechen! Setzen Sie das Horazische "Er ist König!" hinzu, und das Bild des Weisen ist vollendet. Freilich sind dieses gewaltige Machtwörter, Herr Hadem; aber ihr zauberischer Glanz verdunkelt sich gar schnell vor dem Zwitterlichte, das uns in diesem Sumpfe, wie es Ihnen das menschliche Leben zu nennen beliebt, noch immer leuchtet. Wir stecken nun einmal darin und müssen es sogar leiden, dass es uns Leute Ihrer Art von ihrer glänzenden Höhe zurufen. Indessen ist leider auch meinem Neffen ein Platz in diesem Sumpfe angewiesen, und er muss einmal darnach erzogen werden, dass er darin nicht versinke. Darum, Herr Hadem, einen Edelmann und keinen MenschenSie verstehen ja, was ich sagen will.

HADEM: Und so, Ew. Exzellenz, dass jede Antwort überflüssig wäre.

Der Präsident wendete ihm verdriesslich den Rükken zu.

7.

Ernst ging wie im Traum auf das Zimmer. Sein innrer Sinn schwankte, und das hohe Gebilde seiner Seele, in jugendlicher Begeistrung errungen, schien hinter fernen dunklen Wolken ausser seinem Gesichtskreise zu schweben. Der Sinn der Worte, die der Präsident gesagt hatte, bildete sich in ein furchtbares, drohendes Wesen um ihn aus; und schon jetzt würde es sich ihm in dieser Spannung entüllt haben, wenn der Mann, der die Veranlassung dazu gab, nicht aus dem ihn umschattenden Dunkel hervorgetreten wäre. Seine reine, einfache Tugend warf einen sanften Lichtstrahl auf den Kranz, den er heute gepflückt hatte und der jetzt über seinem Hauptküssen hing. Die Wolken, die seine Göttin verhüllten, wurden wieder lichter.

"Ferdinand!" rief er nach langem Schweigen; "du hast gehört, dass ich meinen Oheim umsonst für den Kammerrat gebeten habe. Der arme, gute Kammerrat! Wie konnte der Oheim mir eine so billige, so kleine, so gerechte Sache abschlagen!"

FERDINAND: Wenn ich deinen Oheim recht verstanden habe, so hat er dir sie eben darum abgeschlagen, weil sie gerecht ist und er unrecht hat. Auch dünkt es mich nach seinen Reden, dass es eben nicht die kleinste und leichtste Sache in der Welt ist, gerecht zu sein. Und um so besser, Ernst! Es ist mir recht lieb, dass es sich so verhält. Um so mehr können die, welche den Mut haben, gerecht zu sein, Lob und Ruhm in der Welt erwerben. Wie, wenn wir nun dem guten Kammerrat trotz dem Oheim zu helfen suchten, helfen könnten!

ERNST: Trotz dem Oheim? Und wie?

FERDINAND: Ich möchte gar zu gerne das ganze Fürstentum in einen solchen Garten verwandelt sehen, den Hadem mit allem Rechte ein Paradies nennt. Und wenn ich mich so mitten hineinsetzen könnte, als sein Schöpfer

ERNST: Dich? Was träumst du nun wieder von der Zukunft! Ich dachte, du wüsstest ein Mittel, dem Kammerrat zu helfen, ihm sein Haus, seinen Garten, seine Stelle wieder zu verschaffen!

FERDINAND: Dies ist es eben, was mich beschäftigt; und darum, Ernst, muss etwas Kühnes unternommen werden, etwas, das kein Mensch von uns erwartet, so etwas