Friedrich Maximilian Klinger
geschichte eines deutschen
der neusten Zeit
Erstes Buch
1.
Der teutsche Mann, dessen geschichte ich, aus mir selbst aufgelegter Pflicht, zu schreiben unternommen habe, ist durch seine ihm eigne denkart und besondre Stimmung des Herzens ebenso merkwürdig als durch sein Schicksal. Für mich war er eine Erscheinung in der moralischen Welt, einem Luftzeichen ähnlich, das durch seinen strahlenden Ausfluss die Augen so lange ergötzt, als es sich noch am fernen Horizont bildet; zieht es aber im düstern Dunstkreise den Bogen des himmels herauf, so fliehet der Haufen vor der ihm zweideutigen Erscheinung, und nur der Kundige freut sich, wenn auch unter kleinem Schauder, eine nicht alltägliche wirkung der natur gesehen zu haben. Unter diesem Bilde stelle ich euch Ernst von Falkenburg als Jüngling und Mann dar. Als er in blühender Jugend die Bahn des tätigen Lebens betrat, zog er die Blicke der Menschen auf sich; als er aber die Mitte derselben kaum erreicht hatte und Bosheit und Wahnsinn seinen Glanz verdunkelten, ward er eben diesen Menschen ein Gegenstand des Schrekkens, des Abscheus. Was er dem Kundigen werden wird, hängt von dieser geschichte ab. Hier, wo nur Wahrheit spricht, wo nur sie Zweck ist, zieht sich der Schriftsteller zurück.
Von ihr allein geleitet, soll und muss ich dartun, warum, wie und wodurch Ernst von Falkenburg aus dem mildesten, freundlichsten und edelsten Jüngling ein Mann geworden ist, den man in den Gegenden seines Aufentalts nur zu nennen braucht, um die Herzen erkalten oder ergrimmen zu sehen; den man nie nennt, ohne dass eben die Lippen, welche einst nie ermüdeten ihn lobzupreisen, den Spruch des Hasses und der Verwerfung über ihn aussprechen.
Ich muss der Welt zeigen, warum ihn seine Lästrer verkennen, und es soll aus seiner geschichte hervorgehen, dass keiner der ihn so schnöde und schonungslos Richtenden je nur das erhabene Gefühl geahndet hat, das sein Führer im Leben war, welches ihn nun auf einen Punkt des moralischen Daseins geführt hat, worauf ich ihn zwar mit ängstlichem Schauder, aber mit dem Schauder, den Bewunderung erzeugt, stehen sehe. Seine Lästrer sollen einsehen, dass er sich selbst nie untreu ward, dass er sich noch jetzt treu ist und dass sie in dem Verdammungsspruch über ihn nur sich, ihrem Wahne und ihrem gesamten Wesen, Denken und Tun das Urteil sprechen. Doch diejenigen, mit welchen er nie etwas gemein hatte als die Erde, die sein Fuss nur betrat, sie, deren Weg von dem seinen so weit entfernt liegt als die Heerstrasse, die der Karrnführer im nassen Herbste durchackert, von der Sonnenbahn, auf welcher der Gott des Lichts seinen fliegenden, feurigen Wagen lenkt, werde ich ihm schwerlich zuführen. Auch kümmert mich ihr Urteil ebenso wenig als den Mann, von dem ich zu euch rede, und ich halte mich für belohnt genug, wenn ich für ihn die Teilnahme, das Mitleiden, die richtige Erkenntnis seines Zustands einiger edlen unseres volkes gewinne. Mit ihnen war er immer verwandt und ist es jetzt noch, da er, getragen von dem Gefühl, wodurch er ihnen gleicht, über der Brandstätte seines herrlichen jugendlichen Gebäudes emporgehalten schwebt und sein düstrer männlicher Geist über die Leiche des Jünglings stille klagt, der unter dem dampfenden Moder in Asche zerfiel. Nie konnte er ganz fallen, weil er fühlte, was er als Jüngling war, was ihn als Jüngling beglückte, weil er über den Schauplatz von seinem einsamen schloss hinsieht, auf welchem seine schönen blühenden Jugendträume, seine edlen Entwürfe und die versprechenden Keime uneigennütziger Tugenden entstanden, sich bildeten und entwikkelten.
In diesen muss ich euch führen; denn der Schauplatz der Jugend hat auf Menschen der Art, wie der Mann ist, dessen Seele ich euch nun zu entüllen beginne, nicht mindern Einfluss als die Felsenklippen in der Einöde, zwischen welchen der Adler nistet, und der Myrtenbusch im geselligen Rosengarten, auf welchem die Nachtigall den jungen Sänger der Liebe erzieht, auf die Brut des Königs der Luft und die Brut des Sängers der zärtlichen Gefühle.
2.
Nicht weit von den Ufern des *** Flusses lag auf einer Anhöhe das Schloss der Herren von Falkenburg, seit Jahrhunderten im Besitze dieses edlen Geschlechts. Ein biedrer, treuer teutscher Sinn hatte mit dem alten, festen Felsenschlosse in diesem Geschlechte fortgeerbt und wurde vermutlich dadurch so unverfälscht erhalten, dass sie den grössten teil ihres Lebens hier zubrachten. Ein dichter Eichenwald, der unsern Urvätern, den alten Germaniern, Schatten verliehen zu haben schien, empfing den Knaben in seinem kühlen feierlichen Dunkel. Felsen, mit der Erde geboren, lockten ihn auf ihre Höhe, dass er von ihren Spitzen die Anmut, den Reichtum, die Herrlichkeit und Macht, womit die natur die Gegend so schön und erhaben geschmückt hatte, in einem Überblicke genösse. Eine Höhle in dem nahen Gebirge, zu deren düsterem, weitklaffenden Schlunde man durch Felsenkrümmungen mühsam gelangte, in deren Mitte die natur ein kühnes wunderbares Werk gebildet hatte, indem sie einen grossen Raum zu einem Riesensaale wölbte und die ganze Masse des Gebirges auf ungeheure wild und regellos geformte und geordnete Säulen stellte, die verschlungen in labyrintischen Gängen endlich zu einem Abgrunde führten, welcher sich, der Sage nach, weit unter dem Flusse weg verlor, lud die Seele des Jünglings zum Nachsinnen über die dunkeln Geheimnisse der Ober- und Unterwelt und ihre mächtigen, unfasslichen Kräfte ein. Fleiss und Kunst hatten die wilden Striche der Gegend mit Wiesen, Feldern und anmutigen Gärten durchschnitten. Betriebsame