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ihn ab? Was hatte er Böses getan?

WIRT: Böses? Junger Herr, darüber wäre vieles zu reden! Die kammer muss es ja wohl wissen. – Ich klage und jammre nun auch umsonst bei ihr. –

"Und wo ist denn der Kammerrat?" fragte Hadem besorgt.

WIRT: Dem geht es recht gut! Jetzt wohnt er bei dem Schulzen. Er ändert seine wohnung von Woche zu Woche, und ist er bei den Wohlhabenden eines Dorfes herum, so zieht er auf das nächste, und so immer fort. Da ist es denn ein Lärmen, Singen und Schreien, wenn der Sonnabend kommt! Da führen ihn Mütter, Kinder und die Alten mit Hund und allem was lebt so freudig und mit solcher Ehrfurcht in die neue wohnung ein, als wäre ein Engel vom Himmel gestiegen, um das Haus reich, glücklich und alles darin gesund zu machen. Hadem eilte nun mit seinen Zöglingen nach dem haus des Schulzen. Die Hausfrau war in der Küche beschäftigt, und als man sie nach dem Kammerrat fragte, öffnete sie freundlich die tür. Den Kammerrat fanden sie an dem Bette eines kranken Knaben sitzen, mit der rechten Hand einen Fliegenwedel und mit der linken ein grosses Pflanzenbuch auf dem arme haltend. Als er die Eintretenden gewahr wurde und Hadem erkannte, bewillkommte er ihn, ohne aufzustehen und ohne sich anders zu entschuldigen, als dass er mit einem blick auf den kranken Knaben hinzeigte.

Hadem stellte ihm seine Zöglinge vor, drückte ihm die Hand, zog einen Schemel näher und setzte sich bei dem Bette nieder. Der Kammerrat stellte nun sein Kräuterbuch zwischen seine Füsse und bewegte leise den Wedel über dem Angesicht des Kindes.

Hadem erkundigte sich, was dem kind fehle, das er so freundlich besorge, und der Kammerrat antwortete: "Ein böser Bube hat ihm einen Stoss gegeben, der üble Folgen haben könnte, wenn das Kind nicht so artig und geduldig litte, was wir zu seiner Heilung tun. Ich suche nun noch kräftigere Kräuter zu Bähungen ausdenn, unter uns gesagt, ich lege mich seit einiger Zeit auf die Kräuter- und Heilkunde, um doch dem guten volk durch etwas nützlich sein zu können. Sie müssen mich aber ja nicht verraten, Herr Hadem, und auch Ihre junge Herren nicht. Erführen es die Apoteker und der Landphysikus, so würden sie gewiss schreien, ich schade ihnen."

HADEM: Sollten sie?

KAMMERRAT: Ich habe es ja erfahren, dass man nicht behutsam genug gegen Leute sein kann, die der Eigennutz zu einem Körper verbindet. Ich war es nicht genug, Herr Hadem; wenigstens sagen sie so. Aber was soll ich tun? Wie Sie sehen, werde ich den Fehler wohl behalten.

Hadem drückte ihm noch wärmer die Hand, und Ernst trat näher.

HADEM: Wir sind in Ihrem haus gewesen, lieber Kammerrat.

KAMMERRAT lächelnd: Und haben mich dort nicht gefunden, weil es mein Haus nicht mehr ist. Aber doch haben Sie mein Porträt auf dem grossen Schilde gesehen. Wenigstens soll es mich vorstellen, getroffen oder nicht.

HADEM: Sie?

KAMMERRAT: Sagen Sie, ist es nicht eine Torheit von der kammer, dem armen mann mit aller der Vergoldung und närrischen Pracht so viele Kosten zu verursachen? Wenn die kammer sich einen Spass machen wollte, so hätte sie doch ökonomischer dabei verfahren müssen. dafür heisst sie die kammer, und das hätte sie auch hier nicht vergessen sollen.

HADEM: Was wir da sahen, lieber Kammerrat, ist nichts anders als ein dauerndes Denkmal Ihrer Tugend und durch seine Bosheit ein noch schändlicherer Beweis von dem Unsinn und der Undankbarkeit der kammer. Ich ahnde, woher es kommen mag, und Sie würden mich sehr verbinden, wenn Sie mir sagten, wie es möglich war, wie das geschehen konnte, was ich von dem jetzigen Bewohner Ihres Hauses erfahren habe.

KAMMERRAT: Der arme Mann dauert mich; ich musste die unschuldige Ursache zu seinem Elende sein.

HADEM: Wollten Sie uns erzählen

KAMMERRAT: Ich rede so ungern davon.

HADEM: Nun, so kurz, als es die Bosheit verdient; wir lernen dann von Ihnen sie zu vergessen.

KAMMERRAT: Nur auf diese Bedingung. Nun, lieber alter Freund, die kammer sagt, der Kammerrat Kalkheim sei ein Narr; und daran mag wohl etwas sein. Aber das weiss die kammer nicht, dass ich immer ein sehr glücklicher Narr war und es noch bin. Ich habe für die Bewohner der hiesigen Gegend allerlei getan, und die Leute wussten mir es Dank. Sie werden wohl gesehen haben, wie es mit ihren Feldern, Häusern, Scheunen und Ställen steht; das nun machte mir so viele Freude, dass ich gar nicht daran denken konnte, es mache andern Leuten Kummer. Auch dachte ich so wenig daran, was es mir etwa kostete, dass ich mir gar nicht einfallen liess, die fürstliche kammer, die doch dabei gewann, würde mir es verargen. Aber sie sagen, ich sei nicht klug, verdürbe die hiesigen Bauern, die unter andrer Leute Aufsicht ständen, und machte sie unzufrieden, weil die, unter deren Aufsicht sie ständen, gescheitere Männer wären und man sie nicht darum als Kammerräte über die Bauern gesetzt hätte, um solche Narren wie ich zu sein. Sie sagen, ein Strich Landes müsse nach eben der Regel behandelt werden wie der andere und der Kammerrat, welcher von dieser Regel abweiche, schade denen