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in Sanssouci oder Bellevue oder sonst, ohne weiter zu fragen, und freuet sich des Lebens." (Sie schüttelte den Kopf.) – "Ich kann dir das nämliche auch gedruckt und griechisch beweisen", sagt' er und trug in das aufgeschlagne Neue Testament auf Geratewohl vorlesend die Stelle ein: "Verschiebst du die innige Feier einer glücklichen Zeit so lange, bis eine andere kommt, wo lauter Hoffnungen in ungetrübter Reihe durch Jahre vor dir hinliegen: so ist auf unserer ewig wankenden glatten Kugel keine einzige innige Freude gedenkbar; denn nach zehn Tagen oder Jahren erscheint gewiss ein Schmerz; und so kannst du dich an keinem Maientage erlaben, und flatterten alle Blüten und Nachtigallen auf dich nieder, weil ganz gewiss der Winter dich mit seinen Flocken und Nächten bedeckt. Geniessest du aber doch deine warme Jugend ungescheuet vor der im Hintergrund wartenden Eisgrube des Alters, in welcher du durch immer wachsende Kälte noch einige Zeit aufbewahret wirst: so halte das frohe Heute für eine lange Jugend und das trübe Übermorgen für ein kurzes Alter." – "Das Griechische oder Lateinische", versetzte sie, "nimmt sich schon geistlicher aus, und auf der Kanzel wird die Sache oft gepredigt, ich geh' auch jedesmal recht getröstet nach Haus, bis das Geld uns wieder ausgeht."

Noch schwerer hatte' er es, sie auf die rechten Freudensprünge zu bringen, mittags am Esstische. Rauchte nämlich statt ihres täglichen Häcksels ein besonderer ägyptischer Fleischtopf, ein seltner Braten, den die Grafen von Wratislaw ohne Schande hätten liefern und die von Waldstein88 mit Ehren hätten vorschneiden können, rauchte ein solcher Schmaus über das Tischtuch: so konnte Siebenkäs gewiss hoffen, dass seine Frau einige hundert Dinge mehr vor dem Essen wegzuarbeiten habe als sonst. – Der Mann sitzt dort und ist willens anzuspiessenblickt umher, gedämpft anfangs, dann grimmigwird doch seiner Meister auf einige Minuten langdenket inzwischen neben dem Braten bei so guter Musse seinem Elende nachtut endlich den ersten Donnerschlag aus seinem Gewitter und schreiet: "Das Donner und Wetter! ich sitze schon ein Säkulum da, und es friert alles einFrau, Frau!"

Es war bei Lenetten (und so bei andern Weibern) nicht Bosheitnoch Unverstandnoch störrische Gleichgültigkeit gegen die Sache oder gegen den Mannsondern das Gegenteil stand durchaus nicht in ihrer Gewalt; und dies erklärt es sattsam.

Inzwischen wird mein Freund Siebenkäs, der diese Darstellung noch früher in die Hand bekommt als selber der Setzer, mir es nicht verargen, dass ich auch seinen Frühstückfehlerhab' ich ihn ja doch aus seinem eignen mundder Welt entdecke. Lag er nämlich am Morgen im Gitterbette mit zugeschlossnen Augen ausgestreckt, so fiel er darin auf Einfälle und Einkleidungen für sein Buch, auf die er stehend und sitzend den ganzen Tag nie gekommen wäre; und in der Tat sind mir mehre Gelehrte aus der geschichte bekannt – z.B. CartesiusAbt GalianiBasedowsogar ich, den ich nicht rechne –, welche, zu der Wanzenart der Rückenschwimmer (Notonectae) gehörig, nur liegend am weitesten kamen, und für welche die Bettlade die beste Braupfanne der geistreichsten unerhörtesten Gedanken war. Ich selber könnte mich desfalls auf manches berufen, was ich geschrieben, wenn ich aufgestanden war. Wer die Sache gut erklären will, der führe hauptsächlich die Morgenkraft des Gehirns an, das nach den äussern und inneren Ferien um so leichter und stärker dem Lenken des Geistes sich bequemt, und füge noch die Freiheit sowohl der Gedanken als der Gehirnbewegungen hinzu, welchen der Tag noch nicht seine vielerlei Richtungen aufgedrungen, und endlich noch die Macht der Erstgeburt, welche der erste Gedanke am Morgen, ähnlich den ersten Jugendeindrücken, ausübt. – Solchen Erklärungen zufolge konnte nun dem Advokaten, wenn er so im warmen Treibbeete der Kissen wuchs und die besten Blüten und Früchte trug, nichts Verdrüsslicheres zu Ohren kommen als Lenettens Ruf in der stube: "komm herein, der Kaffee ist fertig"; gewöhnlich gebar er in der Eile, obgleich in steter Horchangst vor einem zweiten Marschbefehl, noch einen oder ein paar glückliche lebhafte Gedanken in seinem Kindbette nach. Da Lenette aber seine Respekt- oder Respitminuten, die er sich zum Aufstehen nahm, vorauswusste, so rief sie schon, wenn der Kaffee erst kochte, in die kammer hinein: "Steh auf, er wird kalt." Der satirische Rükkenschwimmer wurde wieder seines Orts dieses Vorrücken der Tag- und Nachtgleichen gewahr und blieb ganz ruhig und vergnügt voll Anstrengung zwischen den Federn und brütete fort, wenn sie erst das erstemal gerufen hatte, und antwortete bloss: "den Augenblick!" sich seines gesetzmässigen Doppel-Usos von Frist bedienend.

Dies nötigte wieder die Frau von ihrer Seite noch weiter zurückzugehen und schon, wenn der Kaffee kalt am Feuer stand, zu rufen: "Komm, er wird kalt." Auf diese Weise aber war bei einem solchen wechselseitigen Verfrühen und Verspäten, das täglich bedenklicher wuchs, nirgends Einhalt und Rettung abzusehen, sondern vielmehr eine solche Steigerung zu befahren, dass Lenette ihn um einen ganzen Tag voraus zu früh zum Kaffee rief, wiewohl beide am Ende wieder auf die rechten Sprünge zurückgekommen wären; so wie die jetzigen Abendessen versprechen, sich allmählich in zu frühe Frühstücke zu verkehren, und die Frühstücke in zu bürgerliche und frühe Mittagessen. – Leider konnte Siebenkäs sich nicht an den Notanker anhalten, dass er etwa den Kaffee hätte mahlen hören