des Kummers so schwer auf ihn und drückt das Haupt, in welchem schon alle Jahre ihre Dornen gelassen haben, mit einem neuen Schauder hinunter?
Aber Christus schickte den Todesengel mit der kalten Hand nicht: sondern blickte selber dem verlassenen Greis, der so nahe an ihm war, mit einer solchen lächelnden Sonnenwärme in das Herz, dass sich die reife Frucht ablösete – und wie eine Flamme brach sein Geist aus dem geöffneten Herzen – und begegnete über der zweiten Welt seiner geliebten Seele – und in stillen, alten Umfassungen zitterten beide verknüpft ins Elysium nieder, wo sich keine endigt. – – Maria reichte ihnen liebend die beiden hände und sagte traum- und freudetrunken: "Selige! nun bleibt ihr beisammen."
Über die arme Erde bäumte sich jetzt eine rote Dampfsäule und umklammerte sie und verhüllte ein lautes Schlachtfeld. Endlich quoll der Rauch auseinander über zwei blutigen Menschen, die einander in den verwundeten Armen lagen. Es waren zwei erhabne Freunde, die einander alles aufgeopfert hatten und sich zuerst, aber ihr Vaterland nicht. "Lege deine Wunde an meine, Geliebter! – Nun können wir uns wieder versöhnen; du hast ja mich dem vaterland geopfert und ich dich. – Gib mir dein Herz wieder, eh' es sich verblutet. – Ach, wir können nur miteinander sterben!" – Und jeder gab sein wundes Herz dem andern hin – aber der Tod wich vor ihrem Glanze zurück, und der Eisberg, womit er den Menschen erdrückt, zerfloss auf ihren warmen Herzen; die Erde behielt zwei Menschen, die über sie als Berge aufsteigen und ihr Ströme und Arzneien und hohe Aussichten geben, und denen die niedrige Erde nichts zuschickt als – Wolken.
Maria winkte träumend ihrem Sohne, weil nur er solche Herzen fassen, tragen und beschirmen könne.
– Aber warum lächelst du auf einmal so selig, wie eine freudige Mutter, Maria? – etwa, weil deine liebe Erde, immer höher aufgezogen, mit ihren Frühlingblumen über das Ufer der zweiten Welt hereinwanket? – weil liegende Nachtigallen sich mit heissbrütenden Herzen auf kühle Auen drücken? – weil die Sturmwolken zu Regenbogen aufblühen? – weil deine unvergessliche Erde so glücklich ist im Putze des Frühlings, im Glanze seiner Blumen, im Freudengeschrei seiner Sänger? – Nein, darum allein nicht; du lächelst so selig, weil du eine Mutter siehst und ihr Kind. Ist es nicht eine Mutter, die jetzt sich bückt und die arme weit aufschliesset und mit entzückter stimme ruft: "Mein Kind, komm wieder an mein Herz!" – Ist es nicht ihr Kind, das unschuldig im brausenden Tempel des Frühlings neben seinem lehrenden Genius steht, und das der lächelnden Gestalt zuläuft, und das, so früh beglückt und an das warme Herz voll Mutterliebe gezogen, ihre Laute nicht versteht: "Du gutes Kind, wie freust du mich! Bist du denn glücklich? liebst du mich denn? O sieh mich an, du Teurer, und lächle immerfort!"...
Maria wurde von der schönen Entzückung aufgeweckt, und sie fiel sanft erbebend um ihren eignen Sohn und sagte weinend: "Ach, nur eine Mutter kann lieben, nur eine Mutter" – und die Erde sank mit der Mutter, die am Herzen des Kindes blieb, wieder in den irdischen Äter hinab...
Und auch mich erweckte die Entzückung; aber nichts war verschwunden als das Gewitter: denn die Mutter, die im Traum das kindliche Herz an ihres gedrückt, lag noch auf der Erde in der schönen Umarmung – und sie lieset diesen Traum und verzeiht vielleicht dem Träumer die Wahrheit.
Drittes Bändchen
Neuntes Kapitel
Kartoffelkriege mit Weibern – und mit Männern – der Dezemberspaziergang – Zunder der Eifersucht – Erbfolgekrieg um den grillierten Kattun – Zerfallen
mit Stiefel – die schmerzhafte Abendmusik
Ich wünschte, ich schweifte gelegentlich ein wenig aus; aber es fehlt mir an Mut.
Denn es gibt heutzutage wenige Leser, die nicht alles verstehen – wenigstens unter den jungen und geadelten –, und diese fodern (ich verarg' es ihnen nicht) von ihren Schossautoren, sie sollen noch mehr wissen, was eine Unmöglichkeit ist. Durch das englische Maschinenwesen der Enzyklopädien – der enzyklopädischen Wörterbücher – der Konversationslexika – der Auszüge aus dem grösseren Konversationslexikon – der allgemeinen Wörterbücher aller Wissenschaften von Ersch und Gruber setzt sich ein junger Mann in wenigen Monaten bloss am Tage – die Nächte braucht er nicht einmal – in einen ganzen akademischen Senat voll Fakultäten um, den er allein vorstellt und unter welchem er als die akademische Jugend gewissermassen selber steht.
Ein ähnliches Wunder als ein solcher junger Mann und Hauptstädter ist mir nie vorgekommen, es müsste denn der Mann sein, den ich in der Baireuter Harmonie gehört, welcher seinerseits wieder eine ganze Académie royale de musique, ein ganzes Orchester darstellte, indem er mit seinem einzigen Körper alle Instrumente trug und spielte. Es blies dieser Panharmonist vor uns Teilharmonisten ein Waldhorn, das er unter dem rechten arme fest hielt, dieser strich wieder eine Geige, die er unter dem linken hielt, und dieser klopfte wieder zur schicklichsten Zeit eine Trommel, die er auf dem rücken trug – und oben hatte' er eine Mütze mit Schellen aufgesetzt, die er leicht mit dem kopf janitscharenmässig schüttelte – und an die beiden Fussknorren hatte' er Janitscharen-Bleche angeschnallt, die er damit kräftig widereinander schlug; – und so war der ganze Mann ein langer Klang, vom Wirbel bis zur Sohle, so dass man diesen GleichnisMann gern wieder mit etwas