die mit einem lustigen Tanze und einem heiligen Märchen sich trösten über die schmähliche Gewalt, die über ihnen lastet – kannst du sagen, ich schäme mich dieses Stoffs? Ich meine, er wäre doch noch bildsam. Kannst du dein Herz abwenden von den Bedürftigen? Sie sind nicht schlimm, sie haben dir nichts zuleide getan!
Was kann ich für sie tun, rief ich.
Gib ihnen, was du in dir hast, erwiderte Diotima, gib –
Kein Wort, kein Wort mehr, grosse Seele! rief ich, du beugst mich sonst, es ist ja sonst, als hättest du mit Gewalt mich dazu gebracht –
Sie werden nicht glücklicher sein, aber edler, nein! sie werden auch glücklicher sein. Sie müssen heraus, sie müssen hervorgehn, wie die jungen Berge aus der Meersflut, wenn ihr unterirdisches Feuer sie treibt.
Zwar steh ich allein und trete ruhmlos unter sie. Doch Einer, der ein Mensch ist, kann er nicht mehr, denn Hunderte, die nur Teile sind des Menschen?
Heilige natur! du bist dieselbe in und ausser mir. Es muss so schwer nicht sein, was ausser mir ist, zu vereinen mit dem Göttlichen in mir. Gelingt der Biene doch ihr kleines Reich, warum sollte denn ich nicht pflanzen können und baun, was not ist?
Was? der arabische Kaufmann säete seinen Koran aus, und es wuchs ein Volk von Schülern, wie ein unendlicher Wald, ihm auf, und der Acker sollte nicht auch gedeihn, wo die alte Wahrheit wiederkehrt in neu lebendiger Jugend?
Es werde von Grund aus anders! Aus der Wurzel der Menschheit sprosse die neue Welt! Eine neue Gotteit walte über ihnen, eine neue Zukunft kläre vor ihnen sich auf.
In der Werkstatt, in den Häusern, in den Versammlungen, in den Tempeln, überall werde es anders!
Aber ich muss noch ausgehn, zu lernen. Ich bin ein Künstler, aber ich bin nicht geschickt. Ich bilde im geist, aber ich weiss noch die Hand nicht zu führen –
Du gehest nach Italien, sagte Diotima, nach Deutschland, Frankreich – wieviel Jahre brauchst du? drei – vier – ich denke drei sind genug; du bist ja keiner von den Langsamen, und suchst das Grösste und das Schönste nur –
"Und dann?"
Du wirst Erzieher unsers volkes, du wirst ein grosser Mensch sein, hoff ich. Und wenn ich dann dich so umfasse, da werde ich träumen, als wär ich ein teil des herrlichen Manns, da werde ich frohlocken, als hättst du mir die Hälfte deiner Unsterblichkeit, wie Pollux dem Kastor, geschenkt, o! ich werde ein stolzes Mädchen werden, Hyperion!
Ich schwieg eine Weile. Ich war voll unaussprechlicher Freude.
Gibts denn Zufriedenheit zwischen dem Entschluss und der Tat, begann ich endlich wieder, gibts eine Ruhe vor dem Siege?
Es ist die Ruhe des Helden, sagte Diotima, es gibt Entschlüsse, die, wie Götterworte, Gebot und Erfüllung zugleich sind, und so ist der deine. –
Wir gingen zurück, wie nach der ersten Umarmung. Es war uns alles fremd und neu geworden.
Ich stand nun über den Trümmern von Aten, wie der Ackersmann auf dem Brachfeld. Liege nur ruhig, dachte ich, da wir wieder zu Schiffe gingen, liege nur ruhig, schlummerndes Land! Bald grünt das junge Leben aus dir, und wächst den Segnungen des himmels entgegen. Bald regnen die Wolken nimmer umsonst, bald findet die Sonne die alten Zöglinge wieder.
Du frägst nach Menschen, natur? Du klagst, wie ein Saitenspiel, worauf des Zufalls Bruder, der Wind, nur spielt, weil der Künstler, der es ordnete, gestorben ist? Sie werden kommen, deine Menschen, natur! Ein verjüngtes Volk wird dich auch wieder verjüngen, und du wirst werden, wie seine Braut und der alte Bund der Geister wird sich erneuen mit dir. Es wird nur Eine Schönheit sein; und Menschheit und natur wird sich vereinen in Eine allumfassende Gotteit.
Zweiter Band
µη φυναι, τον απαντα νικα λογον. το δ'επει
φανη βηναι κειϑεν, οϑεν περ ηκει, πολυ δευτερ
ον ως ταχισα.
SOPHOKLES.
Erstes Buch
Hyperion an Bellarmin
Wir lebten in den letzten schönen Momenten des Jahrs, nach unserer Rückkunft aus dem Attischen land.
Ein Bruder des Frühlings war uns der Herbst, voll milden Feuers, eine Festzeit für die Erinnerung an Leiden und vergangne Freuden der Liebe. Die welkenden Blätter trugen die Farbe des Abendrots, nur die Fichte und der Lorbeer stand in ewigem Grün. In den heitern Lüften zögerten wandernde Vögel, andere schwärmten im Weinberg, und im Garten und ernteten fröhlich, was die Menschen übrig gelassen. Und das himmlische Licht rann lauter vom offenen Himmel, durch alle Zweige lächelte die heilige Sonne, die gütige, die ich niemals nenne ohne Freude und Dank, die oft in tiefem Leide mit einem Blicke mich geheilt, und von dem Unmut und den Sorgen meine Seele gereinigt.
Wir besuchten noch all unsere liebsten Pfade, Diotima und ich, entschwundne selige Stunden begegneten uns überall.
Wir erinnerten uns des vergangenen Mais, wir hätten die Erde noch nie so gesehen, wie damals, meinten wir, sie wäre verwandelt gewesen, eine silberne Wolke von Blüten, eine freudige Lebensflamme, entledigt alles gröberen Stoffs.
Ach! es war alles so voll Lust und Hoffnung, rief Diotima, so voll unaufhörlichen Wachstums und doch