1798_Klinger_060_12.txt

Herr Hadem, wissen Sie wohl, dass ich Präsident dieser kammer bin? dass ich des Toren Abschied unterschrieben habe? dass ihm widerfahren ist, was er mehr als verdient hat? Soll mein Neffe etwa von Ihnen lernen, sein Oheim sei ein ungerechter Mann? Und was soll das heissen, dass Sie die jungen Leute zu einem Toren führen, dessen Beispiel, Narrheit und Spiegelfechterei so verderbend als ansteckend für sie sind? Zu einem Phantasten, der die fürstliche Kasse mit der Rechten bestiehlt, um mit der Linken, wie Hans Eulenspiegel, Almosen zu spenden! Ich mag mich jetzt nicht weiter über diese Sache herauslassen und sage Ihnen nur so viel, dass dieses nicht die Leute sind, zu denen ein Hofmeister die ihm anvertraueten jungen Edelleute führen muss, da sich in der Residenz und vorzüglich in meinem haus bessere, anständigere und nützlichere Bekanntschaften für sie machen lassen."

Hadem antwortete kalt und trocken:

"Den Schaden, Eure Exzellenz, der durch diesen Besuch diesen jungen Edelleuten widerfahren sein mag, habe ich gegen Herrn von Falkenburg zu verantworten."

"Sie vergessen, mein Herr, dass ich nun seine Stelle vertrete!" sagte der Präsident mit Unwillen.

Hadem erwiderte: "Das weitere nach der Tafel, Herr Präsident!" Ernst trat bittend zu seinem Oheim, ergriff sanft seine Hand und küsste sie. "Sie irren sich, lieber Oheim; dieser Besuch ist uns sehr nützlich gewesen. – Verzeihen Sie mir meine Zudringlichkeit; und sollten Sie mir dieselbe auch nicht verzeihen, so muss ich doch noch einmal für den Kammerrat bitten, dem so viel Unrecht geschehen ist. Gewiss hat man Ihnen in Ansehung seiner nicht die Wahrheit gesagt; er hat Feinde, der gute Mann. – hören Sie die Wahrheit von mir!"

PRÄSIDENT: Ich weiss sie recht gut, lieber Neffe, die Wahrheit, und weiss auch, dass dieser Tor keinen grösseren Feind hat als sich selbst. Vernimm nun mein letztes Wort über diesen mir jetzt noch gehässigern Punkt. Lass dir dasselbe als ein Edelmann, der einst tätig in der Welt auftreten muss, von einem erfahrnen Geschäftsmann gesagt und unvergesslich sein. Jeder Staat, er sei gross oder klein, besteht durch ein Ding, an das alles gefesselt ist und gefesselt bleiben muss, das alles durch feste, unabänderliche Ordnung in Abhängigkeit von sich hält. Dieses Ding, Ernst, heisst System, und nach ihm muss sich ein jeder von uns bequemen, er sei und heisse wie er wolle. Es ist unser aller gewaltiger Herr und Herrscher. Der Fürst selbst muss sich ihm unterwerfen und gleicht dadurch dem Gott der alten Fabel, der zwar alles beherrscht, aber von dem ewigen Schicksal, vor ihm selbst geboren, abhängt. Sieh, ich kann auch in Bildern reden und beweise dir nun, dass ich die Bücher gelesen habe, die dich zu erhitzen scheinen. Er blickte nach Hadem und fuhr fort. Jeder kühne Vernünftler nun oder jeder heisse Schwärmer, der durch anmassende Zurechtweisungen, unregelmässige Eingriffe den festen gang dieses kalten, unbiegsamen, notwendigen Wesens, das alles zermalmet, was sich ihm entgegenstellt, und das die Menschen zu ihrer eignen Erhaltung als Herrscher über sich erschaffen mussten, zu stören wagt, zerstösst sein leeres oder feuriges Gehirn an diesem in Erz gepanzerten Riesen. Ich habe bemerkt, dass die Metapher deine Lieblingsfigur geworden ist; so wirst du mich ja um so leichter verstehen.

Hadem sass da, als führen verzehrende Blitze aus dem mund des Redenden. Er sah durch einige Atemzüge des gereizten kalten Mannes sein ganzes Gebäude erschüttert, die Blüten seiner Hoffnung von einer giftigen Luft in dem Augenblick angehaucht, da sie eben aus der Knospe dringen wollte.

Ernst stand da, als habe sein Oheim durch einen Zauberspruch die Sonne verfinstert und ihn mitten in den Kreis scheusslicher, der Finsternis entsprungener Gespenster gestellt.

Hadem wollte reden. Der Präsident hob die Tafel auf und trat mit ihm in ein Seitenzimmer. Er sprach:

"Es scheint nicht, Herr Hadem, dass Ihnen das sehr gefalle, was ich soeben notgedrungen sagen musste. Ich glaube es gerne; denn ihr Herren, die ihr auf eurer Studierstube die Menschen und ihr Wesen nur aus Büchern kennenlernt, tragt gar zu gern eure abgezogenen Begriffe in die Welt über, in welcher ihr immer Fremdlinge seid und bleibt. Ich dachte wohl, dass Sie so etwas diesem Ähnliches vorbringen würden; darum endigte ich das Gespräch im Speisesaal. Glauben Sie mir, Herr Hadem, nichts ist jungen Leuten von lebhaften Gefühlen nachteiliger, als wenn man ihre Erwartungen von den Menschen und ihrem Wert über die Grenzen der Wirklichkeit treibt. Denn entweder sieht der junge Mann ein, dass man ihm zu viel gesagt hat, und wirft plötzlich alles als Lüge weg, wird ein schlechter Kerl; oder, hat er Kraft und Stolz, so wird er am Ende ein missmutiger, melancholischer Tropf, sich und andern zur Last. Darum frage ich Sie nun als ein Mann, der beides hasst: was denken Sie eigentlich in meinem Neffen zu erziehen?"

HADEM: Und so antworte ich Ihnen als ein Mann, der auch beides hasst. – Wenn es mir glückt, wie ich zu hoffen Grund habe, wenn Äusserungen, wie ich soeben vor der Zeit vernehmen musste, mich nicht in meinen schönen Hoffnungen betriegen ...

Der Präsident ward finster-ernstaft.

Hadem fuhr fort: "Warum sollt ich Ihnen nicht sagen, dass Bemerkungen, Bilder über die Gesellschaft,