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, die bei dieser Regel blieben. Ja, ein solcher Kammerrat schade am Ende dem Fürsten selbst; denn der Fürst könne doch unmöglich so verfahren wie der Kammerrat, der von der Regel abweiche, wenn er Fürst bleiben wolle. Man müsse sich wohl hüten, sagen sie, die Ansprüche der Bauern über die Gebühr zu reizen, weil es sonst kein Ende damit nehme, und das Allerklügste wie das Beste sei, alles bei dem alten zu lassen. Dies kann nun so wahr als klug sein; mir tut es nur leid, dass es so ist. Und sehen Sie nur, wie sich alles sonderbar fügen und schicken muss. Vor einiger Zeit brannten in einem der benachbarten Dörfer einige Häuser mit Habe, Fahrt und der eingeführten Ernte ab. Das Elend war gross, und ich wusste, wie langsam alles bei der kammer vermöge dieser Regel geht. Ich wich also, mit gutem Gewissen, meinte ich, ein wenig von dieser Regel ab, nahm von meinem Eignen, was ich zusammenbringen konnte, und lieh das Fehlende aus der fürstlichen Kasse; denn sehen Sie nur, zehn Monate hatte ich schon von meinem Gehalt verdient, zwei Monate hatten bis zur Zahlung noch zu laufen. So borgte ich demnach nur, was ich schon abverdient hatte. Wie dieses die kammer erfahren hat, das weiss ich nicht. Man kam auf einmal, untersuchte die Kasse vor der gewöhnlichen Zeit, und als man sie eröffnete, sagte ich den Herren, was und warum ich es getan. Man erschrak gewaltig, bedauerte höchlich den besonderen Vorfall, wollte gehörigen Orts melden, und ich erhielt nicht lange hierauf meinen Abschied wegen des gefährlichen Beispiels, das ich gegeben. Der Abschied entielt noch allerlei sonderbare Vorwürfe, Vorwürfe, Herr Hadem, die ich gar nicht vermuten konnte. Aber man erfährt allerlei in dieser Welt, wenn man nicht so klug ist wie die Herren. Es meldeten sich noch einige Schuldner, und so verkaufte man geschwind mein Haus mit dem Gärtchen und machte den Mann, der jetzt darin wohnt, zum Bettler. Ich kann ihm nicht helfen, so viele Mühe ich mir auch gebe; denn die Bauern sind so eigensinnig, so aufgebrachtund, denken Sie, der arme Mann kann nicht einmal das Gärtchen nutzenwas soll er mit den Kräutern und Gesäme machen, das ich dort gepflanzt habe, das Ihnen so viel Freude machte! Alles fault, lieber Herr Hadem!

Einen Augenblick, ich muss doch der guten Schulzin sagen, dass sie etwas mehr zum Mittag anrichte, die jungen Herren werden Hunger haben. Der Schulze wird nun bald nach haus kommen. Denken Sie nur, der eigensinnige Mann wollte den Branntwein zu den Umschlägen nicht bei dem Wirte "Zum Verschwender" kaufen, so sehr es auch not tat; er lief lieber nach dem Städtchen. – Er gab Hadem den Fliegenwedel und ging hinaus.

Hadem setzte sich vor das Bett und blickte nach seinen Zöglingen. Ferdinand bat um den Fliegenwedel. Ernst sah unverwandt nach der tür, und als der Kammerrat wieder hereintrat, ging er ihm entgegen, begleitete ihn bis zu seinem Schemel und setzte ihn zurecht, als Hadem aufstand. Der Kammerrat sagte: "Alles ist bestellt. Mir ist es sehr lieb, Herr Hadem, dass ich einmal der häuslichen Sorgen los bin. Ich konnte nie mit dem Gesinde zurecht kommen, weil ich das Zanken nicht verstehe; und recht zu zanken ist eine grössre Kunst, als Sie wohl glauben. Man muss nach dem Sinne eines jeden zu zanken wissen, wenn es wirken soll. Nun habe ich mehr Häuser als unser guter Fürst und nicht die geringste sorge dabei. Darum sage ich eben: wenn die kammer recht hat, dass ich ein Narr bin, so bin ich ein sehr glücklicher Narr!"

Ernst ergriff seine Hand: "O Gott! lass mich es so werden!"

Hadem sah Ernsten gerührt an. Ferdinand bewegte den Fliegenwedel stärker. Der Kammerrat lächelte und sagte zu Ferdinand: "Sie machten es recht gut, wenn es ein wenig langsamer ginge. Ich will indessen die Kräuter dort pflücken!" Ernst half ihm, und Hadem unterhielt sich mit dem kind, das ihm erzählte, was es von dem Kammerrat gelernt habe.

Der Schulze kam nach haus. Man setzte sich zu Tische, und die Zeit verflog unter Gesprächen über das Leben des Landmanns. Der Kammerrat legte zuzeiten die Umschläge auf, und Hadems Zöglinge gingen ihm zur Seite, wohin er sich wendete. Er begleitete die Rückkehrenden: der Abschied ward wie von Freunden genommen, und Ernst pflückte beim Heimwandeln in den blühenden Feldern einen Kranz von Feldblumen und Ähren, den er sehr fest und sorgfältig zusammenfügte und dann am arme trug. Er bestimmte ihn im geist zur Zierde seiner gewählten Blende in der Höhle; da sollte er als ein Denkmal des Mannes hangen, der dieses Paradies geschaffen hatte und dessen Tugend und Güte so rein waren.

6.

Beim Abendtische erzählten die Jünglinge dem Oheim, wie angenehm sie diesen Tag auf dem land zugebracht hätten. Der Oheim liess sich erzählen und sah während der Erzählung verdriesslich auf Hadem. Als aber Ernst über den Undank und die Ungerechtigkeit klagte, die man gegen den Kammerrat ausgeübt, und von diesem mann in dem Gefühle sprach, in welchem er ihn ansah, endlich gar seinen Oheim dringend bat, sich für ihn zu verwenden, sagte der Präsident in einem rauhern Tone, als er bisher noch getan hatte:

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